von Stress-Schlacken, steigert die Kreativität und potenziert das Lernvermögen im großen Stil. Sogar
veränderte Bewusstseinszustände, die bis dato nur mit Hilfe von Drogen und Meditation zu erzielen
waren, sind auf einmal erschwinglich. Mind-Machines — die Turbolader für Klugheit und Wohlbefinden?
Das Spektrum der feilgebotenen Apparate reicht vom schmucklosen, unscheinbaren Kästchen, das
viel Ähnlichkeit mit einem billigen, klobigen Walkman aufweist und für rund 800 DM zu haben ist, bis
hin zum preisgekrönten Design-Objekt im High-End-Bereich. Das Spitzengerät» Focus«, das der
promovierte Wiener Psychologe und Elektroniker Rudolf Kapellner entworfen hat, besitzt alle
technischen Finessen, wie etwa eine Computerschnittstelle, und schlägt mit mindestens 3.000
Entenhausener Goldtalern zu Buche. Rund 20.000 Deutsche haben sich nach Schätzungen der Stiftung
Warentest bereits einen eigenen, teuren Hirnverstärker angeschafft.
Die >theoretischen< Grundlagen für das real existierende Nachfolgemodell der Denkerkappe sind im
Niemandsland zwischen Gehirnforschung und Esoterik angesiedelt und werden mehr schlecht als recht
durch den Zauberstab der Analogie zusammengehalten. Die Existenz von Hirnströmen hat der fränkische
Neurologe und Psychiater Hans Berger im Jahr 1924 mit dem Elektroenzephalographien nachgewiesen,
der die unverwechselbaren Kurvenausschläge, eben das berühmte Elektroenzephalogramm, das
«Hirnstromwellenbild«, erzeugt. Beim EEG werden die bioelektrischen Impulse, die von Milliarden von
Nervenzellen (Neuronen) unter der Schädeldecke stammen, in eine graphische Darstellung transformiert.
Weil der» Wellensalat «auf dem Papier das überlagerte Trommelfeuer der Neuronen-Völkerscharen
widerspiegelt, gleicht er eher dem undifferenzierten Getöse über einem Fußballstadion als einem fein
artikulierten Zwiegespräch. Es ist daher vollkommen unmöglich, mit dem EEG Gedanken oder auch nur
den» Dialog «einzelner Nervenzellen abzuhorchen. Die verschiedenen Wellenbereiche, die zum Teil
schon zum geistigen Allgemeingut geworden sind, entsprechen daher auch nur einer Art
seismographischer» Richterskala «für den allgemeinen Wachheitsgrad des Gehirns. Ein epileptischer
Anfall — das Äquivalent zu einem Erdbeben oder einem Vulkanausbruch — schlägt so viele Wellen, dass
er auch für das EEG unüberhörbar ist.
Die berühmten» Alphawellen«, die auch schon bei einigen fernöstlichen Versenkungs-Gurus als
Markenzeichen herhalten mussten, schwingen mit einer Frequenz von 8 bis 14 Hertz und sind für den
entspannten Wachzustand bei geschlossenen Augen charakteristisch. Bei aktiver Aufmerksamkeit und in
Stressmomenten werden sie von den schnelleren» Betawellen «abgelöst, die mit 15 bis 30 Schwingungen
pro Sekunde durch das Oberstübchen düsen. In einer zeitlich begrenzten Phase, die sich auf den Übergang
von Wachen und Schlafen beschränkt, sind immer mehr langsame» Thetawellen «mit 3 bis 7 Hertz
eingestreut. Und in der Bewusstlosigkeit des Tiefschlafes nehmen schließlich die ultralangsamen
«Deltawellen«überhand, die es gerade einmal auf ½ bis 2 müde Schwingungen bringen. Eine langsame
Frequenz bedeutet übrigens, dass sehr viele Neuronen» gleichgeschaltet«(synchron) im identischen Takt
feuern und daher nur sehr wenige Informationen verarbeiten können — wie Fußballfans, die monoton
immer wieder den gleichen Namen grölen. Einzig die Lautstärke — das ist beim EEG die» Amplitude«–
steigt. Bei» höheren Drehzahlen«(der» Desynchronisation«) werden dagegen immer mehr Nervenzellen
zu» Nonkonformisten «und kochen quasi ihr eigenes Süppchen — der Informations-Umsatz steigt.
