Alle sahen sich nach Herrn Fauchelevent um.
Er war nicht da.
Gillenormand rief Baske.
»Weißt du, wo Herr Fauchelevent ist?«
»Ach, gnädiger Herr, eben hat mir Herr Fauchelevent aufgetragen, Ihnen zu bestellen, daß seine Hand ihn schmerzt und daß er nicht mit dem Herrn Baron und der Frau Baronin speisen kann. Er bittet, ihn zu entschuldigen, er wird morgen früh vorsprechen.«
Der leere Lehnstuhl wirkte einen Augenblick lang bedrückend. Aber wenn auch Fauchelevent fehlte, Gillenormand war ja da, und er strahlte für zwei. Herr Fauchelevent habe nur recht getan, versicherte er, sich sofort zu Bett zu begeben, wenn seine Hand schmerze; übrigens liege kein Anlaß vor, sich zu beunruhigen, das Ganze sei nur ein harmloses Wehweh.
Cosette und Marius befanden sich in einem so egoistischen Glückszustand, daß sie Mißbehagen gar nicht empfinden konnten. Übrigens hatte Herr Gillenormand einen erlösenden Gedanken.
»Großer Gott!« rief er, »der Lehnstuhl ist leer. Komm her, Marius, deine Tante wird es, obgleich sie ein Recht auf dich hat, schon erlauben. Dieser Stuhl gehört dir. Fortunatus neben der Fortunata!«
Alle spendeten Beifall, und Marius nahm neben Cosette Platz. So kam es, daß Cosette, die zuerst Jean Valjeans Abwesenheit beklagt hatte, schließlich mit ihr recht zufrieden war. Sanft setzte sie ihren zarten, weißbeschuhten Fuß auf den Marius’.
Der Koffer, von dem Jean Valjean sich nie trennte
Was war aus Jean Valjean geworden?
Sofort nachdem er auf Cosettes zärtlich geäußerten Wunsch gelacht hatte, war er aufgestanden und unbemerkt ins Vorzimmer hinausgeschlichen. Er traf dort Baske, erteilte ihm den Auftrag, seinen Weggang zu entschuldigen, und ging.
Die Fenster des Speisesaals gingen nach der Straße hinaus. Jean Valjean blieb einige Minuten reglos stehen und lauschte. Gedämpft kam das Geräusch des Festes bis zu ihm. Er hörte die laute, herrische Stimme des Großvaters, Geigenspiel, Klirren von Tellern und Gläsern, fröhliches Gelächter und deutlich unter all den anderen Stimmen die Cosettes.
Da verließ er die Rue des Filles-du-Calvaire und ging in die Rue de l’Homme Armé.
Er kam nach Hause, zündete seine Kerze an und stieg hinauf. Die Wohnung lag verlassen da, denn auch Toussaint war fort. Jean Valjeans Schritte hallten lauter wider als sonst. Die Türen aller Schränke standen offen. Er ging in Cosettes Zimmer. Die Laken waren von dem Bett genommen. Das Kissen, seines Bezugs und seiner Spitzen beraubt, lag auf den zusammengelegten Schlafdecken am Fußende der Matratzen. Alle diese kleinen Gegenstände, an die Frauen ihr Herz hängen, hatte Cosette mitgenommen; so blieben nur die schweren Möbel und die vier Wände zurück. Auch Cosettes Bett war verlassen. Nur eines schien auf einen Schläfer zu warten – das seine.
Jean Valjean betrachtete die Wände, schloß die Türen der Schränke und ging von Zimmer zu Zimmer. Schließlich kehrte er in das seine zurück und stellte die Kerze auf den Tisch. Er nahm die Binde ab und bediente sich jetzt seiner rechten Hand, als ob sie unverletzt wäre.
Er trat an sein Bett, und seine Augen blieben, zufällig oder beabsichtigt, an dem Koffer hängen, von dem er sich nie hatte trennen wollen und von dem Cosette sagte, sie sei eifersüchtig auf ihn. Jean Valjean hatte ihn am 4. Juli auf ein Tischchen neben sein Bett gestellt. Jetzt trat er näher, zog einen Schlüssel aus der Tasche und sperrte den Koffer auf.
Langsam nahm er daraus die Kleider, in denen Cosette vor zehn Jahren Montfermeil verlassen hatte: das schwarze Kleid, ein Umschlagetuch, plumpe, kleine Kinderschühchen, die Cosette vielleicht jetzt noch gepaßt hätten, ein warmes Jäckchen, einen Trikotunterrock, eine Schürze mit Taschen und Wollstrümpfe. Alle diese Dinge waren schwarz. Er hatte sie nach Montfermeil gebracht. In der Reihenfolge, wie er sie aus dem Koffer nahm, legte er sie auf das Bett. Er sann.
