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Expertise ab.

«Menschen können niedere Triebe durch den Abwehrmechanismus der Sublimierung auf höhere

Ziele umlenken«

Eine bedeutende Methode,»explosive «Triebimpulse unschädlich zu machen, besteht nach

Darstellung der Psychoanalyse im Abwehrmechanismus der Sublimierung. Die Sublimierung ist in dieser

Terminologie die unbewusste Abwehr eines sexuellen Impulses und die Umleitung der psychosexuellen

Energie auf ein anderes, nichtsexuelles Handlungsfeld.

Menschen sublimieren unbewusste Anwandlungen, indem sie die aufgestaute Energie in kulturelle

und geistige Leistungen überführen. Sublimieren bedeutet praktisch,»Schmutz «mental in Gold zu

verwandeln.

Die Sublimierung, die als reifster aller Abwehrmechanismen gilt, ist längst in den Bestand der

Volksweisheit und des gesunden Menschenverstandes übergegangen. Völlig zu Unrecht, wie eine

Forschergruppe um den Psychologen Roy F. Baumeister von der Case Western Reserve University,

Cleveland, nach einer umfassenden Durchsicht der Literatur erklärt.7»Wir haben nicht den kleinsten

Hinweis darauf gefunden, dass Menschen sich gegen unakzeptable Wünsche und Leidenschaften wehren,

indem sie diese in sozial wünschenswerte Leistungen umsetzen und dadurch irgendetwas Höheres

erzielen, «Genau genommen war in der sozialpsychologischen Fachliteratur der letzten Jahrzehnte nicht

ein Beitrag zu entdecken, der auch nur etwas entfernt Ähnliches wie die Sublimierung aufgezeigt hätte.

Auch der Blick auf einige kulturgeschichtliche Phänomene lehrt nach Auffassung der Autoren, dass

die Vorstellung der Sublimierung partout nicht der Realität entsprechen kann. So war beispielsweise die

Periode der größten sexuellen Enthaltsamkeit in den USA die Zeit des» wilden Westens«. Es kann jedoch

absolut nicht behauptet werden, dass diese Ära sich durch irgendwelche herausragenden kulturellen

Errungenschaften ausgezeichnet hätte. Zwar brachte die Viktorianische Ära auf dem europäischen

Kontinent tatsächlich eine Reihe von Entdeckungen und kreativen Leistungen hervor. Aber das traf

ebenso auf das vorausgegangene Zeitalter der Aufklärung zu, die eher durch ungezügelte

Ausschweifungen bestach.

«Wenn sexuelle Energie in intellektuelle Leistungen überführt werden könnte, müssten Personen, die

einen sehr hohen Bildungsstand erzielen oder geistig anspruchsvolle Tätigkeiten ausüben, weniger Sex

haben als andere. «Doch wie die empirischen Daten beweisen, trifft genau das Gegenteil zu: Hochgradig

Gebildete haben häufiger Sex und mit mehr wechselnden Partnern, sie praktizieren eine größere Zahl von

sexuellen Spielarten, und sie haben mehr außereheliche Affären. Das ist nur schwer mit der These zu

vereinbaren, dass intellektuelle Leistungen sich aus» niederen «Triebenergien speisen.

Man könnte auch versuchen, die intellektuellen Leistungen katholischer Geistlicher — die im Zölibat

leben — mit jenen jüdischer Geistlicher — die heiraten — zu vergleichen.»Es gibt jedoch erhebliche

Zweifel, dass dieser Vergleich zu der Einsicht führen würde, dass die sexuelle Enthaltsamkeit Katholiken

dazu beflügelt hätte, die größeren intellektuellen und künstlerischen Leistungen beizusteuern. «In einer

aufschlussreichen Langzeitstudie wurden 100 im Zölibat lebende Geistliche über einen

Zehnjahreszeitraum beobachtet.»Nichts deutete darauf hin, dass der Verzicht auf Sexualität diesen

Menschen die Kraft zu bedeutenden Tätigkeiten gegeben hätte. «Ein großer Teil der Betroffenen stellte

den Nutzen der Enthaltsamkeit selbst kritisch in Frage, und die Unzufriedenheit mit dem Zölibat war das

wichtigste Motiv einiger Probanden für die Beendigung der geistlichen Karriere.

