schreienden Mädchen je passiert ist. Vielleicht basiert sie auf der stereotypen Vorstellung darüber, wie
Menschen schockierende Neuigkeiten zugetragen bekommen. Vielleicht hatte die Probandin sich sogar
am Anfang selbst in die Rolle des schreienden Mädchens phantasiert.
Der Versuch, die verwischte Erinnerungsspur mit Hilfe von Anregungen und Suggestionen wieder
aufzufrischen, war völlig vergeblich. Es gelang in keinem Falle, das durch» Deckerinnerungen«
verschleierte Original freizulegen. Zur Verblüffung der Wissenschaftler reagierten sämtliche Teilnehmer
sogar mit ungläubigem Staunen, als man ihnen ihre ursprüngliche Version vorlegte:»Das soll ich gesagt
haben?«, oder:»Ich glaube trotzdem, dass es anders war!«Der Grad der Sicherheit, mit dem die
Probanden ihren Erinnerungen vertrauten, hatte keinen Einfluss auf die Richtigkeit: Alle Probanden
hatten großes Vertrauen. Auch der lebhafte und plastische Charakter der Erinnerungen machte diese nicht
authentischer: Viele falsche Erinnerungen waren trotzdem extrem plastisch.
Erstaunlich hoch ist auch der Anteil der Teilnehmer, die die Quelle der schlechten Botschaft
nachträglich in die» Glotze «verlegten. Obwohl anfangs lediglich 20 Prozent durch das TV von dem
Unglück erfahren hatten, meinten später 45 Prozent, sie hätten es zuerst im Fernsehen gesehen.»Diese
TV-Priorität ist eine der eindeutigsten Tendenzen in unseren Daten«, meinen die Forscher. Wahrscheinlich
haben die Probanden die schrecklichen und eindringlichen Szenen später immer wieder auf der
Mattscheibe verfolgt, bis diese» Ereignischarakter «hatten. Außerdem haben die meisten Leute wohl den
eingefahrenen Glauben, dass» man «solche schrecklichen Ereignisse aus dem Fernsehen erfährt. Damit
bestätigt sich auch eine Hypothese, die der amerikanische Psychologe F. C. Bartlett bereits in den
dreißiger Jahren aufstellte:»Wenn eine Person gebeten wird, sich zu erinnern, kommt ihr als Erstes sehr
oft etwas von der Art einer Einstellung in den Sinn. Die Erinnerung ist dann eine Konstruktion, die sehr
stark auf der Einstellung basiert und dazu dient, diese zu rechtfertigen.«
Es ist auch deshalb extrem unwahrscheinlich, dass im Gedächtnis ein taufrischer Erinnerungsfilm der
Vergangenheit aufbewahrt wird, weil Erinnerungen sich schon durch geringfügige Suggestionen
unwiderrufbar überschreiben lassen, gibt die Psychologin Elizabeth Loftus zu bedenken. Auf die Frage
«Haben Sie das Vorfahrtsschild gesehen?«antworteten weit mehr Versuchspersonen mit Ja, als wenn in
der Frage» das «durch» ein «ersetzt war. Hatten sich die Probanden aber erst auf eine Antwort festgelegt,
waren sie partout nicht mehr davon zu überzeugen, dass es in dem Film, den sie gesehen hatten (und der
kein Vorfahrtsschild enthielt), kein Vorfahrtsschild zu sehen gab. Sie ließen sich weder durch Druck noch
durch Bestechung von ihrer Phantomerinnerung abbringen und waren sogar bereit, persönlich eine höhere
Geldsumme auf die Existenz des Vorfahrtsschildes zu setzen. Wenn die Frage lautete:»Was passierte, als
die Autos zusammenkrachten?«,»erinnerten «sich viel mehr Probanden an Glassplitter als bei der
(korrekten) Frage» Was passierte, als die Autos sich berührten?«
Nun ist ein Vorfahrtsschild etwas völlig anderes als eine Vergewaltigung. Kaum jemand bestreitet,
dass Details eines Erlebnisses oft ungenau erinnert werden. Aber können ganze Dramen ins Gedächtnis
implantiert werden? Selbst so dramatische wie ein jahrelanger Missbrauch durch den Vater? Loftus
beantwortet auch diese Frage mit einem Ja. Als Beleg führt sie ein anderes Experiment an: Sie bat einen
Kollegen, seinem 14-jährigen Bruder zu erzählen, er sei als kleines Kind einmal in einem Kaufhaus
verloren gegangen. Zwei Tage später begann der Junge, diese Geschichte weiterzuerzählen,
ausgeschmückt mit Details über das Kaufhaus, den Mann, der ihn gefunden habe, und die Panik, die er
gehabt habe. Die» Implantation «ließ sich später auch bei anderen Kindern wiederholen.
