haben, wechselhaft und unsicher ist. In ihrer ursprünglichen Form war die Verdrängung speziell auf die
sexuellen und aggressiven Impulse gerichtet, die ein Kleinkind laut Freud auf seine Eltern richtet und
wegen ihrer» Ungeheuerlichkeit «aus dem Bewusstsein verbannt. Im modernen Sprachgebrauch
bezeichnet Verdrängung indes einen universellen Schutzmechanismus, der immer dann in Aktion tritt,
wenn ein Mensch eine unangenehme, schmerzhafte, peinliche oder demütigende Wahrheit nicht ertragen
kann.
Die semantische Dehnbarkeit und Unbestimmbarkeit des Begriffes Verdrängung ist im Grunde schon
ein Armutszeugnis für die Psychoanalyse als» Wissenschaft«, gibt eine Forschergruppe um die
amerikanische Psychologin Elizabeth F. Loftus, die international anerkannte Koryphäe der
Gedächtnisforschung, zu bedenken.2»Stellen Sie sich vor, ein Mann spricht mit Schwindelgefühlen und
Lethargie bei seinem Hausarzt vor, und der sagt: >Ich glaube, Sie leiden unter dieser einen Gehirnsache,
obwohl ich nicht genau weiß, wo und wie tief sie sitzt. Ich bin jedenfalls ziemlich sicher, dass sie die
Wurzel Ihres Übels ist, und würde gerne ein wenig operieren, etwas in Ihrem Kopf herumstochern und
nachschauen, ob sich etwas finden lässt.<«Vielen Psychotherapeuten ist es offensichtlich völlig
gleichgültig, dass die diagnostischen Kriterien für das Vorliegen einer Verdrängung völlig unklar und
vage sind, und sie klammern sich stattdessen an die Popularität des Begriffes.
Dass die Ursachen unseres Handelns häufig unbewusst sind, war schon zu Freuds Zeiten keine große
Neuigkeit mehr. Ebenso wenig war es neu, dass Menschen Wissen über Dinge haben, an die sie sich
schon länger nicht mehr erinnern können.»Neu war höchstens, dass manche von den vergessenen Dingen
laut Freud eigentlich im traditionellen Sinne gar nicht vergessen, sondern im Gegenteil unterschwellig
anwesend sind«, heben die beiden holländischen Psychologie-Professoren Hans F. M. Crombag und
Harald L.G. Merckelbach hervor.3 Ihre» latente «Anwesenheit verrät sich in erster Linie dadurch, dass sie
einen entscheidenden und meist ungesunden und zerstörerischen Einfluss auf das Verhalten des Menschen
haben. Das ist im Grunde paradox, denn bereits das ursprüngliche Trauma, dass den Anstoß zur
Verdrängung gab, war ja wohl in der einen oder anderen Form ungesund. Eigentlich sollte man denken,
dass ein Abwehrmechanismus seelische Belastungen unschädlich macht und so Gefahren für die
Gesundheit» abwehrt«.»Anscheinend bildet der Abwehrmechanismus des Verdrängens eine
Scheinmedizin, die langfristig schlimmer wirkt als die Qual des Traumas«, meinen Crombag und
Merckelbach.
Eine wichtige Implikation der Verdrängungstheorie besteht darin, dass verdrängtes Material nicht
ausradiert, sondern unverwischbar ins Unbewusste festgeschrieben ist: Normale Abbauerscheinungen wie
Vergessen können dem Verdrängten nichts mehr anhaben. Im Unbewussten bleibt das Verdrängte für alle
Zeiten frisch wie ein soeben gelegtes Ei. Wenn es also gelingt, eine solche Erinnerung mit einer
speziellen Technik wie der Deutung oder der Hypnose freizuschaufeln, steht sie unbeschädigt für die
therapeutische Arbeit zur Verfügung.
