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beziehen, aber den niemand kritisch prüft.«2

Andere Wissenschaftler machten ihre Kritik an einem seltsamen Umstand fest. Die Lehrer waren über

die Identität der angeblich» viel versprechenden «Schüler in Form einer Namensliste aufgeklärt worden.

Doch auf Nachfrage gaben die Lehrer an, dass sie die Liste nur einmal kurz überflogen hatten. Keiner

konnte sich auch nur an einen einzigen der aufgeführten Namen erinnern. Im Laufe der Zeit nahmen die

aufgedeckten methodischen Mängel überhand. Das ursprüngliche Experiment wurde in den darauf

folgenden Jahren in mehreren Variationen und mit gesteigerter methodischer Raffinesse wiederholt.

Erschütternde Gesamttendenz, so Spitz: Der Pygmalion-Effekt war entweder völlig abwesend oder aber

verschwindend klein. Doch diese Erkenntnis ist bis heute nicht in die Lehrbücher, in die Presseberichte

und in den gesunden Menschenverstand durchgedrungen.

Die Widerlegung des Pygmalion-Effekts sei» sehr ernüchternd«, räumt Prof. Dr. Herbert Bock von

der Hochschule für Technik, Wirtschaft und Sozialwesen Zittau/Görlitz widerstrebend ein.»Die

Forschungsergebnisse stellen klar, dass die bloße Existenz einer Erwartung über Eigenarten eines anderen

Menschen nicht ausreichen, um deutliche Effekte zu bewirken. Ernüchternd auch in dem zweiten Sinne,

dass einfache und allgemein gültige Erkenntnisse in der Psychologie nicht leicht zu haben sind.«7

«Klassische Musik hebt die Intelligenz von Kindern an«

Mozart war ein genialer Komponist. Seine Musik — und wahrscheinlich überhaupt klassische Musik

— soll Menschen (speziell Kinder), die ihr lauschen, sogar für eine Weile intelligenter machen. Das

Phänomen wird als» Mozart-Effekt «bezeichnet und besagt in seiner engsten Auslegung, dass der frühe

Kontakt mit Mozart-Kompositionen bei Kindern unter drei Jahren die Gehirnentwicklung beschleunigt.

Die Idee, dass ein solches Phänomen existieren könnte, tauchte erstmals im Jahre 1993 auf — an der

University of California in Irvine.8 Dort untersuchten der Physiker Gordon Shaw und Frances Rauscher,

ein Spezialist auf dem Gebiet der kognitiven Entwicklung, bei ein paar Dutzend College-Studenten die

Auswirkungen einer Hörprobe: der ersten 10 Minuten von Mozarts Klaviersonate für vier Hände in D-

Dur (KV 448). Sie stellten eine vorübergehende Steigerimg des räumlichen und zeitlichen Denkens fest

— ein Ergebnis, das per Messung mit dem» Stanford-Binet IQ-Test «ermittelt wurde. Allerdings hielt

dieser Effekt lediglich 15 Minuten an. Und: Niemand sonst hat diese Resultate jemals wiederholen

können.

Im Jahre 1997 gaben Rauscher und Shaw bekannt, sie hätten wissenschaftlich nachgewiesen, dass

Klavier- und Gesangsunterricht das abstrakt-logische Denken bei Kindern besser fördere, als dies der

Computerunterricht bewirke. Das Experiment erfasste drei Kindergartengruppen: Die erste Gruppe

erhielt privaten Klavier- oder Keyboardunterricht sowie Gesangsunterricht; eine zweite Gruppe bekam

privaten Computerunterricht; und eine dritte Gruppe erhielt gar kein Training. Anschließende Tests der

Fähigkeit zu räumlich-zeitlichem Denken zeigten: Die Kinder im Klavier/Keyboard-Programm

erbrachten eine um 34 Prozent höhere Leistung als die anderen. Diese Ergebnisse zeigten, dass die Musik

eindeutig jene höheren Gehirnfunktionen steigert, die für Mathematik, Schach, Wissenschaft und Technik

erforderlich sind.