Auch ein anderes Experiment beweist, wie leicht es ist, dem Gedächtnis» Räuberpistolen«
aufzupfropfen. Den Forschern gelang es, Kindern durch hartnäckige Wiederholung einer erfundenen
Geschichte die Erinnerung daran aufzuschwatzen, wie sie mit dem Finger in eine Mausefalle geraten
waren. Eigenständig begannen sie schließlich, Geschichten von der Fahrt ins Krankenhaus und dem
Verband, den sie bekommen hatten, zusammenzufabulieren.
«Menschen bleiben oft unbewusst auf ihre frühkindliche Sexualität fixiert«
Eine beliebte Form, anderen Leuten eins auszuwischen, besteht in der Unterstellung, sie seien auf ihre
«orale «oder» anale «Phase fixiert — wobei die anale Variante einen besonders fiesen Unterton besitzt.
Dahinter steckt der Glaube der Psychoanalyse, dass Menschen in ihrer frühen Kindheit verschiedene
«prägenitale «psychosexuelle Entwicklungsstufen durchlaufen, die in der reifen, auf die Genitalien
bezogenen Erotik münden. Die Körperstellen, aus denen kleine Kinder ihre Lust beziehen, wechseln sich
im Lauf dieser Perioden ab. Der Zyklus beginnt mit der» oralen «Phase, dann folgt die» anale «und zum
krönenden Abschluss werden die Geschlechtsteile mit der Libido» besetzt«.
Die orale Phase verdankt ihren Namen der Tatsache, dass die libidinöse Befriedigung bis zum
achtzehnten Lebensmonat aus der Nahrungsaufnahme und den damit verbundenen Körperteilen — dem
Mund, den Lippen und der Zunge — bezogen wird. Die Befriedigung der oralen Sehnsüchte führt
Spannungslosigkeit und Schlaf herbei. Unter ungünstigen Umständen können Menschen jedoch für ein
Leben lang in der oralen Phase stecken bleiben: Sie sind oral» fixiert«. So sollen Menschen, deren orale
Bedürfnisse übermäßig frustriert wurden, dazu neigen, stets pessimistisch Enttäuschungen
vorwegzunehmen.
Der Glaube an den oralen Charakter findet jedoch in den empirischen Forschungen keine
Unterstützung, zieht Dieter E. Zimmer Bilanz.10 Er kollidiere unter anderem mit der Beobachtung, dass
Kinder mit Gaumen- oder Lippenspalten, die nie an irgendetwas saugen konnten, keineswegs vermehrt zu
oralen Pessimisten wurden oder in sonstige seelische Schwierigkeiten gerieten. Laut Zimmer musste
selbst ein Fachblatt für Psychoanalytiker ratlos eingestehen, dass die betreffenden Kinder» geradezu
erstaunlich unauffällig und normal «waren.
Auf die orale folgt die anale Phase: Jetzt sollen die Schleimhäute des Anus die empfindsamste
«erogene Zone «sein. Auf dieser Entwicklungsstufe wird das Ausscheiden der Exkremente als körperlich
lustvoll erlebt. Die anale Phase soll aber auch einen sadistischen Charakter haben, der sich in einem
«Bemächtigungstrieb «gegenüber den Objekten ausdrückt und zuweilen ins Grausame umschlägt. Wird
das Kind durch eine unangemessene Reinlichkeitserziehung in seiner analen Lust frustriert, bleibt
angeblich eine anal fixierte Persönlichkeit zurück. Sie weist eine deutliche Nähe zum deutschen
Volkscharakter auf und wird durch Sekundärtugenden Ordnungsliebe, Sparsamkeit und Zähigkeit
definiert.
So trefflich sich auch mit dem analen Charakter diffamieren lässt, auch er hat den empirischen Test
nicht bestanden. Zahlreiche Wissenschaftler haben in den vergangenen Jahrzehnten versucht, einen