Doch die empirisch arbeitenden Seelenforscher, die mit allen erdenklichen Methoden versucht haben,
den Prozess der Verdrängung im Labor dingfest zu machen, warten mit einem vernichtenden Urteil über
den legendären Abwehrmechanismus auf.»Trotz mehr als sechzig Jahren Forschung, die unzählige
Herangehensweisen von vielen aufmerksamen und intelligenten Forschern mit sich brachten, gibt es zur
heutigen Zeit keine kontrollierten Laborbeweise, die das Konzept von Verdrängung unterstützen«, streicht
der Psychologe David S. Holmes von der University of Kansas heraus.4»Der Gebrauch des Wortes
Verdrängung kann das sachgemäße Verständnis klinischer Daten beeinträchtigen. «Diesem Verdikt
schließen sich die beiden holländischen Professoren an:»Bis jetzt ist es keinem einzigen Forscher
gelungen, Verdrängung oder die Effekte davon in einem psychologischen Laboratorium sichtbar zu
machen.«
Ein Beispiel für den Misserfolg liefern laut Holmes die einflussreichen experimentellen
Untersuchungen zur» Wahrnehmungsabwehr«. In den betreffenden Studien wurden den
Versuchspersonen mit einem Tachistoskop blitzschnell Wörter dargeboten. Die Begriffe, die am Rande
der Wahrnehmungsschwelle lagen, waren entweder völlig neutral oder unanständig. Am Anfang kamen
diese Untersuchungen tatsächlich zu dem Ergebnis, dass die Probanden zum Erkennen der
«schmutzigen «Begriffe länger brauchten. Nahe liegende Interpretation: Die Teilnehmer hatten die
seelisch belastende Wahrnehmung der Vulgärausdrücke per Verdrängung abgewehrt.
Doch in der Folgezeit dämmerte den Wissenschaftlern, dass sie ein paar entscheidende Störfaktoren
missachtet hatten. Zum einen waren die obszönen Wörter vielen Versuchspersonen weniger geläufig als
die neutralen Ausdrücke. Es dauert halt immer etwas länger, weniger geläufige Begriffe zu dekodieren.
Zum anderen stellte sich heraus, dass viele Probanden die bereits identifizierten unanständigen Begriffe
ganz bewusst so lange für sich behielten, bis sie absolut sicher waren, diese zutreffend erkannt zu haben:
Sie wollten sich nicht durch die vorschnelle Nennung eines nicht vorhandenen Vulgärausdruckes
verdächtig machen. Folglich präsentierten die Forscher fortan nur noch Begriffe mit identischem
Bekanntheitsgrad und schufen Versuchsbedingungen, welche die Teilnehmer ausdrücklich dazu
ermunterten, sofort mit» Schmutzbegriffen «herauszurücken. Und siehe da — plötzlich wurden
unanständige Wörter mit der gleichen Geschwindigkeit wahrgenommen und abgelesen wie
Neutralausdrücke. Die vermeintliche Verdrängung hatte sich in Wohlgefallen aufgelöst. Tatsächlich
machten einige Forscher sogar immer wieder die Beobachtung, dass sexuell geladene Begriffe schneller
wahrgenommen wurden als neutrale.
Auch bei einem anderen Forschungsansatz mussten die Psychologen ihr Urteil, das zunächst die
Existenz der Verdrängung zu bestätigen schien, revidieren. Versuchspersonen hatten die Aufgabe, über die
angenehmen und unangenehmen Ereignisse in ihrem Leben Buch zu führen. Mehr oder weniger lange
nach der Aufzeichnung wurden sie aufgefordert, aus dem Gedächtnis einen Bericht darüber abzugeben.
Die angenehmen Ereignisse, so das zentrale Ergebnis, blieben besser im Gedächtnis haften. Der Schluss
lag nahe, dass die unschönen Vorkommnisse der Verdrängung zum Opfer gefallen waren. Doch bei
genauer Analyse der Daten stellte sich heraus, dass es ausschließlich auf die erinnerte Intensität der
Ereignisse ankam: Die Versuchspersonen erinnerten die Vorfälle am besten, die ihnen im Nachhinein
besonders intensiv vorkamen — egal ob sie positive oder negative Vorzeichen hatten.
Bei den unangenehmen Erinnerungen war aber nun ein eigentümlicher Trend zu verzeichnen: Ihre
Intensität wurde nachträglich heruntergestuft, so dass sie in den Erinnerungen weniger deutlich
hervorstachen. Die Erinnerung an die eigentlichen Begleitumstände blieb jedoch völlig unversehrt (und
«unverdrängt«). Das Abflachen des Unangenehmen kann ganz einfach daran liegen, dass viele