Es war Winter, ein kalter Dezember, da hatte er sie getroffen, halbnackt, in Lumpen gehüllt, rotgefrorene Füßchen in groben Holzschuhen. Er, Jean Valjean, hatte sie von diesen Lumpen befreit und sie in Trauerkleider gesteckt. Er dachte an den Wald von Montfermeil. Sie hatten ihn zusammen durchschritten, Cosette und er; die Bäume waren kahl gewesen, kein Vogel hatte den Himmel, den kein Sonnenstrahl erhellte, belebt: und doch war es schön gewesen. Er ordnete die Kleinigkeiten, die ihm lieb geworden waren, auf dem Bett, legte das Tuch zu dem Unterrock, die Strümpfe neben die Schuhe, das Kleidchen neben den Rock. Sie war damals noch sehr klein gewesen, hatte mit Mühe die große Puppe getragen; in der Tasche hatte sie ihren Louisdor gehabt, hatte gelacht; so waren sie Hand in Hand weitergegangen. Niemand hatte sie besessen als ihn.
Und jetzt beugte sich dieser weiße, ehrwürdige Kopf auf das Bett herab, dies alte, stoische Herz drohte zu zerbrechen, sein Gesicht vergrub sich in Cosettes Kleidern, und wenn in diesem Augenblick jemand die Treppe heraufgekommen wäre, hätte er den Greis furchtbar schluchzen gehört.
Der letzte Tropfen des Kelches
Der Tag nach der Hochzeit ist ruhig. Man läßt die Glücklichen allein. Man schont ihren langen Schlaf. Der Trubel der Glückwünsche und Besuche setzt erst später ein.
Am 17. Februar war es schon über Mittag, als Baske, Staubtuch und Staubwedel unter dem Arm, das Vorzimmer aufräumte. Plötzlich hörte er, wie an die Türe geklopft wurde. Der Fremde hatte nicht geläutet, wie es sich an einem solchen Tage geziemte. Baske öffnete und sah Fauchelevent. Er führte ihn in den Salon, in dem noch alles drunter und drüber war und der noch einem Schlachtfelde glich.
»Ach, Herr«, sagte er, »wir sind spät aufgestanden.«
»Ist Ihr Herr schon auf?« fragte Jean Valjean.
»Welcher? Der alte oder der neue?«
»Herr Pontmercy.«
»Ach, der Herr Baron?«
Baron ist man hauptsächlich für die Dienstboten. Auf sie fällt immer etwas von dem Glanz ab. Marius, der ja ein kriegerischer Republikaner war, der noch dazu seine Gesinnung erprobt hatte, war Baron wider Willen. Sein Titel hatte in der Familie eine kleine Revolution veranlaßt. Jetzt war es Gillenormand, der ihn in den Vordergrund schob, während Marius ihn zurückstellte. Aber der Oberst Pontmercy hatte geschrieben:
»Mein Sohn wird meinen Titel tragen.«
Marius gehorchte, und Cosette, in der sich die Frauenart fühlbar machte, war entzückt, Frau Baronin zu sein.
»Der Herr Baron?« wiederholte Baske, »ich werde nachsehen. Ich will ihm sagen, daß Herr Fauchelevent hier ist.«
»Nein. Sagen Sie ihm das nicht. Bestellen Sie ihm nur, daß jemand da ist, der ihn allein zu sprechen wünscht. Nennen Sie keinen Namen.«
Jean Valjean blieb allein.
Der Salon war, wie wir bereits berichteten, in vollkommener Unordnung. Auf dem Parkett lagen allerlei Blumen, die aus Girlanden und Frisuren herabgefallen waren. Die Kerzen, bis auf den Stumpf niedergebrannt, bildeten auf den kristallenen Leuchtern Stalaktiten aus Wachs. Kein Möbel stand an seinem Platz. In den Ecken waren Lehnstühle zusammengerückt und schienen ein Gespräch fortzusetzen.
So vergingen einige Minuten. Jean Valjean stand noch immer unbeweglich an dem Platze, an dem Baske ihn verlassen hatte. Er war sehr blaß. Seine Augen glühten und lagen infolge der Schlaflosigkeit in tiefen Höhlen. Der schwarze Rock war so zerdrückt, daß man auf den ersten Blick erkannte, er sei in dieser Nacht nicht abgelegt worden.
Jetzt kam von der Türe das Geräusch von Schritten näher, Jean Valjean blickte auf.
Lachend und erhobenen Hauptes trat Marius ein. Auch er hatte nicht geschlafen.
»Ach, Sie sind es, Vater!« rief er, als er Valjean erkannte. »Dieser Schafskopf, Baske, tat geheimnisvoll. Aber Sie kommen zu früh. Es ist erst halb eins, Cosette schläft noch.«
Daß Marius zu Fauchelevent Vater gesagt hatte, bewies, wie glücklich er war. Bis jetzt hatte zwischen den beiden immer Kälte und Scheu gestanden, das Eis zwischen ihnen war nicht zu brechen noch zu schmelzen gewesen. In seinem Glückszustand hatte Marius alles vergessen, Fauchelevent war für ihn, was er für Cosette war, der Vater.