Schließlich, überlegen die Wissenschaftler mit einem unüberhörbaren Unterton der Ironie, bestände

noch die Möglichkeit, das Sexualleben der berühmtesten Musiker, Schriftsteller und Maler des

Jahrhunderts unter die Lupe zu nehmen.»Aber unzählige anekdotische Hinweise lassen bei uns Zweifel

aufkommen, dass wir dabei Hinweise finden könnten, die mit dem Konzept der Sublimierung vereinbar

sind.«

«Es gibt ein Unbewusstes, das mit brodelnden Leidenschaften unser Handeln steuert«

Mit einem Eisberg, von dem nur eine winzige Spitze aus dem Wasser ragt, hat Sigmund Freud das

menschliche Bewusstsein verglichen. Tief unter der Oberfläche brodelt das Unbewusste, das uns mit

verdrängten Leidenschaften und Trieben wie eine Marionette durchs Leben zerrt. Die moderne

Psychologie beschäftigte sich lange Jahre nur mit dem sichtbaren Verhalten und mit bewussten

Denkabläufen, die abgefragt werden können. Das» Unbewusste «galt als» Hokuspokus«, weil es nicht zu

messen und zu testen war. Aber es stellte sich bald heraus, dass ein großer Teil des Denkens tatsächlich

«hinter den Kulissen «stattfindet.

Zum Beispiel beim Lesen, wenn man ohne nachzudenken und» mit Lichtgeschwindigkeit «den Sinn

der Wörter entziffert.

Heute zeigt sich immer deutlicher, dass sich die» Zahnräder «des Verstandes zu einem beträchtlichen

Anteil im Dunkeln drehen. Aus moderner Sicht erscheint das Unbewusste jedoch immer deutlicher als

ein bloßes Anhängsel des Verstandes, ein Hilfscomputer, der ohne Emotionen und ziemlich mechanisch

Aufgaben erfüllt, die die Aufnahmefähigkeit des Bewusstseins übersteigen, hebt der amerikanische

Psychologe Anthony G. Greenwald in einer Übersicht hervor.8

Auch wenn jemand mit seiner Hand eine genau eingeübte Bewegung vollführt, laufen in den kleinen

grauen Zellen des Gehirns unbewusste Rechenvorgänge ab. Das bedeutet, dass das Unbewusste häufig

komplizierte Erwägungen anstellt, die über die geistigen Fähigkeiten des Bewusstseins hinausgehen

können. Für diese verborgenen Verstandesleistungen werden allerdings heute zunehmend Begriffe wie

«implizites «oder» prozedurales «Lernen verwendet.

Von diesem Phänomen zeugen auch Untersuchungen, in denen die Versuchspersonen zunächst

aufgefordert wurden, eine Liste von Wörtern zu studieren. Dann setzte man ihnen lediglich

Wortfragmente vor, die sie wiederum ergänzen sollten. Dabei handelte es sich um Teile sowohl neuer als

auch bereits von der ersten Versuchsphase her bekannter Wörter. Im Endeffekt wurden die Fragmente, die

Teil eines bereits gezeigten Begriffes waren, wesentlich schneller vervollständigt. Dieses Phänomen, das

auch als Ersparnis-Effekt oder» Priming «bezeichnet wird, funktionierte selbst dann, wenn die

Teilnehmer irrtümlich glaubten, sie hätten das Wort nie gehört. Neben den expliziten Erinnerungen, die

man ganz bewusst hervorholt und vor dem geistigen Auge Revue passieren lässt, gibt es offenbar auch

noch implizite Spuren im Gedächtnis, die» hinter dem Rücken «des Bewusstseins wirken.

Doch alle diese Leistungen des kognitiven Unbewussten — das die kognitiven Psychologen gar nicht

«das Unbewusste «nennen, haben gar nichts mit dem psychoanalytischen Mythos gemeinsam, betont

Greenwald. Es ist eine Tatsache, dass Versuchspersonen manchmal auf unterschwellige (subliminale)

Reize reagieren, die ihnen für Sekundenbruchteile an den Grenzen der Wahrnehmungsfähigkeit

dargeboten werden.