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(von Griechisch Mneme:»Gedächtnis«), stellte allerdings nur eine Verballhornung der Museums- und

Archivkultur des 19. Jahrhunderts dar. Getrieben vom unwiderstehlichen Wunsch, Wissen in beliebiger

Menge und ohne Anstrengung im Gehirn zu deponieren, ersinnt man alle paar Jahre ein neues Verfahren.

Das schon vom Namen her großspurigste Verfahren, das» Superlearning«, aber auch andere Techniken

versprechen uns den Geist von Einstein oder eine Fremdsprache quasi im Schlaf.»Am liebsten würden

die Leute das Wissen als Pille einnehmen«, sagt Hans Zeier, Professor am Institut für

Verhaltenswissenschaft der ETH Zürich, der verschiedene Lerntechniken untersuchte.10

Superlearning wurde Mitte der sechziger Jahre von dem bulgarischen Arzt, Psychologen und

Psychotherapeuten Georgi Lozanov an der Universität Sofia entwickelt, er verwendet allerdings noch den

Terminus» Suggestopädie«. Lozanov kritisierte, dass man bisher versucht habe, dem Gehirn zu zeigen,

wie es zu funktionieren hätte. Effektiver und gesünder sei es hingegen, den Lernprozess den

Anforderungen des Gehirns anzupassen. Entsprechend konzipierte Lozanov Elemente, die dieser

Erkenntnis Rechnung tragen sollten. Durch die Anwendung von Suggestion, Musik und

Entspannungstechniken wird das Gehirn angeblich in einen ungewöhnlich aufnahmefähigen Zustand

versetzt, der besonders durch eine» Gleichschaltung «der getrennt arbeitenden Hemisphären zustande

kommen soll.

Der Fremdsprachenunterricht nach Art der Suggestopädie lässt sich kaum als Schulstunde wieder

erkennen: Die Studenten hängen in weichen Sesseln und hören klassische Musik. Im Rhythmus von

Bach, Vivaldi oder Telemann wird dabei der Text der Lektion vorgelesen. Nach weiteren Vorbereitungen

setzen die Sprachschüler den Stoff in Gruppen spielerisch um. Keine harten Schulbänke, keine Noten,

kaum Hausaufgaben. Das Gehirn soll in diesem relaxten Zustand Wissen aufnehmen wie ein trockener

Schwamm Wasser aufsaugt.»Lernen Sie in Wochen, wozu Einstein ein ganzes Leben brauchte«, stapelt

eine Anzeige prahlerisch hoch.

Empirische Untersuchungen zur Wirksamkeit der Suggestopädie kommen jedoch zu anders lautenden

Resultaten. Lozanov will in dieser entspannten Atmosphäre Lerngeschwindigkeit und Gedächtnisleistung

dramatisch gesteigert haben.»Andere Studien konnten keine Leistungssteigerung nachweisen«, stellt das

Schweizer Nachrichtenmagazin» Facts «dagegen.10 Allerdings empfanden die Studenten die Lektionen im

Liegestuhl bei gleicher Lernleistung als angenehmer. Linguisten wie der Hamburger Professor Jürgen

Meier sind skeptisch, ob man ohne systematische Grammatik — die fehlt beim Superlearning ganz — eine

andere Sprache wirklich beherrschen kann.11 Auch Hans Zeier wollte die Suggestopädie wissenschaftlich

untersuchen, hat aber nach einigen Vorversuchen kapituliert.»Die Versuchsbedingungen sind so

kompliziert, dass sie sich wissenschaftlich kaum fassen lassen. «Zeier kam bei seinen Versuchen mit der

Suggestopädie zum Beispiel zum Schluss, dass die Persönlichkeit des Lehrers eine große Rolle spielt.

Solche Einflüsse, die nichts mit der eigentlichen Methode zu tun haben, beeinflussen das Resultat jeder

Untersuchung entscheidend.

«Suggestopädischer Unterricht und Superlearning erreichen nicht mehr als anderer, gut geführter

Unterricht. Die extremen Angaben vieler Vertreter des Superlearning lassen sich empirisch nicht

bestätigen«, fassen die beiden Psychologen Werner Metzig und Martin Schuster von der Universität Köln

die ernüchternde wissenschaftliche Bewertung zusammen. 12»Viele Leute haben falsche Erwartungen.

