»Nicht doch!«
»Haben Sie Baske gesagt, er solle nicht heizen?«
»Ja. Wir sind bald im Mai.«
»Aber hier im Hause wird bis Juni geheizt. Dieser Keller da braucht das ganze Jahr Feuer.«
»Ich dachte, es wäre unnütz.«
»Das ist wieder eine von Ihren Ideen«, erwiderte Cosette.
Am nächsten Tag war geheizt, aber die beiden Lehnstühle standen in der anderen Ecke des Zimmers, gleich neben der Tür.
Was bedeutet das? fragte sich Jean Valjean.
Er stellte die Lehnstühle wieder an ihren alten Platz. Doch fand er einigen Trost darin, daß wieder geheizt war. Diesmal blieb er noch länger als sonst. Als er aufstand, um zu gehen, sagte Cosette:
»Gestern hat Marius etwas Sonderbares gesagt.«
»Was denn?«
»Er sagte: wir haben dreißigtausend Livres Rente. Siebenundzwanzigtausend von dir, dreitausend von meinem Großvater. Würdest du den Mut haben, mit dreitausend auszukommen?
Gewiß doch, sagte ich, mit dir natürlich. Aber warum fragst du? Ich wollte es nur wissen, sagte er.«
Jean Valjean hatte nichts dazu zu sagen. Cosette erwartete wohl von ihm eine Erklärung, aber er schwieg. Als er in die Rue de l’Homme Armé zurückkehrte, war er so versonnen, daß er das Haustor verwechselte und in ein Nachbarhaus eintrat. Erst im zweiten Stock bemerkte er, daß er sich geirrt hatte.
Allerlei Vermutungen beschäftigten ihn. Offenbar machte sich Marius Gedanken über den Ursprung der sechshunderttausend Franken und befürchtete, sie stammten aus einer unreinen Quelle. Vielleicht hatte er entdeckt, daß sie von ihm, Jean Valjean, kamen, und scheute sich vor diesem verdächtigen Reichtum. Er zog es sogar vor, mit Cosette in Armut zu leben, statt einen zweifelhaften Reichtum zu genießen.
Auch ahnte Jean Valjean, daß man ihn los sein wollte.
Am nächsten Tag erschrak er, als er in das Zimmer eintrat. Die Lehnstühle waren verschwunden. Nicht einmal ein Sessel war da.
»Ach, wo sind denn die Lehnstühle?« fragte Cosette, als sie eintrat.
»Fort«, erwiderte Jean Valjean.
»Aber das ist stark!«
»Ich habe Baske gesagt, er solle sie nehmen«, stammelte Jean Valjean.
»Und warum?«
»Ich bleibe nur einige Minuten.«
»Aber daß Sie kurz bleiben, ist doch kein Grund zu stehen!«
Cosette zuckte die Achseln.
»Heute lassen Sie die Lehnstühle hinausschaffen, neulich ließen Sie das Feuer löschen. Sie sind wirklich seltsam.«
»Adieu«, murmelte Jean Valjean.
Er sagte nicht: Adieu, Cosette, aber er brachte es auch nicht übers Herz zu sagen: Adieu, Frau Baronin.
Diesmal hatte er begriffen.
Am nächsten Tag kam er nicht. Cosette bemerkte es erst am Abend. Es tat ihr weh, aber ein Kuß Marius’ tröstete sie.
Und am zweitnächsten Tag kam er wieder nicht.
Cosette wurde nicht weiter aufmerksam, aber sie sandte Nicolette zu Herrn Jean, um zu fragen, warum er nicht gekommen sei. Nicolette brachte den Bescheid, Herr Jean habe viel zu tun, er werde bald kommen, sobald als möglich. Auch wolle er verreisen. Die gnädige Frau werde sich ja erinnern, daß er von Zeit zu Zeit verreisen müßte. Kein Grund, sich zu beunruhigen. Man möge sich nicht darüber Gedanken machen.
Sechstes Buch
Dunkelheit und letztes Licht
Letztes Aufflackern der verlöschenden Lampe
Eines Tages ging Jean Valjean die Treppe hinunter, ging einige Schritte auf der Straße und setzte sich auf jenen Prellstein, auf dem ihn in der Nacht vom 5. zum 6. Juni Gavroche gesehen hatte. Er blieb einige Minuten sitzen, dann stieg er wieder hinauf. Das war die letzte Schwingung des Pendels. Am nächsten Tag ging er nicht mehr aus. Und am übernächsten verließ er das Bett nicht mehr.
