In einem Paroxysmus der Freude sprach er weiter:
»Ich freue mich sehr, Sie zu sehen! Sie haben uns gestern gefehlt. Wie geht es Ihrer Hand? Besser doch?«
Zufrieden mit der bestätigenden Antwort, begann er weiterzuplaudern:
»Wir haben viel von Ihnen gesprochen, wir beide. Cosette liebt sie so sehr. Sie dürfen nie vergessen, daß Ihr Heim hier ist. Von der Rue de l’Homme Armé wollen wir nichts mehr wissen. Um keinen Preis der Welt! Wie können Sie nur in einer Straße wohnen, die mürrisch, verärgert und kalt ist und in die nicht einmal ein Wagen einfahren kann? Kommen Sie nur hierher, gleich heute! Wir sind fest entschlossen, ein glückliches Leben miteinander zu führen. Mein Großvater hat Gefallen an Ihnen gefunden. Spielen Sie Whist? Wenn Sie Whist spielen, werden Sie ihm ganz unentbehrlich sein. Wenn ich bei Gericht zu tun habe, werden Sie Cosette spazierenführen, wie damals im Luxembourg. Erinnern Sie sich noch? Sie frühstücken doch mit uns?«
»Mein Herr«, sagte Jean Valjean, »ich muß Ihnen etwas sagen. Ich bin ein Galeerensträfling.«
Es gibt Töne, die so hoch sind, daß unser Ohr sie nicht mehr erfassen kann. Und ähnlich geht es mit gewissen Gedanken – sie berühren zunächst das Gehirn dessen, dem sie mitgeteilt werden, nicht. Die Worte »ich bin ein Galeerensträfling« erreichten wohl das Ohr Marius’, aber er verstand nicht. Er begriff, daß man ihm da etwas gesagt habe, aber wußte nicht, was es war.
Jetzt erst merkte er, daß der Mann, der ihm gegenüberstand, in furchtbarer Verfassung war. Sein eigenes Glück hatte Marius gehindert, die Blässe des andern zu bemerken.
Jean Valjean nahm das schwarze Tuch ab, in das sein Arm gehüllt war, wickelte die Hand aus dem Leinen und zeigte den entblößten Daumen Marius.
»Ich habe nichts an der Hand«, sagte er.
Marius sah den Daumen an.
»Ich habe auch nichts daran gehabt«, fuhr Jean Valjean fort. »Aber ich mußte bei Ihrer Hochzeit fernbleiben. So gut ich es konnte, habe ich es auch getan. Ich habe diese Verletzung vorgeschützt, um nicht eine Fälschung zu begehen, denn sonst könnte Ihr Heiratskontrakt ungültig erklärt werden.«
Marius stammelte:
»Was soll das bedeuten?«
»Das soll bedeuten, daß ich auf den Galeeren war.«
»Aber mir ist, als ob ich verrückt werden sollte!«
»Herr Pontmercy, ich war neunzehn Jahre auf den Galeeren. Wegen Diebstahls. Dann wurde ich zu lebenslänglicher Kerkerhaft verurteilt. Wieder wegen Diebstahls. Als Rückfälliger. Augenblicklich bin ich ein Bannbrüchiger.«
Marius mochte noch so sehr vor der Wirklichkeit zurückschrecken, schließlich mußte er sich ergeben. Er begann zu begreifen, und wie es in solchen Situationen zu geschehen pflegt, er begriff zuviel. Ein schreckliches Licht ging ihm auf, er glaubte jetzt, daß auch ihm Furchtbares bevorstehe.
»Sagen Sie alles!« rief er. »Sie sind Cosettes Vater!«
Und mit einer Bewegung höchsten Abscheus trat er einige Schritte zurück.
Jean Valjean richtete sich so majestätisch auf, daß er über sein eigenes Maß hinauszuwachsen schien.
»Sie müssen mir wohl glauben, mein Herr; obwohl unser Eid vor dem Gericht nicht gilt …«
Er schwieg einen Augenblick, dann fuhr er mit höchster Festigkeit fort, indem er jede Silbe hervorhob:
»Sie glauben mir. Ich, der Vater Cosettes? Nein, vor Gott nicht. Ich bin ein Bauer aus Faverolles. Als Baumscherer verdiente ich mein Brot. Ich heiße nicht Fauchelevent, sondern Jean Valjean. Mit Cosette bin ich nicht verwandt. Beruhigen Sie sich. Ich hin einer, der vorübergeht. Vor zehn Jahren wußte ich noch gar nicht, daß es Cosette gab. Ich liebe sie, das ist wahr. Wenn man ein Kind aufwachsen gesehen hat, liebt man es, zumal, wenn man selbst schon alt ist. Ein Greis ist für alle kleinen Kinder ein wenig Großvater. Sie können, glaube ich, voraussetzen, daß ich etwas wie ein Herz besitze. Sie war eine Waise. Weder Vater noch Mutter. Sie brauchte mich. Darum begann ich sie zu lieben. Kinder sind ja so schwach, daß der erstbeste, sogar einer wie ich, ihr Beschützer werden kann. Diese Pflicht habe ich gegen Cosette erfüllt. Ich bilde mir nicht ein, daß man eine solche Kleinigkeit eine edle Tat nennen kann, aber wenn es eine ist, so bedenken Sie, daß ich sie vollbracht habe. Stellen Sie diesen mildernden Umstand in Rechnung. Heute scheidet Cosette aus meinem Leben aus, unsere Wege trennen sich. In Zukunft bin ich niemand für sie. Cosette ist die Baronin Pontmercy. Eine andere Vorsehung wacht über sie. Sie hat gewonnen bei diesem Tausch. Alles ist gut. Was die sechshunderttausend Franken betrifft, so sprechen Sie mir nicht davon, man hat sie mir zur Aufbewahrung gegeben. Wie konnte man es mir anvertrauen? Nun, ich erstatte es ja zurück. Niemand darf mehr von mir verlangen. Ja, ich sage Ihnen sogar meinen wahren Namen. Ich lege Wert darauf, daß Sie wissen, wer ich bin.«
Jean Valjean sah Marius in die Augen.
