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Gedankenwelt auszuüben. Etwa dann, wenn man sich krampfhaft den Gedanken an eine bestimmte Sache

(zum Beispiel» weiße Bären«) aus dem Kopf schlagen will. Dann tritt zunächst ein produktiver Prozess in

Kraft, der aktiv den ungewollten Gedanken vom Bewusstsein fern hält. Dazu kommt aber noch ein

weiterer, etwas schwächerer ironischer Prozess. Er hält unterbewusst nach Anzeichen Ausschau, die

verraten, ob der produktive Prozess erfolgreich war, also letztlich nach weißen Bären. Früher oder später

nimmt der ironische Prozess überhand: Man muss dann zwanghaft an weiße Bären denken.

In einer Studie konnten die holländischen Psychologen zeigen, wie ironische Prozesse die

Verdrängung vereiteln. Darin wurden die Probanden aufgefordert, sich in ein erschütterndes Ereignis (den

Verlust einer geliebten Person) zurückzuversetzen. Dann erhielt die eine Hälfte der Teilnehmer die

Anweisung, diese Erinnerung eine Zeit lang bewusst zu vermeiden. Die andere Hälfte erhielt diesen

Auftrag nicht. Ironisches Ergebnis: Just die Versuchspersonen, die den Vergessensauf trag erhalten hatten,

schlugen sich am häufigsten mit der schmerzhaften Erinnerung herum.

«Menschen projizieren unangenehme Eigenschaften und Impulse auf andere, um sie nicht bei sich

selbst zu erkennen«

Es ist in manchen Kreisen beinahe schon so etwas wie ein Gesellschaftsspiel, gewissen — meist

unsympathischen — Mitmenschen den Abwehrmechanismus der Projektion zu unterstellen. Projektion

bedeutet allgemein das» Hinausverlagern «innerer Eigenschaften in die Außenwelt. In der Theorie der

Psychoanalyse bezeichnet Projektion die unbewusste, Angst abwehrende Verlagerung von Triebimpulsen,

Wünschen und Schuldgefühlen auf andere Personen.

Schon in biblischer Zeit scheint heftig projiziert worden zu sein: Jesus tadelte die Heuchler, die den

Splitter im Auge des Nächsten bekritteln, aber den Balken im eigenen Auge nicht bemerken wollen. Die

Abwehr durch Projektion besteht darin, dass man einen Charakterdefekt oder einen Fehler weit von sich

weist und ihn bei anderen» entdeckt«. Klassische Beispiele: Ein Geizkragen bemäkelt die Knauserigkeit

der anderen. Der untreue Ehemann misstraut seiner Gattin. Heterosexuelle Männer ziehen auffällig

aggressiv über Schwule her und betonen mit Machosprüchen ihre Distanz zu den Homos — die

Projektionstheorie sagt: um eigene homophile Neigungen zu überspielen.

Projektion ist angeblich häufig im Spiel, wenn Minderheiten von Mehrheiten ausgegrenzt werden.

Das fällt leichter, wenn man ihnen negative Eigenschaften zuschreibt. Der Antisemitismus, so schreiben

T. W. Adorno und Max Horkheimer in der» Dialektik der Aufklärung«, ist im Kern eine Projektion:»Im

Bild des Juden, das die Völkischen vor der Welt aufrichten, drücken sie ihr eigenes Wesen aus. Ihr

Gelüste ist ausschließlicher Besitz, Aneignung, Macht ohne Grenzen, um jeden Preis. «Man kann sich die

bösen Wünsche und Impulse nicht eingestehen, sie rumoren jedoch im Unbewussten herum, und man

wird sie los, indem man sie anderen unterschiebt.

