Doch dabei handelt es sich um hochgradig subtile Stimuli, die hochgradig subtile Effekte erzielen und
in kürzester Zeit wieder verfliegen. Dem freudianischen Unbewussten sind solche Eigenschaften indes
fremd: Die Triebkräfte des psychoanalytischen Unbewussten haben intensiv und dauerhaft zu sein.
Außerdem zeichnet es sich durch» Durchtriebenheit «und einen gigantischen Informationsgehalt aus. Das
kognitive Unbewusste, das man mit Experimenten eingefangen hat, ist dagegen schlicht und berechenbar.
Es ist durchaus zutreffend, dass viele Menschen über ihre eigenen unangenehmen Persönlichkeitszüge
«hinwegsehen «und unangenehme Tatsachen des Lebens» verleugnen«. Es gibt sogar einen speziellen
Persönlichkeitstyp, den» Repressor«, bei dem diese Form der Selbsttäuschung zu einer festen
Charaktermaske erstarrt. Repressoren haben die Tendenz, schmerzliche Realitäten gewohnheitsmäßig
unter den Teppich zu kehren. Doch dieser Akt des Selbstbetruges ist nicht wirklich» unbewusst«, betont
Greenwald. Man kann schmerzhaften Einsichten und Situationen auch aus dem Weg gehen, ohne eine
vollständige geistige Analyse zu vollziehen. In den meisten Fällen reichen kleine Warnhinweise, um das
drohende Unheil geistig abzublocken. Das läuft etwa so ab, wie wenn man seine Post auf unerwünschte
Werbezuschriften prüft. In den meisten Fällen kann man den» Junk «an kleinen Hinweisreizen wie dem
geringen Porto erkennen, ohne dass man den Inhalt entnehmen und lesen müsste. Repressoren riechen im
Leben beim kleinsten Hinweis auf schmerzhafte Einsichten Lunte — und brechen an dieser Stelle die
Informationsverarbeitung ab.
«Irgendwo in der Seele wird ein vollständiger Gedächtnisfilm der Vergangenheit abgelegt«
Eine mehr oder weniger offensichtliche Implikation des psychoanalytischen Gedankengebäudes
besteht in dem Glauben, dass der gesamte Bewusstseinsstrom des Menschen in einer verborgenen
Archivierungsstelle abgespeichert wird. Auf unbewusster Ebene haben wir daher alle ein
«fotografisches «Gedächtnis für unsere Vergangenheit. Alles, was wir jemals erfahren haben, ist
irgendwo abgelegt. Auf den Einfluss dieses Glaubens deutet eine Umfrage unter Psychotherapeuten hin,
die die beiden holländischen Professoren Crombag und Merckelbach zitieren. Zwei Drittel der Befragten
glaubten fest daran, dass Erinnerungen immer eine genaue Widerspiegelung von dem darstellen, was
wirklich passiert ist. 41 Prozent gaben sich sogar der Überzeugung hin, dass man sich an sein erstes
Lebensjahr erinnern kann. Zwei Drittel benutzten für das Gedächtnis Metaphern wie» Videofilm «oder
«Computer«, die auf die Vorstellung einer exakten Reproduktion anspielen.
«Solche Metaphern lassen ein unangebrachtes Vertrauen in die Genauigkeit von Erinnerungen
vermuten«, wenden die Autoren kritisch ein.»Wer denkt, dass unser Gedächtnis fotografische Qualitäten
besitzt, wird, so muss man befürchten, ungenügend kritisch gegenüber in der Therapie auftauchenden
wieder gefundenen Erinnerungen sein. «Dabei hätten die Psychotherapeuten allen Grund, an der
fotografischen Wiedergabetreue unserer Erinnerungen zu zweifeln. Es herrscht nämlich in der
Psychologie schon seit längerer Zeit Einigkeit darüber, dass unsere alltäglichen Erinnerungen keineswegs
den» archivarischen «Charakter haben, den wir von unseren technischen Speichermedien kennen. So
entdeckte Ebbinghaus, der Altvater der Gedächtnisforschung, bereits im vergangenen Jahrhundert, dass
die gespeicherte Erinnerung, die so genannte Gedächtnisspur, schon nach wenigen Minuten ungenau wird
und an Originaltreue verliert. Das Gedächtnis, so der heutige Eindruck,»hortet «Erfahrungen nicht wie
verstaubte Museumsstücke, sondern montiert die Vergangenheit bei Bedarf im Sinne eines
Indizienbeweises zusammen. Es ist kein Datenspeicher, sondern eher ein Theater, das mit seinem
Ensemble bruchstückhaft erhaltene Szenen neu interpretiert.
