schmerzhafte und belastende Ereignisse aus späterer Sicht weniger schlimm wirken, weil sie doch nicht
die anfangs befürchteten tragischen Konsequenzen hatten, erklärt Holmes.
Studien an hautnah Betroffenen aus dem wirklichen Leben widersprechen der Idee der Verdrängung
noch radikaler als die Versuche unter künstlichen Laborbedingungen, betonen Crombag und
Merckelbach. Erwachsene und Kinder, die einen traumatischen Vorfall erleben, können später eine
psychiatrische Krankheit bekommen, die posttraumatische Belastungsstörung oder PTSS. Eine grobe
Schätzung besagt, dass rund 20 Prozent derjenigen, die das Opfer von schweren Unfällen,
Kriegshandlungen oder eines ernsten Verbrechens werden, eine PTSS entwickeln. Eines der
hervorstechendsten Merkmale einer posttraumatischen Belastungsstörung besteht jedoch darin, dass die
Betreffenden immer wieder von den qualvollen Erinnerungen an das schreckliche Ereignis überfallen
werden: Es ist noch nie beobachtet worden, dass PTSS-Patienten entscheidende Aspekte des Traumas aus
dem Bewusstsein verbannt hätten.
Kein einziger Vietnam-Veteran, der unter PTSS leidet, hat seinen Aufenthalt im Feindesland
«vergessen«. Im Gegenteiclass="underline" Das Problem dieser Veteranen ist, dass die Erinnerungen an das
Dschungeltrauma zu den ungelegensten Momenten hochkommen, konstatieren die holländischen
Professoren.»Das Gleiche gilt, soweit wir wissen, auch für Menschen, die in Konzentrationslagern
gewesen sind. Auch diese Opfer haben das Problem, dass sie, was den Kern der Sache anbetrifft, eben
nicht vergessen können. «Auch Kinder, die Zeugen der Vergewaltigung ihrer Mutter oder des Mordes an
einem Elternteil wurden, hatten die traumatische Erinnerung nicht abgewehrt.»Der Schluss ist, dass die
verfügbaren Feldstudien über die Art, wie Menschen mit schlimmen Traumen umgehen, keineswegs auf
das Vorkommen von Verdrängung deuten.«
Unser Gedächtnis ist offenbar so konstruiert, dass sich emotional aufpeitschende Erinnerungen
besonders intensiv in das Archiv» einbrennen«. Und darauf hätte man eigentlich mit dem gesunden
Menschenverstand kommen können, wäre er nicht durch die freudianische Irrlehre blockiert. Den
Verstärkungseffekt können die Neurobiologen heute schon ziemlich genau im Gehirn verfolgen. Der
«Hippocampus«, der Schreib- und Lesekopf des Gehirns, der durchlebte Erfahrungen ins
Langzeitgedächtnis schreibt, arbeitet viel nachhaltiger, wenn gleichzeitig das Gefühlszentrum
«Amygdala «die Emotionen aufheizt.
Auch die empirisch arbeitende Psychologie lässt keine Zweifel daran, dass der sexuelle Missbrauch
von Kindern tragische Dimensionen besitzt und mit einer geschätzten Verbreitung von über 10 Prozent
ein gravierendes soziales Problem darstellt. Es fragt sich jedoch, ob Erinnerungen an derartige Traumata
tatsächlich im großen Stil verdrängt werden und aus der Enklave des Unbewussten heraus Schaden
anrichten, wie viele Psychotherapeuten heute mit dem Brustton der Empörung behaupten. Der höchste
diese These bestätigende Wert stammt aus einer Umfrage von Therapeuten, die schwerpunktmäßig
sexuellen Missbrauch behandeln. 59 Prozent ihrer meist weiblichen Patienten gaben an, dass die
Erinnerung an den Übergriff zeitweise aus ihrem Bewusstsein verbannt gewesen war. In einer anderen
Umfrage äußerten sich jedoch nur 18 Prozent der Betroffenen in diese Richtung, und von den unter 10-
jährigen Kindern, die der Ermordung eines Elternteils beiwohnen mussten, hatte keines die peinigende
Erinnerung unter den Teppich gekehrt.
