Es ist für die seelische Gesundheit erforderlich, ein aufrichtiges und
unverhülltes Bild von sich selbst zu haben«
In der abendländischen Kultur herrscht seit jeher die unbezweifelbare Gewissheit vor, dass es für den
Menschen heilsam ist, die Wahrheit über sich selbst zu erfahren. Bereits am Eingang zum Orakel von
Delphi prangte die epochale Devise» Erkenne dich selbst«, und auch der Volksmund besteht darauf, dass
Selbsterkenntnis der erste Weg zur Besserung sei. Kaum jemand zweifelt heute noch daran, dass der
Mensch sich auf lange Sicht unweigerlich ins Unglück stürzt, wenn er unangenehme und traumatische
Dinge mit Nichtbeachtung (oder» Verdrängung«) straft.
Unsere Haltung zu allen Formen des Selbstbetruges ist von der tief verwurzelten rationalistischen
Überzeugung geprägt, dass die Wahrheit über uns selbst einen heilsamen Charakter besitzt.
Lehrbuchhaften Ausdruck findet diese Vorstellung in der Verdrängungstheorie der Psychoanalyse, die
davon ausgeht, dass wir mit Abwehrmechanismen unangenehme Wahrheiten aus dem Bewusstsein
verbannen. Am tiefenpsychologischen Geistesgut orientierte Psychotherapien versuchen daher mit aller
Macht, die Mauern der Verdrängung niederzureißen. Aber auch alle anderen Formen der
«Seelenklempnerei «versuchen auf die eine oder andere Art, dem Patienten die Augen über sich selbst zu
öffnen. Verdrängte oder ignorierte seelische Inhalte» gären «nach dieser Überzeugung im Dunkeln und
setzen dem Betreffenden mit Symptomen und Neurosen zu.
Solche» psychohygienischen «Erwägungen, fasst der New Yorker Psychologe Harold A. Sackeim
zusammen, gehen davon aus, dass Selbsttäuschungen a) dazu dienen, Unannehmlichkeiten auszuweichen,
und b) letztlich der psychischen Gesundheit immer abträglich sind.1 Doch zumindest der letzte Punkt
wurde in den vergangenen Jahren durch umfangreiche Forschungsarbeiten der Sozialpsychologie und der
klinischen Psychologie eindeutig widerlegt, betont Sackeim.»Es gibt eine riesige Fülle von Daten, die
beweisen, dass Illusionen und schöngefärbte Selbstwahrnehmungen ein integraler Bestandteil der
seelischen Gesundheit sind«, stimmen die beiden amerikanischen Seelenforscher Shelley E. Taylor und
Jonathan A. Brown in ihrer viel beachteten Übersichtsarbeit zu.2
Verzerrte Wahrnehmungen der Welt und der eigenen Person sind demnach nicht wahnhafte Symptome
einer zerrütteten Psyche, sondern Merkmale» normalen «seelischen Funktionierens; ihre Abwesenheit
geht häufig mit trübsinnigen Empfindungen bis hin zur Depression einher. So unglaublich es klingen
mag: Seelisch kranke Menschen leiden oft eher an zu viel denn an zu wenig Ehrlichkeit sich selbst
gegenüber. Das Organ Gehirn ist von der Evolution gar nicht in erster Linie auf Selbsterkenntnis, sondern
auf Selbsterhaltung angelegt, behauptet die moderne Soziobiologie. Um erfolgreich zu überleben und
seine Gene zu vermehren, ist es aber häufig vorteilhaft, sich selbst und den anderen ein X für ein U
vorzumachen. Wer ein rosiges Bild von sich selbst kultiviert — und die anderen mit dieser Show überzeugt
— hat im Daseins- und Fortpflanzungskampf häufiger die Nase vorn. Und am besten kann man andere mit
einer Vorstellung blenden, wenn man selbst daran glaubt.
«Seelisch Gesunde nehmen ihre eigenen Wesenszüge unverzerrt wahr«
Wenn es wirklich einen Drang nach Selbsterkenntnis gäbe, müssten die meisten seelisch gesunden
Menschen wenigstens halbwegs realistische Kenntnisse über ihre Persönlichkeit besitzen. Auf den ersten
Blick gibt es da kaum Zweifel, weil man selten Leuten begegnet, die sich etwa für Napoleon oder für
einen Fisch halten, gibt der Psychologe Jonathan D. Brown zu bedenken.3 Aber selbst die zutreffende
Erkenntnis, ein Mensch zu sein, lässt noch einen riesigen Spielraum für die Einschätzung, ob man etwa
ein kluger, humorvoller, kompetenter oder einfühlsamer Mensch ist. Und mit diesem Urteil liegen die
meisten Menschen schief.