Die Untersuchungen schlugen in der Öffentlichkeit und in der Fachpresse hohe Wellen. Ein

Wissenschaftsjournal schrieb von einer» spektakulären Karriere als Pop-Wissenschaft«. Noch heute fehlt

der so genannte Mozart-Effekt in kaum einem populären Artikel über den erzieherischen Wert von

(natürlich klassischer) Musik. Allerdings sind übertriebene und irreführende Behauptungen über die

Musik inzwischen so alltäglich, dass der Versuch, sie richtig zu stellen, an Zeitverschwendung grenzt,

lamentiert der amerikanische Philosophie-Professor Robert T. Carroll.9 Ein Gouverneur in Georgia schlug

jedenfalls vor, jedem Kind im Bundesstaat Mozart-Platten zu kaufen, Ratgeberautoren empfahlen

werdenden Müttern, schon ihren ungeborenen Kindern Mozart vorzuspielen.

Mozart-Effekt-Gläubige vermuten, dass komplexe Musik gewisse komplexe neuronale Muster

erleichtert, die bei höheren Hirnaktivitäten wie Mathematik und Schach auftreten. Einfache und repetitive

Musik könnte den gegenteiligen Effekt haben. Dahinter steckt erstens das Modell, dass häufig genutzte

Verbindungen zwischen Neuronen fester» verdrahtet «würden; zweitens die Annahme, dass die zeitlichen

Strukturen von Musik im Hirn in ähnlichen Regionen der linken und rechten Hirnhälfte verarbeitet

würden wie räumliche Muster; drittens aber die Idee, dass gerade oder besonders die Musik Mozarts eine

ähnliche Komplexität aufweise wie die in IQ-Tests» geprüften «geometrischen Aufgaben.

Unglücklicherweise haben sich in der letzten Zeit gleich mehrere Forscher mit Veröffentlichungen zu

Wort gemeldet, die dem Mozart-Effekt den wissenschaftlichen Boden entziehen.8 Kenneth Steele, ein

Psychologie-Professor an der Appalachian State University, und John Bruer, Leiter der James S.

McDonnell Foundation in St. Louis, Missouri, gehören dazu. Dem ganzen Werberummel widersprechend

behaupten sie, dass das Mozart-Hörerlebnis nicht wirklich intelligenzsteigernd oder gesundheitsfördernd

sei. Sie heben hervor, dass sie trotz genauer Befolgung der von Shaw und Rauscher aufgestellten

Protokolle» absolut keinen Effekt «feststellen konnten, obwohl sie in ihrer Studie 125 Studenten

untersuchten. Sie folgerten daraus, dass» es nur wenig Grund zur Unterstützung von

Interventionsprogrammen gibt, die sich auf die Existenz des Mozart-Effekts berufen. «Die Autoren

abschließend:»Ein Requiem dürfte angebracht sein.«

Der Harvard-Psychologe Christopher Chabris hat zu diesem Thema eine Meta-Analyse — also

sozusagen eine Analyse der Analysen — verschiedener einschlägiger Studien durchgeführt. Er zitiert etwa

Arbeiten, nach denen eine Stephen-King-Lesung oder Popmusik zumindest den gleichen Effekt wie

Mozart haben — immer vorausgesetzt, den Versuchspersonen gefällt, was sie hören. Chabris glaubt also an

einen — wenn auch kleinen — Effekt der» enjoyment arousal«(etwa:»freudige Erregung«), der

verbesserte kognitive Leistungen erklären könnte.

Wenn die Musik Mozarts wirklich so gesundheitsfördernd wäre, fragt Robert T. Carroll zynisch,

warum war Mozart selbst so oft krank? Wenn Intelligenz und Geist durch Mozarts Musik so sehr

gefördert würden — warum sind dann die klügsten und inspiriertesten Menschen auf der Welt nicht die

Mozart-Spezialisten? Der» Mozart-Effekt «bietet nach seiner Ansicht ein Beispiel dafür, wie sich in

unserer Welt die Bereiche Wissenschaft und Medien miteinander mischen.

«Es ist möglich, sich mit Hilfe von Superlearning entspannt und stressfrei außerordentliche

Informationsmengen einzuprägen«

Seitdem Menschen lernen müssen, haben sie sich wahrscheinlich nach einer eleganten und hoch

effektiven Hauruck-Methode gesehnt. Der Nürnberger Trichter, eine der frühesten» Mnemotechniken«