Es war dunkel geworden. Er schleppte sich mühsam an einen Tisch, auf dem Feder, Tinte und Papier bereitlag. Seine Hand zitterte, als er schrieb:
»Ich segne dich, Cosette. Du sollst alles wissen. Dein Gatte hat recht, daß er mir zu verstehen gab, ich sollte mich fortpacken; doch ist manches nicht wahr, was er glaubt; und doch hat er recht. Er ist ein vorzüglicher Mensch. Du sollst ihn immer lieben, wenn ich tot sein werde. Cosette, ich will Dir sagen, daß das Geld Dir gehört. So verhält es sich damit: der weiße Jett kommt aus Norwegen, der schwarze aus England, das schwarze Glas aus Deutschland. Jett ist leichter, kostbarer, teurer. Man kann in Frankreich Imitationen herstellen so gut wie in Deutschland. Dazu braucht man einen kleinen, zwei Quadratzoll großen Amboß und eine Spirituslampe, um die Wachsmasse zu schmelzen. Früher verwendete man Harz, das mit Ruß versetzt wurde und vier Franken pro Pfund kostete. Ich habe entdeckt, daß man auch Gummilack und Terpentin verwenden kann. Dann kostet das Pfund nur dreißig Sous, und der Stoff ist sogar besser. Die runden Buckel werden aus violettem Glas gemacht und auf einem kleinen Eisenrahmen in die Harzmasse eingesetzt. Für schwarzen Schmuck muß das Glas violett sein, für Goldschmuck schwarz. Besonders die Spanier kaufen das gern. Spanien ist das Land des Jetts …«
Hier unterbrach er sich. Die Feder fiel ihm aus der Hand, er begann verzweifelt zu schluchzen.
In diesem Augenblick wurde an die Tür geklopft.
Ein Verleumder, der zum Ehrenretter wird
An demselben Tage oder, genauer gesagt, am selben Abend, als Marius sich in sein Arbeitskabinett zurückgezogen hatte, um einen Akt zu studieren, brachte ihm Baske einen Brief und meldete, der Schreiber warte im Vorzimmer.
Ein Brief kann, ebenso wie ein Mensch, ordinär aussehen. Grobes Papier, schlechte Faltung mißfallen auf den ersten Blick. Der Brief, den Baske brachte, war von dieser Art. Er roch nach Tabak. Nichts weckt leichter Erinnerungen als ein Geruch. Marius erkannte ihn. Er las die Anschrift, die lautete: »An den Herrn Baron Pommerci, im eigenen Hause.« Der Tabakgeruch half ihm, die Schrift wiederzuerkennen.
Das war das Papier, das dieselbe Tinte; die gleiche Schrift, der gleiche Tabak: die Stube Jondrettes tauchte in seiner Erinnerung auf.
Seltsam, jetzt wurde er auf eine der beiden Spuren verwiesen, die er so lange gesucht und bereits verloren geglaubt hatte.
Hastig entsiegelte er das Schreiben und las folgendes:
»Herr Baron, wenn das Höchste Wesen mich mit den nötigen Talenten ausgestattet hätte, wäre ich der Baron Thénard, Mitglied der Akademie der Wissenschaften, aber so bin ich es nicht. Ich habe nur denselben Namen wie er und bin glücklich, wenn dieser Name mich Ihrer Güte empfiehlt. Die Wohltat, die Sie mir erweisen, wird gegenseitig sein. Ich besitze ein Geheimnis, das eine Person betrifft. Dieses Geheimnis stelle ich Ihnen zur Verfügung, damit ich Ihnen nützen kann. Sie sollen ein einfaches Mittel finden, aus Ihrer ehrenwerten Familie das Individuum zu verjagen, das kein Recht darauf hat, denn die Frau Baronin ist von guter Herkunft. Die Tugend soll nicht länger mit dem Verbrechen zusammenwohnen.
Ich erwarte im Vorzimmer die Befehle des Herrn Barons.«
Der Brief war unterzeichnet: Thénard. Diese Unterschrift war nicht gefälscht. Der Schreiber hatte sich begnügt, sie etwas zu verkürzen.
Der schwülstige Stil und die schlechte Orthographie hätten genügt, um Marius auf die rechte Spur zu lenken. Jetzt bestand kein Zweifel mehr.
Marius war tief erregt. Nach einer ersten Wallung des Staunens empfand er ein intensives Glücksgefühl. Jetzt brauchte er nur noch den andern zu finden, den Mann, der ihn gerettet hatte, dann war er wunschlos.
Er zog eine Lade aus seinem Schreibtisch, entnahm ihr einige Noten, steckte sie in die Tasche und gab Baske Bescheid:
»Lassen Sie den Mann eintreten.«
»Herr Thénard!« meldete Baske.