Zu jeder» ungeschminkten «Selbsterkenntnis gehört die Einsicht, dass man über angenehme und
weniger angenehme Eigenschaften verfügt. Tatsache ist jedoch, dass sich die meisten Menschen auf ihre
eigene» Schokoladenseite «konzentrieren. Psychisch gesunde Versuchspersonen finden sich durch
Adjektive mit positivem Unterton in aller Regel wesentlich exakter beschrieben als durch negativ
angehauchte Attribute. Darum kommen übrigens in den Illustriertenhoroskopen fast nur freundlich
getönte» Diagnosen «vor. Es heißt dort nie:»Mit Ihrem verfluchten Egoismus werden Sie sich diese
Woche wieder viele Feinde machen. «An Erfolgserlebnisse kann der Durchschnittsmensch sich besonders
gut erinnern, während Misserfolge eher einer eigenartigen Gedächtnislücke zum Opfer fallen. Zudem
neigt man dazu, sich für erfolgreiche Ausgänge seines Handelns persönlich verantwortlich zu fühlen,
während man die Schuld für ein Versagen lieber auf äußere Umstände schiebt. Sofern der Mensch
überhaupt Schwächen bei sich selbst diagnostiziert, spielt er diese gerne als» weit verbreitet «herunter,
die eigenen Stärken hingegen werden als» einsame Spitze «aufgefasst.
Schließlich sind die meisten seelisch gesunden Menschen davon überzeugt, dass sie dem
«Durchschnitt «in einer Vielzahl von Bereichen überlegen sind. 90 Prozent aller Befragten halten sich
selbst nach ihren Angaben in den entsprechenden demoskopischen Untersuchungen für
«überdurchschnittlich gute «Autofahrer. Dieser» Knick in der Optik «kann logischerweise gar nicht der
Realität entsprechen. Die meisten bilden sich etwas auf ihre überdurchschnittlich gute Menschenkenntnis
ein. Die große Mehrheit der Befragten ist überzeugt, ein besseres Leben zu führen als der
Durchschnittsmensch. 70 Prozent aller Studenten billigen sich auf Befragen überdurchschnittliche
Führungsqualitäten zu, 85 Prozent meinen gar, sie seien kommunikationsfreudiger als der Rest der Welt.
94 Prozent aller Professoren erachteten ihre eigene Forschung für überdurchschnittlich, 86 Prozent aller
Manager ihre ethische Haltung.
Das Bedürfnis, Kontrolle über die Bedingungen des eigenen Lebens zu haben, ist nach Ansicht vieler
Psychologen tief in der menschlichen Seele verwurzelt. Es ist sogar imstande, dem Verstand einen Streich
zu spielen und die» Illusion von Kontrolle «vorzugaukeln, wo nur blinder Zufall oder unsichtbare Kräfte
walten. In verschiedenen Experimenten hat sich gezeigt, dass normale, seelisch gesunde Probanden sich
verhalten, als hätten sie Einfluss auf Ergebnisse, die de facto rein zufallsabhängig sind. In einem
fingierten Glücksspiel etwa rechneten sich die Teilnehmer mehr Chancen aus, wenn sie selber statt des
Versuchsleiters die Würfel schütteln durften. Von ihnen selbst ausgesuchte Lotterielose kamen den
Probanden vielversprechender vor als von anderen für sie gezogene. In einer Versuchsordnung rechneten
sich die Probanden die größten Chancen bei einem Glücksspiel aus, wenn sie gegen einen Gegner
spielten, der schäbig und heruntergekommen wirkte.
In einigen Untersuchungen wurde der IQ von Versuchspersonen getestet, die ein Urteil über ihre
eigene intellektuelle Leistungsfähigkeit abgegeben hatten. Fazit: Zwischen Selbsteinschätzung und
Testergebnissen bestand nur eine verschwindend geringe Übereinstimmung. Inkompetente Menschen