Das bedeutet aber auch, dass bei der Rekonstruktion der Vergangenheit Dinge mit einfließen, die in
der ursprünglichen» Aufnahme«(noch) nicht enthalten waren. Dazu gehören etwa Kenntnisse über den
betreffenden Sachverhalt, die erst in der Zwischenzeit hinzugekommen sind, aber auch kulturell
vermittelte Klischeevorstellungen und das Bedürfnis, sich selbst in ein möglichst positives Licht zu
rücken. Wie sehr die in einer Gesellschaft grassierenden Stereotype den» Blick zurück «verfälschen
können, zeigte sich, als man Versuchspersonen aus unserem Kulturkreis Eskimomärchen nacherzählen
ließ. In den betreffenden Märchen waren Details vorhanden (zum Beispiel Kanus oder das Jagen von
Seehunden), die sehr genau auf ethnische Besonderheiten gemünzt waren. Die Probanden, die die
Nacherzählungen ablieferten, ersetzten diese» Spezialitäten «jedoch sehr häufig durch Surrogate, die
ihren eingefahrenen kulturellen Vorstellungen entsprachen, zum Beispiel durch» Boote «und» Fischen«.
Die Erinnerung ist nicht reproduktiv, sondern konstruktiv.
Bis vor kurzem glaubten aber auch die Psychologen, dass sich zumindest schlaglichtartige
Erinnerungen, die einen dramatischen Touch besitzen und emotional bedeutsame Momente beinhalten,
im Gehirn» einbrennen «und über lange Zeit originalgetreu haften bleiben. Die Frage, wo man war, als
Kennedy erschossen wurde, diente oft genug als Schnelltest zur Diagnose von Geistesschwäche. Die
beiden Psychologen Ulric Neisser und Nicole Harsch von der Emory-Universität haben jetzt die Probe
aufs Exempel gemacht und sind dabei auf Fälschungen und Verzerrungen gestoßen, die geradezu
orwellsche Dimensionen haben.9
Rund 100 Versuchspersonen sollten am Morgen nach dem fatalen Raketenstart der Raumfähre
Challenger im Jahr 1986 schriftlich die Umstände festhalten, unter denen sie von dem Desaster erfahren
hatten. Gefragt wurde nach sieben exakt formulierten Punkten, zum Beispieclass="underline" Wo waren Sie, wer war bei
Ihnen, und woher kam die Information? Etwa die Hälfte der ursprünglichen Probanden wurde nach
mehreren Jahren wieder kontaktiert und bekam die alte Liste neu vorgelegt. In allen Fällen, in denen sich
Unstimmigkeiten ergaben, stocherten die Forscher mit Suggestionen, Fangfragen und» Eselsbrücken«
nach.
Die Ergebnisse lassen teilweise an den Film» Total Recall «denken, in dem sich Arnold
Schwarzenegger fiktive Abenteuer-Erinnerungen einpflanzen lässt. Das fängt bereits damit an, dass drei
Viertel der Befragten überhaupt keinen Schimmer mehr hatten, dass sie die ganze Befragung schon
einmal durchgemacht hatten. Ein Viertel der Befragten lieferte zum zweiten Zeitpunkt in allen sieben
Punkten eine abweichende Version. Von den sieben möglichen Übereinstimmungen (zwischen damals
und heute) wurden im statistischen Durchschnitt gerade einmal 2,9 erreicht. Das heißt, dass praktisch alle
Probanden im Nachhinein zentrale Aspekte komplett neu interpretierten.
Dabei kam es auch zu atemberaubenden Kabinettstücken. Eine Probandin, die die schlimme
Botschaft ursprünglich beim Essen in der Cafeteria vernommen hatte (»mir wurde richtig übel«), entwarf
bei der zweiten Befragung eine schier unheimliche Revision:»Ich hing gerade in meiner Bude herum, als
ein junges Mädchen kreischend den Gang heruntergelaufen kam und schrie: >Die Spaceshuttle ist
explodiert!<«Es gibt nach Ansicht der Forscher keinen Hinweis darauf, dass die Episode mit dem