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Zusammenhang zwischen der Reinlichkeitserziehung und dem Charakter herzustellen. Doch der Versuch

ist fehlgeschlagen, resümiert Zimmer:»Ein Zusammenhang zwischen der Strenge der

Reinlichkeitserziehung und dem Analcharakter wurde logischerweise mehrfach gesucht, aber niemals

gefunden.«

Dieses Schicksal teilt der Analcharakter übrigens mit dem Ödipuskomplex, dem angeblichen

Meilenstein der freudschen Theorie. König Ödipus, der nach seiner Geburt von den Eltern getrennt

wurde, kehrt als Erwachsener zurück, nur um versehentlich seinen Vater zu ermorden und unwissentlich

seine Mutter zu heiraten. Für Sigmund Freud war diese Gestalt aus der griechischen Tragödie ein Beweis

dafür, dass Kinder starke sexuelle Empfindungen für ihren gegengeschlechtlichen Elternteil hegen und

sich ein Leben lang mit dem Ödipuskomplex herumschlagen müssen.

Nichts könnte weiter von der Realität entfernt sein als dies, sagt die moderne Evolutionsbiologie. Bei

allen Lebewesen, die sich auf dem mühsamen Wege der sexuellen Fortpflanzung vermehren, hat Inzucht

negative Konsequenzen für das Wohlergehen und die genetische Tauglichkeit (Fitness) der Kinder. Der

Nachwuchs aus einer Paarung zwischen Blutsverwandten ist weniger vital, stirbt früher und bringt eine

verringerte Zahl eigener Kinder zur Welt. Das liegt vor allem daran, dass jeder Organismus eine gewisse

Zahl überdeckter (rezessiver) Erbfaktoren mit sich herumträgt, die mit Schäden behaftet sind.

Nach Ansicht der modernen Wissenschaft hat die Natur zwei Sicherungen geschaffen, um dem

genetischen Risiko Inzest Schranken zu setzen. Einmal gibt es bei den meisten Tierarten die Tendenz,

dass ein Geschlecht (meist das männliche) beim Erreichen der Sexualreife aus der Horde abwandert und

sich in der Fremde einen Partner sucht. Zum andern hat die Evolution den Organismen aber auch eine

sexuelle Aversion gegen Blutsverwandte mitgegeben, die als» Inzestschranke «bezeichnet wird.

«Personen, die von frühester Kindheit an eng zusammenleben, entwickeln eine sexuelle Aversion

gegeneinander «formulierte der Anthropologe Edward Westermarck das Prinzip schon vor 100 Jahren.

Da viele Lebewesen in der Natur Verwandte nicht direkt erkennen können, zieht unser Instinkt» enges

Zusammenleben in der Kindheit «als Indikator für Blutsbande heran. Die Individuen, die einem in den

ersten Lebensjahren nahe sind, stehen außerhalb des sexuellen Appetites. Diese Theorie wurde vor allen

Dingen durch Untersuchungen in israelischen Kibbuzen untermauert: Die Kinder, die dort gemeinsam

aufgezogen wurden, suchten sich ihren Sexualpartner später immer außerhalb.»All dies ist nicht günstig

für Freuds Ödipus-Theorie«, schließt denn auch Zimmer.»Wenn in der Natur nicht Inzestwünsche die

Regel sind, sondern Inzestvermeidung; wenn die Sexualität unter den Bedingungen primärer Vertrautheit

bei Tieren wie auch beim Menschen einer Hemmung unterliegt, dann kann die Zärtlichkeit, die es

zwischen Kindern und Eltern gibt, nicht mehr als sexuell und mithin inzestuös interpretiert werden.«

Daran ändert auch das tragische Schicksal des Ödipus nichts, denn dieser wurde ja eben nach der

Geburt von seinen Eltern getrennt, so dass erst gar keine Inzestschranke entstehen konnte. Das war die

perfekte, evolutionsbiologisch inspirierte Methode, um inzestuöse Leidenschaft zu entfachen. Der Mythos

spricht also in Wirklichkeit viel eher für Westermarck als für Freud. Offenbar hat bereits Sophokles mehr

Gespür für die Tatsachen des Lebens gehabt als der Wiener Seelenpionier. Und der war vielleicht nur

deshalb auf dem Holzweg, weil er von frühester Kindheit an von Kindermädchen erzogen wurde.

