Großstadt vor. Die Präsentation wurde jedoch bei einigen Teilnehmern durch Unschärfe, bei einigen
anderen durch schrille Geräusche gestört. Als man die Zuschauer, die den Film bewertetet hatten, im
Nachhinein fragte, ob die Störung ihre Bewertung abträglich beeinflusst habe, pflichteten die meisten bei.
De facto gab es aber gar keinen Einfluss der Störung auf die Filmbewertung. Die Introspektion hatte die
Teilnehmer völlig in die Irre geführt. Dieses Phänomen trat auch bei Frauen auf, die mehrere Monate lang
über ihre Stimmungsschwankungen Protokoll führen sollten. Gleichzeitig hielten die Frauen auch alle
äußeren Faktoren wie das Wetter und den Wochentag fest. So ließ sich objektiv identifizieren, welcher
äußere Faktor möglicherweise mit der Stimmung in Beziehung stand.
Hinterher wurden die Frauen selbst gefragt, welche Faktoren wohl ausschlaggebend gewesen seien.
Fazit: Die Übereinstimmung zwischen objektiven und subjektiven Beziehungen war verschwindend
klein. So maßen die Frauen dem Faktor Schlaf im Nachhinein eine außerordentliche Bedeutung für ihre
Stimmung bei, obwohl er objektiv ziemlich gleichgültig war. Der Wochentag, der den Frauen ziemlich
nebensächlich vorkam, hatte jedoch objektiv einen hohen Stellenwert.»Das Beweismaterial rechtfertigt
also den größten Pessimismus hinsichtlich der menschlichen Fähigkeit, die eigenen Denkprozesse
zutreffend zu beschreiben«, nehmen Nisbett und Wilson Stellung.
Die Introspektion hatte in all diesen Experimenten — und in vielen anderen — gar nicht die wahren
Beweggründe des Verhaltens und des Beurteilens ans Tageslicht gebracht. Was sie ins Bewusstsein geholt
hatte, entsprach lediglich gängigen Theorien über das Zustandekommen von Verhaltensweisen und
Urteilen. Man denkt eben üblicherweise, dass Lärm während einer Filmvorstellung negativ auf die
Bewertung abfärbt. Die Probanden hatten offensichtlich das Hinzuziehen üblicher Erklärungsmuster mit
Introspektion verwechselt. De facto betrachteten sie sich selbst von außen wie einen Fremden und
zimmerten sich eine notdürftige und plausible Theorie über die unbekannte Person zusammen. Dabei
orientierten sie sich jedoch nur an vordergründigen Merkmalen und an Einflüssen, die sich leicht
verbalisieren lassen. Auch wenn wir glauben, uns selbst zu verstehen, umgarnen wir uns selbst doch nur
mit theoretischen Lehrgebäuden, die auf kulturell verankerten Mythen und Dogmen, flüchtig gehörten
Klischees oder weit verbreiteten Scheinerklärungen beruhen.
Unsere Antriebskräfte (etwa unsere nachlassende Hilfsbereitschaft in der Anwesenheit von Zeugen)
sind nicht wirklich im freudschen Sinne verdrängt. Wir haben sie nie gekannt, denn sie sind, wie alle
großen Geheimnisse der Natur, von einem Schleier des Nichtwissens umhüllt. Das psychologische
Wissen — die Wahrheit über uns selbst — kann der Unwissenheit nur in mühevoller Kleinarbeit abgetrotzt
werden, so wie Physiker mit winzigen Erkenntnisfortschritten die Wahrheit über die unbelebte Welt
hervorzukramen versuchen. Wir werden uns, so Nisbett und Wilson, umso mehr richtig erkennen können,
je besser die Theorien sind, die uns zur Verfügung gestellt werden, und je weniger wir auf die falsche
Fährte gelockt werden. Sigmund Freud hat uns mit einer schlechten Theorie auf den Holzweg geschickt.