Die Düsentrieb-Idee hinter den Mind-Machines besteht nun in dem Glauben, dass man den» Gesang
der Neuronen «durch die Pforten der Wahrnehmung in genau die Richtung dirigieren könne, die für den
Benutzer die meisten Vorteile bringt. Beim stressgeplagten Manager werden die Alphawellen angestoßen,
so dass der entspannte Schongang einrastet. Das müde Hausmütterchen wird mit einer ordentlichen
Portion peppigem Betarhythmus wieder flottgemacht. Und zur Steigerung der Lernleistung (Stichwort
«Superlearning«) wird das Gehirn auf Theta programmiert, so dass die Bits und Bytes nur so durch den
Königsweg des Unterbewussten in den Langzeitspeicher zischen.
Diese intuitive Vorstellung hat der amerikanische Rundfunkingenieur Robert L. Monroe 1975 mit
reichlich Mickymaus-Logik in einem Patent fixiert, das allen Mind-Machines als Basis zugrunde liegt.
Danach hat das Gehirn die» opportunistische «Neigung, sich auf von außen vorgegebene Schwingungen
einzupendeln, so wie der Musiker sich auf sein Metronom einstimmt. Wenn man nur lange genug Licht-
und Tonreize von 12 Hertz auf die Sinne» knallt«, sorgt die Frequenz-Folge-Reaktion am Ende dafür,
dass auch unter der Schädeldecke der sanfte, betörende Alpharhythmus swingt. So wie eine Ohrwurm-
Melodie, die man mitsummt, obwohl man sich mit aller Gewalt dagegen sträubt.
Solche niedrigen Frequenzen liegen aber nun weit unter der Hörschwelle — sonst würden wir
unentwegt vom Glucksen und Plätschern der inneren Organe geplagt. Darum hat Monroe eine Schwindel
erregende Zusatzannahme draufgesetzt. Wenn nun das eine Ohr mit einer Folge von 100-Hertz-Tönen
beschallt wird und das andere mit 104 Hertz, bildet sich im Gehirn ein elektrisches Feld aus, das im Vier-
Hertz-Takt — dem sagenumwobenen Thetarhythmus schwingt. Durch die audiovisuelle Stimulation, so
Kapellner, würde die linke, für das Rationale zuständige Gehirnhälfte dazu gebracht, im Gleichklang mit
ihrer emotional-assoziativen Antipode zu pulsen — ein Quell» völlig neuer Denkweisen«. Mit einem fein
austarierten Schwingungscocktail sei es sogar möglich, der Hirnchemie körpereigene Opiate abzutrotzen.
Viele dieser Annahmen sind so weit vom Boden der neurologischen Tatsachen entfernt, dass der
größte Teil der Fachwelt sich in der Nichtbeachtung ergeht. Die heutigen EEG-Messungen gleichen dem
Versuch, einen Mikroprozessor mit dem Stethoskop abzuhorchen. Es ist aber nicht möglich, positive
Bewusstseinszustände eindeutig bestimmten Hirnwellen zuzuordnen. Selbst wenn der ominöse Frequenz-
Folge-Effekt überhaupt eintritt, müssen 12 Hertz nicht unbedingt Entspannung bedeuten, folgert auch die
Stiftung Warentest. Aber der Effekt selbst ist ein völlig unbewiesenes Hirngespinst, monieren die
Münchener Psychologen Joern Bambeck und Antje Wolters.13 Es bestehen nur ganz vage Beziehungen zu
dem bekannten Phänomen des» Photodriving«: Die Frequenz eines Flackerlichtes kann sich auf
bestimmte Regionen im visuellen Kortex, der Anlaufstelle für optische Informationen in der
Großhirnrinde, (nicht auf das ganze Gehirn) übertragen. Aber das liegt eher an den Augenbewegungen,
und der Effekt ist auch sofort weg, wenn das Licht ausgeht. Wenn die Probanden überhaupt etwas dabei
empfinden, dann nur ein leichtes Gefühl von Schwindel und Übelkeit, gibt der Psychologe Barry L.
Beyerstein zu bedenken.1
Prof. Niels Birbaumer, der renommierte Chef des Institutes für Medizinische Psychologie und
Verhaltensneurologie an der Universität Tübingen, hat viele Jahre Meditations-Techniken studiert, die
ebenfalls damit protzten, dass sie die Hirnwellen spielen lassen können wie ein Muskelmann seinen