Und noch einmal war Marius überrascht. Der Mann, der eintrat, war ihm vollkommen unbekannt. Es war ein Greis mit einer plumpen Nase, der das Kinn im Halstuch verbarg und grüne Brillen aufhatte; die glatten Haare hingen in die Stirn wie bei den Perücken der Kutscher vornehmer englischer Herren. Er hatte graue Haare und war von Kopf bis Fuß in ein schwarzes, schäbiges, aber sauberes Gewand gekleidet. Eine Unmenge Berlocken baumelten über der Westentasche und ließen eine Uhr ahnen. Er hatte einen alten Hut in der Hand. Übrigens ging er gebückt, und die Krümmung seines Rückens betonte die Tiefe seiner Verneigung.
Marius war so enttäuscht, daß er den Unbekannten ziemlich übellaunig empfing. Er musterte ihn von Kopf bis Fuß, während der Fremde sich maßlos tief verneigte, dann fragte er barsch:
»Was wollen Sie?«
Der Mann antwortete mit einem liebenswürdigen Lächeln.
»Es scheint mir unmöglich, daß ich nicht schon die Ehre gehabt haben sollte, dem Herrn Baron in irgendeinem Salon zu begegnen. Wenn ich nicht irre, habe ich Sie vor einigen Jahren bei der Fürstin Bagration und im Salon des Grafen Dambrai, Pairs von Frankreich, gesehen.«
Marius beobachtete die Sprechweise des Unbekannten scharf. Seine Enttäuschung wuchs. Der Mann sprach in einem näselnden Tonfall, der ganz und gar nicht der scharfen, trockenen Redeweise Thénardiers entsprach.
»Ich kenne weder die Fürstin Bagration noch den Grafen Dambrai.«
Diese Antwort war kurz. Aber der Unbekannte verneigte sich um so tiefer.
»Wollen der Herr Baron mich anhören. Es gibt in Amerika, nicht weit von Panama, einen Ort namens La Joya. Dieser Ort besteht aus einem einzigen Haus. Es ist ein viereckiger, dreistöckiger Bau aus Ziegeln, die in der Sonne gebrannt sind. Jede Seite des Hauses ist fünfhundert Fuß lang, und jedes Stockwerk springt gegen das untere zwölf Fuß zurück, läßt also eine Terrasse frei, die wie ein Rundgang um das ganze Haus läuft. In der Mitte ist ein Hof, in dem Vorräte und Munition aufbewahrt werden. Das Haus hat weder Fenster noch Türen. Man begnügt sich mit Schießscharten und Strickleitern, auf welchen man vom Fußboden zum ersten Stock, von diesem zum zweiten und dritten hinaufsteigen und von da wieder in den Hof hinabgelangen kann. Auch die Zimmer sind nicht durch Türen verbunden, denn im Hause gibt es nur Leitern. Abends werden sie eingezogen, man legt die Karabiner in den Schießscharten bereit. Niemand kann eindringen. So ist dieser Ort, der achthundert Einwohner hat, des Nachts eine Zitadelle. Warum so viel Vorsicht? Nun, das Land ist gefährlich. Es wimmelt von Menschenfressern. Warum geht man also dahin? Ach, es ist ein wunderbares Land. Man findet dort Gold.«
»Was soll das alles?« unterbrach ihn Marius, dessen Enttäuschung jetzt in Ungeduld umschlug.
»Ich bin ein alter Diplomat, Herr Baron, aber ich bin europamüde. Unsere alte Zivilisation geht mir auf die Nerven. Jetzt will ich es mit den Wilden versuchen.«
»Und?«
»Herr Baron, der Egoismus ist das höchste Gesetz auf Erden. Die elende Bäuerin wendet sich um, wenn die Kutsche vorüberfährt; die Bäuerin, die eigenes Land besitzt, wendet sich nicht um. Der Hund des Armen bellt den Reichen an, der Hund des Reichen den Armen. Jeder für sich! Das Interesse bestimmt alle menschlichen Handlungen. Das Gold ist der Magnet, der uns alle anzieht.«
»Kommen Sie zum Schluß!«
»Ich möchte nach La Joya gehen. Wir sind unserer drei. Ich habe eine Frau und eine Tochter; das Mädchen ist sehr schön. Die Reise ist lang und teuer. Ich brauche dazu etwas Geld.«
»Und was habe ich damit zu tun?«
»Hat denn der Herr Baron meinen Brief nicht gelesen?«
Allerdings: der Inhalt des Schreibens war Marius entgangen. Er hatte nur die Schrift aufmerksam geprüft. Überdies hatte er einen neuen Fingerzeig empfangen: Der Unbekannte hatte gesagt, meine Frau und meine Tochter. Wieder sah Marius ihn scharf an wie ein Untersuchungsrichter. Schließlich sagte er:
»Äußern Sie sich deutlicher.«