Die Frage nach der Verdrängung war jedoch in den betreffenden Studien so vage formuliert, dass sie
eher den Beigeschmack von» verleugnen «und» nicht wahrhaben wollen «trug, kritisiert das
Psychologenteam um Elizabeth Loftus. Außerdem hatten die behandelnden Psychotherapeuten beim
Lüften der zugeschütteten Erinnerung milde gesprochen» Hebammen-Dienste «geleistet. Wenn die
idealisierte Figur des Therapeuten durchblicken lässt, dass solche unbewussten Erinnerungen sehr häufig
seien, muss der Klient diese Suggestion fast automatisch auf sich selbst beziehen. Das hängt auch damit
zusammen, dass Menschen Lücken im eigenen Gedächtnis sehr oft mit fabrizierten Inhalten füllen, die als
«typisch «oder sozial erwünscht gelten, meint Loftus.
Zweifel sind auch deshalb angebracht, weil Erinnerungen an die Zeit vor dem vierten oder fünften
Lebensjahr ohnehin fast durchgehend einem» großen Vergessen «zum Opfer fallen, das als» infantile
Amnesie «bezeichnet wird. Erfahrungen sexuellen Missbrauches, die in diesen» Blackout «fallen, können
also durchaus ausradiert sein, ohne dass eine aktive Verdrängung vorliegt. Selbst Erwachsene haben oft
einen» Filmriss «bei wichtigen Vorkommnissen, die nur kurze Zeit zurückliegen. In einer Studie konnten
sich z. B. 14 Prozent der Befragten nicht eines Verkehrsunfalls entsinnen, der ihnen vor einem Jahr
zugestoßen war.
Crombag und Merckelbach kamen bei einer Umfrage unter Psychotherapeuten zu dem Ergebnis, dass
96 Prozent der Seelenheiler an die Existenz der Verdrängung glaubten. Fast ebenso viele waren
überzeugt, dass der Akt der Verdrängung der Gesundheit schadet. Bezeichnenderweise herrscht der
Glaube vor, dass Verdrängung bei» anderen Leuten «massenhaft vorkommt.»Überraschend ist, dass,
obwohl fast alle dem Phänomen Glauben schenken, bei weitem nicht alle es für möglich halten, dass man
auch selbst etwas zu verdrängen hat. «In mehreren neuen Umfragen bestätigten zwischen 81 und 93
Prozent der befragten Psychotherapeuten, dass sie die in der Therapie aus der Verdrängung befreiten
Erinnerungen ihrer Klienten generell für bare Münze halten. Ein typischer Kommentar lautete:»Wenn
eine Frau sagt, dass es (das heißt sexueller Missbrauch in der Kindheit) passiert ist, dann ist es auch
passiert.«
Viele Therapeuten bauen einer solchen präparierten Rückschau goldene Gedächtnis-Brücken, indem
sie mit suggestiven Vorgaben arbeiten, die zum Teil schon in Büchern kodifiziert sind. Beispieclass="underline" »Viele
Menschen, die mit den gleichen Symptomen kämpfen wie Sie, haben in ihrer Kindheit extrem
schmerzliche Dinge erlebt. «Oder, noch schlimmer:»Was hat der Bastard Ihnen angetan?«Sehr oft
kommen in diesem Kontext fragwürdige Techniken wie die Hypnose oder die Altersregression zum
Einsatz. Experimente zeigen jedoch, dass Hypnose nicht das Gedächtnis, sondern lediglich das Vertrauen
in die hervorgekramten Gedächtnisinhalte intensiviert (siehe Kapitel Hypnose). Und im Zustand der
Altersregression werden gar regelmäßig verdrängte» Erinnerungen «an die Entführung durch Ufos
entfesselt.
Neben der Verdrängung im engeren Sinn, der» knallharten «und unbewussten Form, existiert auch
noch eine leichtere, weiche Variante: Der Mensch schließt Gedanken und Vorstellungen, die er nicht
wahrhaben will, gezielt und planmäßig aus dem Bewusstsein aus. Doch auch diese Form der Verdrängung
ist selten von Erfolg gekrönt, stellen die beiden Holländer fest. Wer wissentlich einen markanten
Gedanken zu unterdrücken versucht, erreicht nicht selten das Gegenteil. Der Gedanke schiebt sich mit
unbändiger Kraft in den Mittelpunkt. Jeder Exraucher und jeder, der gerade eine Diät durchführt, ist mit
diesem unliebsamen Effekt vertraut, den Wissenschaftler als» ironischen Prozess «bezeichnen.
Ironische Prozesse ereignen sich sehr häufig, wenn Personen versuchen, mentale Kontrolle über ihre