Die Psychoanalyse und die meisten anderen Therapien verlangen uns offensichtlich etwas ab, was wir
nach den Ergebnissen solcher Forschungsarbeiten extrem schlecht können, meinen der amerikanische
Wissenschaftspublizist Ethan Watters und sein Landsmann, der Soziologie-Professor Richard Ofshe:
«Unsere Gedanken und Handlungen auf ihre mentalen Ursachen zurückführen.«13 Dieser Skepsis schließt
sich auch der Philosoph Adolf Grünbaum an:»Es ist zwecklos und irreführend, Analysanden zu fragen,
warum sich ihr Zustand gebessert hat. Denn auch nach einer erfolgreichen Analyse hätte der Patient
keinen privilegierten Zugang zu den tatsächlichen Mechanismen, die seine Veränderung bewirkt
haben.«14
Weil wir alle so ausgesprochen schlecht darin sind, in uns» hineinzuhorchen«, verrennen wir uns auch
leicht in eine falsche Richtung, wenn wir über eine Entscheidung zu lange nachgrübeln, anstatt» aus dem
Bauch «zu handeln. Der Psychologe Timothy D. Wilson ließ seine Probanden in einer Studie mehrere
Proben Erdbeermarmelade nach deren Qualität bewerten, einmal ad hoc, einmal nach reiflicher
Überlegung.15 Fazit: Das aus dem Bauch gefällte Urteil stimmte meist mit dem von konsultierten
Fachleuten überein. Die, die auf Kommando lange grübelten, rückten dagegen immer weiter vom
Expertenurteil ab.
Das Muster bestätigte sich, als Versuchspersonen sich für eins von mehreren kostenlosen
Zeitschriftenabonnements entscheiden sollten, entweder auf die Schnelle oder mit Bedenkzeit. Ergebnis:
Diejenigen, die zur Reflexion genötigt worden waren, bereuten ihre Wahl nach einem Jahr am meisten.
Das Nachdenken über spontane Empfindungen führt oft in die Irre, weil man sich dabei von seinem
intuitiven Urteil entfernt.
Dann gewinnen plötzlich Klischees und Theorien an Gewicht, die man irgendwo aufgeschnappt hat,
oder man besinnt sich auf Regeln, die man für gesellschaftlich wünschenswert hält.
«Der Mensch kann seine Entscheidung aus freiem Willen treffen«
Die Forschungsergebnisse der Sozialpsychologie nähren den beunruhigenden Verdacht, dass der
Mensch in vielen Situationen die wahren Beweggründe seines eigenen Handelns nicht richtig
nachvollziehen kann. Doch diese Wahrnehmungslücke lässt immer noch die tröstliche Möglichkeit offen,
dass die Entscheidungen in einem abgelegenen, schwer einsehbaren Kommandozentrum des Verstandes
getroffen werden. Wir alle huldigen im Grunde der» mentalistischen «Vorstellung, dass die Ideen in
unserem Kopf den Anstoß zu unserem Handeln geben. Doch die experimentellen Befunde der
Gehirnforschung stellen seit ein paar Jahren den Glauben an die Herrschaft des Geistes über die Materie
radikal in Frage.»Das Gefühl«, so behauptet Prof. Gerhard Roth, Gehirnforscher an der Universität
Bremen und Rektor des Hanse-Wissenschaftskollegs,»dass ich als bewusst handelndes Subjekt der Herr
meiner Handlungen bin, ist eine Illusion. Das Gehirn hat entschieden, bevor ich das Gefühl habe, dass ich
das will, was ich gleich tun werde. «Der viel gerühmte freie Wille des Menschen ist vermutlich genauso
verblendet, wie manch» kleines Rädchen «in einer riesigen Bürokratie: Obwohl es nur Entscheidungen
absegnet, die längst an höherer Stelle getroffen wurden, bildet er sich ein, selbst am Drücker zu sitzen.
Dies schwante zum ersten Mal zwei deutschen Wissenschaftlern im Jahre 1965. Der Neurophysiologe
Hans H. Kornhuber und sein Mitarbeiter Lüder Deecke wollten mit Hilfe des EEG den Zusammenhang
zwischen willkürlichen Hand- und Fußbewegungen und den Wellenmustern im Gehirn erforschen. Dabei
stellten sie ein seltsames Phänomen fest: Bewegte die Versuchsperson die Hand oder den Fuß, ließ sich in
den Hirnstromkurven bereits etwa eine Sekunde vor der Handlung eine charakteristische Ausbuchtung
nachweisen. Gewissermaßen eine Vorwarnung, die Kornhuber und Deecke das» Bereitschaftspotenzial«
nannten.
Eine Sekunde, das war eine erstaunlich lange Zeit. Und als der Amerikaner Benjamin Libet,