Neurophysiologe an der University of California in San Francisco, die Studien aus Deutschland in die
Hand bekam, drängte sich ihm förmlich eine Frage auf:»Ich dachte viele Jahre darüber nach«, so Libet
später,»wie diese knappe Sekunde vom Bewusstsein wahrgenommen wird. Oder anders ausgedrückt:
Wie viel Zeit vergeht zwischen der bewussten Entscheidung des Gehirns und der eigentlichen
Handlung?«Ganz sicher keine Sekunde. Wenn man die Hand ausstreckt, bewusst den Fuß bewegt, um
gegen die Wand zu treten, dann wartet man nicht so lange. Wäre es so, wir würden uns im
Zeitlupentempo durch die Welt bewegen. Die einzige Erklärung war, dass das Bereitschaftspotenzial für
eine Handlung im Gehirn bereits eingesetzt hat, bevor wir uns bewusst zu einer Handlung entschließen.
Ein beunruhigender Gedanke, denn zu Ende gedacht würde er in Frage stellen, dass wir Herr unserer
Sinne und unserer Handlungen sind — dass der freie Wille, auf den wir so stolz sind, reine Makulatur ist.
Libet wollte und musste diese Zweifel in einem wissenschaftlichen Experiment überprüfen. In einem
denkwürdigen Versuch wies er daher seine Probanden an, mehrmals hintereinander, aber unregelmäßig
und spontan einen Finger oder das Armgelenk der rechten Hand zu krümmen. Zugleich wurden sie
instruiert, sich auf einer vor ihren Augen ablaufenden Video-Uhr die Zeigerstellung einzuprägen, bei der
ihnen der jeweilige Impuls in den Kopf kam. Ergebnis der Hirnstrommessung: Der bewusste
Gedankenfunke dämmerte durch die Bank erst 0,3 bis 0,8 Sekunden nach dem Einsatz des
Bereitschaftspotenzials herauf. Als die Probanden erstmals mit dem Gedanken zum Krümmen des Fingers
spielten, waren die Würfel längst gefallen.
Nach diesen Befunden scheint es, als ob der freie Wille die Zügel längst nicht so fest in der Hand hat,
wie er sich selbst vormacht. Möglicherweise muss das Gehirn erst einige Sekundenbruchteile warm
laufen, bevor der bewusste Gedankenfunke erglüht, so wie das Bild auf einem Fernseher. Man kann
daraus schließen, dass der Willensakt nicht die Ursache der Bewegung ist, sondern nur ein Begleitgefühl
zu der Handlung selbst, meint der Bremer Forscher Roth. Er geht den neuronalen Prozessen nicht voraus,
sondern er folgt ihnen.»Wenn ich also sage oder denke: >Ich möchte dies tun<, hat das Gehirn sein
Wollen bereits einige 100 Millisekunden davor abgeschlossen«, folgert der Psychologie-Professor Niels
Birbaumer von der Universität Tübingen.
Libets Experimente lösten eine stürmische Debatte in der Gehirnforschung aus. War bei seinen
Experimenten alles mit rechten Dingen zugegangen? Waren seine Messungen vielleicht ungenau?
Verschiedene Wissenschaftler, auch solche, die Libets Messungen anzweifelten, wiederholten seine
Versuche. Sie kamen alle zu denselben Ergebnissen. Trotzdem blieb eine gravierende Frage offen: Warum
merken wir nichts von dieser Verzögerung? Warum glauben wir, dass Entschluss und Handlung
unmittelbar aufeinander folgen? Auch dafür hatte Libet eine These parat. Bei Versuchen, die er mit
Patienten (mit deren Einwilligung!) durchgeführt hatte, denen für eine Gehirnoperation die Schädeldecke
geöffnet worden war, war er auf ein seltsames Phänomen gestoßen: Das Gehirn betrügt sich selbst. Es tut
alles, um die Tatsache vor sich selbst zu verbergen, dass das Bewusstsein verzögert einsetzt, und
projiziert das bewusste Erleben etwa eine halbe Sekunde zurück.
Unglaublich? Nicht, wenn man sich vor Augen führt, was geschieht, wenn man sich schneidet oder an
einer heißen Herdplatte verbrennt. Man zieht blitzschnell die Hand zurück, mit einer gewissen
Verzögerung denkt und ruft man» Aua«, spürt dann erst den Schmerz und hat doch das Gefühl, dass das
Verbrennen, der Schmerz, das Zurückziehen der Hand und der Schmerzensschrei im gleichen Augenblick
stattgefunden haben.
Das Gehirn als System entscheidet also autonom, es braucht unseren freien Willen nicht. Im Lichte
seiner gesamten Erfahrung wägt das Gehirn vielmehr blitzschnell ab, welche Handlungsalternative dem
Organismus nützt und welche ihm schadet.»Wir tun nicht, was wir wollen«, so Dr. Wolfgang Prinz,
Direktor am Max-Planck-Institut für Psychologische Forschung in München,»sondern wir wollen, was
wir tun!«Anders ausgedrückt: Der Mensch denkt, das Gehirn lenkt.
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http: //www.morgenwelt.de/wissenschaft/ 9902-gehirn.htm
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