Noch waren die Gedanken des jungen Mannes wirr und unzusammenhängend. Er war so fassungslos, daß er, fast als ob diese Mitteilung ihm ärgerlich sei, fragte:
»Aber warum sagen Sie mir das nur? Wer zwingt Sie dazu? Sie konnten Ihr Geheimnis doch für sich behalten. Niemand hat Sie denunziert, niemand verfolgt Sie. Sie haben einen Grund, mir freiwillig solche Mitteilung zu machen. Sprechen Sie weiter! Noch haben Sie nicht alles gesagt. Was bezwecken Sie mit Ihrem Geständnis?«
»Was ich bezwecke? Nun, was kann ein Mensch damit bezwecken, daß er sagt: ich bin ein Galeerensträfling? Ja, meine Veranlassung ist vielleicht seltsam. Ich tue es aus Gewissenhaftigkeit. Begreifen Sie, es gibt unglücklicherweise ein Band, das mein Herz fesselt. Zumal wenn man alt ist, sind solche Fesseln zäh. Alles ringsum löst sich auf – sie bleiben bestehen. Hätte ich dieses Band zerreißen können, fortgehen, weit von hier, ich hätte es gewiß getan. In der Rue du Bouloy warten die Postkutschen! Sie sind glücklich – ich gehe. Ich habe es versucht, dieses Band zu zerreißen, ich habe daran gezerrt, aber es hielt gut, ich habe mir selbst das Herz herausgerissen. So habe ich begriffen, daß ich nicht anderswo als hier leben kann. Ich muß bleiben. Natürlich haben Sie recht, es war dumm von mir, ich konnte ja ganz einfach bleiben. Sie bieten mir ein Zimmer in Ihrem Hause, die Baronin Pontmercy liebt mich, hält einen bequemen Lehnstuhl für mich bereit; Ihr Großvater wünscht nichts anderes, als mich hier zu haben. Ich gefalle ihm. Wir leben alle zusammen, essen an einem Tisch, ich reiche Cosette … Verzeihung, der Baronin Pontmercy den Arm. Es ist die Freude, das Glück, alles. Wir leben als eine Familie!« «
Bei diesem Wort regte sich in Jean Valjean Zorn. Er verschränkte die Arme, starrte den Fußboden an, als ob er ein Loch in die Erde bohren wollte, und sprach laut:
»Eine Familie? Nein. Ich gehöre zu keiner Familie, nicht zu der Ihren und nicht zu der der Menschen schlechthin. Ich bin in allen Häusern, wo Menschen untereinander sind, überzählig. Ich bin ein Unglücklicher, der außen steht. Habe ich Vater und Mutter gehabt? Fast bezweifle ich es. An dem Tag, da ich dieses Kind verheiratete, war alles vorbei; ich sah sie glücklich, sie hatte den Mann gewonnen, den sie liebt, alle Freuden einer Familie – da sagte ich mir: dringe nicht ein! Ich konnte lügen, gewiß, Sie alle täuschen, Fauchelevent bleiben. Solange es für das Kind war, konnte ich es. Aber jetzt, da es um meinetwillen geschehen soll, kann ich es nicht mehr tun. Ich brauchte ja nur zu schweigen, gewiß, und alles wäre weitergegangen. Sie fragen, was mich zu sprechen zwingt: ein komisches Ding, mein Gewissen. Es wäre ja leicht gewesen, zu schweigen. Eine Nacht lang habe ich versucht, mich zu diesem Entschluß durchzuringen. Ich habe alle Gründe, sehr gute Gründe, die sich dafür anführen lassen, erwogen, und doch – ich habe getan, was ich konnte. Nur zwei Dinge gelangen mir nicht: ich konnte weder jenes Band zerreißen, das mein Herz umschlungen hält, noch konnte ich jenen Berater zum Schweigen bringen, der da zu mir spricht, wenn ich allein bin. Darum bin ich hierhergekommen, um Ihnen heute morgen alles zu sagen – alles oder fast alles. Dinge, die nur mich betreffen, behalte ich für mich. Das Wichtigste wissen Sie jetzt. Ich habe mein Geheimnis hierhergetragen und vor Ihnen entblößt. Oh, es wäre wohl äußerlich alles gut gewesen, wenn ich Fauchelevent geblieben wäre. Aber dieses scheinbare Glück genügt nicht. Der Mensch muß mit sich selbst zufrieden sein. Sollte ich, ohne Sie zu warnen, Sie in Beziehungen zum Bagno bringen? Sollte ich mich an Ihren Tisch setzen, mit dem Gedanken, daß Sie mich fortjagen würden, wenn Sie wüßten, wer ich bin? Soll ich mich von Ihren Bedienten betreuen lassen, die mir verächtlich den Rücken kehren würden, wenn sie mein Geheimnis erführen? Sollte ich mir einen Druck Ihrer Hand stehlen? Sooft in diesem Hause vier Leute einig und glücklich beisammengesessen wären, Ihr Großvater, Sie beide und ich, immer wäre einer unter uns ein Unbekannter gewesen. Oh, es gibt Fälle, in denen Schweigen Lügen bedeutet. Und diese Lüge, diesen Diebstahl, diesen elenden Verrat hätte ich Tropfen für Tropfen täglich ausspeien und wieder aufsaugen sollen! Damit hätte ich schlafen sollen! Cosette zulächeln, mein Brot essen? Solcher Betrug, um glücklich zu sein?«