Es bereitet erhebliche intellektuelle Befriedigung, andere Menschen dabei zu erwischen, wie sie sich

peinlicher oder unangenehmer Eigenschaften per Projektion entledigen. Aber so elegant sich auch mit

diesem Abwehrmechanismus im Alltag und in der soziologischen Theorie jonglieren lässt — das Konzept

hält seiner empirische Überprüfung nicht stand. Es ist ziemlich genau hundert Jahre her, dass Sigmund

Freud den Mechanismus der Projektion in die Psychoanalyse einführte.»Aber es sind in dieser Zeit keine

Forschungsbefunde produziert worden, die das Vorkommen der Projektion unterstützen würden«, zieht

der Psychologe David S. Holmes Bilanz.5 Er besteht darauf,»dass es nicht gerechtfertigt ist, weiterhin

dieses Konzept zu benutzen, wenn man menschliches Verhalten verstehen oder erklären will«.6

Um überhaupt sinnvoll zu sagen, ein Mensch projiziert irgendwelche Dinge auf andere Leute, müssen

mehrere Vorbedingungen erfüllt sein. Eine Voraussetzung besteht darin, dass die Person sich der

projizierten Eigenschaft bei sich selbst nicht bewusst ist. Schließlich besteht der Zweck einer

freudianischen Projektion ja ausdrücklich darin, die schmerzliche Selbsterkenntnis abzuwehren. Das

Letzte, was ein feindseliger Homophobiker erfahren will, ist, dass er selbst ein latenter Schwuler ist. Eine

erfolgreiche Projektion sollte daher auch unweigerlich dazu führen, dass der Projizierende die kritischen

Merkmale bei sich selbst noch schlechter wahrnehmen kann als zuvor. Und sie sollte Spannungen

abbauen, weil das Abladen des Unerwünschten auf andere naturgemäß Erleichterung bringt.

Bei der kritischen empirischen Prüfung ist die Projektion in allen Punkten durchgefallen, unterstreicht

Holmes. So gibt es nicht den geringsten Anhaltspunkt dafür, dass Menschen unangenehme Eigenschaften,

die quasi im blinden Fleck ihrer Selbstwahrnehmung liegen, auf andere Leute übertragen. In den

betreffenden Untersuchungen sollten die Probanden sich dazu äußern, ob sie selbst bestimmte

unerwünschte Eigenschaften besaßen; zusätzlich wurde das» Expertenurteil «von Freunden und

Bekannten eingeholt. Im nächsten Schritt sollten die Probanden angeben, ob bestimmte andere Personen

die unangenehmen Merkmale besaßen. Fazit: Es gab keinerlei Tendenz, bei sich selbst verleugnete (aber

von Freunden erkannte) Makel auf andere zu projizieren. Der viel zitierte projizierende, latent schwule

Homophobiker ist lediglich ein Phantasieprodukt.»Da es keine Indizien dafür gibt, dass unbewusste

Persönlichkeitsmerkmale projiziert werden, kann man auch nicht behaupten, dass die Projektion dazu

dient, die Selbsterkenntnis abzublocken.«

Die Versuchsteilnehmer ließen indes eine deutliche Neigung erkennen, anderen Merkmale

anzudichten, die sie bei sich selbst sehr klar wahrnehmen konnten. Dafür gibt es in der Forschung

mittlerweile viele Beispiele. Großzügige Menschen überschätzen im statistischen Durchschnitt die

Häufigkeit, mit der der Wesenszug Großzügigkeit bei anderen Menschen vorkommt. Wer gerade wählen

geht, schlägt die Beispielhaftigkeit der eigenen Wahlentscheidung in der Regel zu hoch an. Doch bei

diesem Verhalten kann man unmöglich von einem freudianischen Abwehrmechanismus sprechen. Wir

werden einfach alle bis zu einem gewissen Grad von der naiven Vorstellung geleitet, dass andere

Menschen denken und fühlen wie wir.

Und auch der Stressabbau durch vollzogene Projektion gehört ins Märchenreich. Das beweisen

Experimente, deren Teilnehmer Tests ausfüllten und dann die unangenehme (aber getürkte) Rückmeldung

erhielten, sie hätten sehr schlecht bezüglich des gemessenen Merkmals (zum Beispiel Intelligenz oder

Kreativität) abgeschnitten. Dann wurde eine Gelegenheit zur Projektion geboten: Die Teilnehmer durften

mutmaßen, wie schlecht andere Leute bei dem betreffenden Test fahren würden. Quintessenz: Die

Versuchspersonen, die anderen Leuten ungünstige Ergebnisse unterjubelten, wiesen in ihren Biosignalen

den gleichen Grad an Stressbelastung auf.»Keine einzige Hypothese, die darauf hinausläuft, dass

Projektion ein Abwehrmechanismus ist, wird durch die Daten unterstützt«, schließt Holmes seine