Die Wissenschaft kann da nicht weiterhelfen«, sagt Zeier, und auch Walter Perrig, Psychologie-Professor

an der Universität Bern, ist überzeugt, dass» kein Wissenschaftler guten Gewissens hinstehen und sagen

kann, diese Methode ist besser als alle andern«.10

An den Schulen, dem naheliegendsten Einsatzort solch hoch wirksamer Lernmethoden, haben sich

die viel gepriesenen Techniken bisher ohnehin nicht durchgesetzt. Sie bleiben privaten Instituten, teuren

Seminaren für Manager oder autodidaktischen Kursen in Buchform vorbehalten. Dass sie die

Schulzimmer nicht systematisch erreichen, hat gute Gründe: Unter der Lehrerschaft herrscht Ratlosigkeit

über die Einsatzmöglichkeit und den Nutzen der neuen Methoden. Ihre Wirksamkeit lässt sich oft nicht

wissenschaftlich belegen, zudem basiert vieles auf theoretischen Konzepten, die für Uneingeweihte nur

schwer verständlich sind.

Die entscheidenden Versatzstücke der Lozanov-Theorie halten ohnehin keiner kritischen Prüfung

stand. Der Glaube, dass es im Gehirn eine» vernachlässigte «Hemisphäre (die rechte) gibt, deren stärkere

Einbindung das Gedächtnis potenzieren würde, ist reiner Hokuspokus (siehe das Kapitel über Mythen des

Gehirns). Beide Hemisphären arbeiten bei jeder geistigen Tätigkeit in trauter Einhelligkeit. Die

Vorstellung, Suggestion und Hypnose könnten die Erinnerungskraft stärken, wird durch die Forschung

ebenfalls widerlegt (siehe Kapitel Hypnose). Die Suggestion stärkt nur das Vertrauen in die eigenen

Erinnerungen — auch wenn diese nicht zutreffend sind. Und auch die» Lernhilfe «Musik ist von

zweifelhaftem Nutzen (siehe auch Stichwort» Mozart-Effekt«):»Ob allerdings mit Musik wirklich besser

gelernt wird, bleibt umstritten«, räumen Metzig und Schuster skeptisch ein.

«Es ist möglich, die Gehirnleistung mit Mind-Machines zu pushen«

Daniel Düsentrieb, der genialische Erfinder aus dem Mickymaus-Universum, zieht sich als rituellen

letzten Ausweg stets seine legendäre elektrische» Denkerkappe«über, wenn ihm nichts mehr einfällt.

Dann wird sein Kopf wieder frei, und es sprudeln die abenteuerlichsten neuen Patente heraus. Der

«Gehirnverstärker «aus Entenhausen, den die Disney-Zeichner vor Jahrzehnten aus dem Hut zauberten,

hat verblüffende Ähnlichkeit mit einem mentalen Fitness-Generator, der ebenfalls aus dem Land der

unbegrenzten Möglichkeiten zu uns kam. Das, was Bodybuilding am menschlichen Körper bewirkt,

sollen die so genannten Mind-Machines für die menschliche Seele leisten. Diese Geräte, so die

vollmundigen Verheißungen, liefern die Segnungen des Wassermann-Zeitalters für den Hausgebrauch.

Die Brille aufgestülpt, ein schneller Tastendruck, und die elektronische Wunderlampe setzt

Tiefenentspannung (und geistige Höhenflüge) im Instant-Verfahren frei. Doch bei Licht betrachtet bieten

die Relax-Apparate nur überteuerten» Neuro-kokolores«, der sich aus einem Prozent Fakten und 99

Prozent Fiktionen zusammensetzt.

Die größte technologische Annäherung an den Nürnberger Trichter bringt angeblich selbst die

flachsten Hirnstromkurven wieder auf Vordermann, tönen die mit Versatzstücken aus Newage,

Psychologie und Hirnforschung verbrämten Propagandaschriften. Darin wird auch immer wieder — ohne

Quellenangabe — der unausgegorene Mythos verbreitet, dass unser Gehirn nur ein (oder 10) Prozent

seiner Leistungsfähigkeit aus sich selbst herausholt (zur Kritik siehe betreffendes Kapitel); per Mind-

Machine kann man jetzt im Schnellgang und bequem im Ohrensessel die ungenutzten Reserven heben.

Der elektronische» Booster «für die grauen Zellen stählt außerdem das Immunsystem, befreit die Seele