«Menschen können durch intensive Selbstbeobachtung Zugang zu ihren tieferen Antrieben

gewinnen«

Auf den ersten Blick scheint der Mensch mit einem begnadeten Instrument der Selbsterkenntnis

ausgestattet zu sein — mit der» Introspektion«(Selbstbeobachtung), dem» Blick nach innen«. Besonders

die Psychoanalytiker huldigen diesem» bildgebenden Verfahren «so enthusiastisch wie Neurologen der

Positronen-Emissions-Tomographie oder Astronomen dem Hubble-Teleskop. Das freudsche Denken führt

praktisch alle Störungen und Symptome des Erwachsenenlebens auf unbewusste und verdrängte Impulse

zurück. Bei den betroffenen Personen ist offenbar die Introspektion durch einen» Knick in der Optik«

gestört: Sie können dem Verdrängten nicht ins Auge sehen. Doch mit psychoanalytischer Schützenhilfe

lässt sich diese Trübung gründlich bereinigen. Am Ende ist es ja gerade die psychoanalytisch aufgeklärte

Selbstbeschau, die dem Patienten die Konfrontation mit den schlummernden Monstern seiner Seele

ermöglichen soll. Aber auch die meisten anderen psychotherapeutischen Schulen gehen mehr oder minder

ausdrücklich von der Überzeugung aus, dass der Blick nach innen den Patienten auf der Suche nach

Wahrheit weiterbringt.

Es ist jedoch eine der größten Illusionen der Geistesgeschichte, dass die Introspektion einen

aussagekräftigen Zugang zum seelischen Innenleben gewährte. Der Blick nach innen liefert ebenso

«optische Täuschungen«, Irrtümer und Illusionen, wie uns der (naive) Blick nach außen Trugbilder wie

den Lauf der Sonne um die Erde vorgaukelt. Sozialpsychologen haben schon vor Jahrzehnten in

sorgfältigen Experimenten Beweise dafür gesammelt, dass Menschen gar nicht wirklich in sich selbst

«hineinschauen«, wenn sie nach den Gründen ihres Handelns suchen. Wir erkennen unsere eigenen

Beweggründe nur schlecht, und die Introspektion hilft uns kaum weiter — wir glauben immer nur zu

wissen, warum wir etwas tun oder meinen.»Wir sagen mehr, als wir wissen können«, nannten die beiden

Psychologie-Professoren Richard Nisbett von der Michigan University und Timothy D. Wilson von der

University of Virginia in Charlottesville ihren bahnbrechenden Fachbeitrag.11»Wir sind uns selbst fremd«

taufte Wilson später ein entsprechendes Buchkapitel.12

Das pessimistische Urteil über unsere Innenschau basiert unter anderem auf einem Experiment, in

dem die Hilfsbereitschaft der Probanden getestet wurde. Es stellte sich heraus, dass die Teilnehmer in

vermeintlichen Notlagen umso mehr Beistand leisteten, je weniger Zeugen anwesend waren: Zuschauer

blockierten das Hilfehandeln. Aber die Probanden hatten auf Befragen nicht die geringste Ahnung, dass

ihr Verhalten von der (Nicht)Anwesenheit anderer beeinflusst worden war. Sagte oder zeigte man es

ihnen, stritten sie es beharrlich ab.

In einem anderen Experiment mimte der Versuchsleiter einen Marktforscher, der die Kundenmeinung

über vier Damenstrümpfe erfahren wollte. Passanten sollten ihr Urteil über die Produkte abgeben, die

nebeneinander gelegt wurden. Was die Leute nicht wussten, war, dass es gar keine Unterschiede gab –

alle Strümpfe waren gleich. Doch die meisten Befragten gaben eindeutig dem Strumpf auf der rechten

Seite den Vorzug. Aber auch von diesem Positionseffekt auf ihre Qualitätswahrnehmung wussten sie

nichts, und als man sie fragte, ob eventuell die Position ihre Bewertung beeinflusst habe, stritten sie diese

vermeintliche Unterstellung entrüstet ab.

Ein andermal führten die Versuchsleiter ihren Probanden einen Dokumentarfilm über Armut in der