Die Pförtnerin, die seine bescheidene Mahlzeit bereitete, etwas Kohl, einige Kartoffeln und Speck, blickte in den irdenen Topf und sagte:
»Aber Sie haben ja gestern nichts gegessen, lieber Mann!«
»Doch.«
»Aber der Topf ist ja noch ganz voll!«
»Sehen Sie den Wasserkrug. Er ist ganz leer.«
»Das beweist nur, daß Sie getrunken haben, und wenn einer trinkt, aber nicht ißt, so ist das Fieber.«
»Ich werde morgen essen.«
»Oder am Dreifaltigkeitstag! Warum denn nicht heute? Wer sagt denn, ich esse morgen? Mein ganzes Essen unberührt lassen! Die Bohnen haben Sie nicht einmal angerührt, und sie waren doch so gut.«
Jean Valjean ergriff die Hand der alten Frau.
»Ich verspreche Ihnen, alles aufzuessen«, sagte er freundlich.
»Ich bin gar nicht zufrieden mit Ihnen«, entgegnete die Pförtnerin.
Jean Valjean sah keinen anderen Menschen als diese Frau. Es gibt in Paris Straßen, die kein Mensch benützt, Häuser, die niemand betritt. In einer solchen Straße und in einem solchen Hause wohnte Jean Valjean.
Eine Woche verstrich, ohne daß Jean Valjean ausging. Er blieb im Bett. Die Pförtnerin sagte zu ihrem Mann:
»Der gute Alte da oben steht nicht mehr auf und ißt nicht mehr. Das kann nicht lange dauern. Er hat wohl Kummer. Ich bin überzeugt, daß seine Tochter schlecht verheiratet ist.«
»Wenn er reich ist«, antwortete der Pförtner im Ton ehemännlicher Überlegenheit, »so kann er einen Arzt holen lassen, ist er arm, so kann er es nicht. Wenn er keinen Arzt holt, stirbt er.«
»Und wenn er doch einen holt?«
»Dann stirbt er auch«, erklärte der Pförtner.
Am selben Tage sah die Pförtnerin auf der Straße einen Arzt, der in jener Gegend wohnte. Sie bat ihn auf eigene Verantwortung, zu dem Alten hinaufzugehen.
Als der Arzt wieder herunterkam, fragte ihn die Pförtnerin:
»Nun, Herr Doktor?«
»Ihr Kranker ist wirklich krank.«
»Was hat er denn?«
»Alles und nichts. Soviel mir scheint, hat er jemand verloren, an dem er sehr hängt. Manche Leute sterben an solchen Sachen.«
»Und was hat er Ihnen gesagt?«
»Daß es ihm gut geht.«
»Kommen Sie wieder?«
»Ja, aber besser wäre, es käme ein anderer an meiner Statt.«
Erlöschen
Eines Abends hatte Jean Valjean Mühe, sich auf dem Ellbogen aufzurichten; er fühlte seinen Puls und fand ihn kaum. Sein Atem war kurz und setzte zuweilen ganz aus.
Von Todesahnungen aufgeschreckt, raffte er sich zusammen, stand auf und kleidete sich an. Dabei mußte er mehrere Male einhalten; als er in den Rock schlüpfte, trat ihm Schweiß auf die Stirn. Seit er allein war, hatte er sein Bett in das Vorzimmer gestellt, um die verödeten Räume möglichst wenig zu benützen.
Jeder Schritt, den er von einem Möbelstück zum andern tat, ermüdete ihn so sehr, daß er sich setzen mußte. Das war nicht die gewöhnliche Müdigkeit, die Erschöpfung ist und zugleich Sammlung neuer Kraft; es war der schwache Rest der Lebenskraft, die verströmt und sich nicht mehr erneuert.
Einer der Stühle, auf den er sich fallen ließ, stand vor dem Spiegel, der ihm einst so verhängnisvoll geworden war, als er darin Cosettes Schrift las. Er blickte hinein und erkannte sich kaum. Er war achtzig Jahre alt! Bevor Cosette geheiratet hatte, hätte man ihm kaum fünfzig gegeben; dieses einzige Jahr zählte für dreißig. Auf seiner Stirn waren nicht die Runzeln des Greisenalters, sondern das geheimnisvolle Mal des Todes. Man fühlte die unerbittliche Klaue des Schicksals. Seine Wangen waren schlaff, die Haut hatte eine Farbe, die an Erde erinnerte; die beiden Mundwinkel waren herabgezogen wie bei den Masken, die man auf antiken Gräbern sieht. Vorwurfsvoll blickte er ins Leere.
Jetzt befand er sich im letzten Stadium der Verzweiflung, in jenem Zustand, wo der Schmerz sozusagen nicht mehr beweglich ist, sondern erstarrt; eine Schicht der Verzweiflung lag auf seiner Seele.