sind häufig nicht nur den Anforderungen ihres Fachgebiets weniger gewachsen, sondern wissen überdies
auch nicht, wie inkompetent sie eigentlich sind. Dies hat David A. Dunning, Psychologe von der Cornell
University (USA), in einer Studie nachgewiesen.4 Dunning ließ Versuchspersonen logische,
grammatikalische und humorvolle Fragen lösen. Danach sollten sie selbst die Qualität ihrer Antworten
einschätzen. Es zeigte sich, dass diejenigen, die zum großen Teil richtig geantwortet hatten, auch
diejenigen waren, die sich eher unterschätzt oder sich selbst in Frage gestellt haben. Diejenigen jedoch,
deren Antworten meist falsch waren, waren sich dessen nicht nur nicht bewusst, sondern sie neigten in
der Bewertung der Qualität ihrer Antworten auch zu der Ansicht, dass sie zu den Besten der Gruppe
gehörten. Ihre Inkompetenz hatte ihnen offenbar die Fähigkeit geraubt, (Inkompetenz bei sich und
anderen zu erkennen.
Menschen nehmen aber nicht nur ihre geistigen Fähigkeiten, sondern auch ihre körperlichen Vorzüge
durch eine Zerrlinse wahr, hebt Brown hervor. In einigen Experimenten beurteilten neutrale Beobachter
das Aussehen von Probanden, die ihre Attraktivität selbst eingeschätzt hatten. Das Zwischenergebnis
nach 5.000 Beurteilungen: Es gab fast gar keine Übereinstimmung zwischen der eigenen und der fremden
Sicht. Eine ähnliche Diskrepanz kam ans Tageslicht, als Footballspieler und ihre Trainer gebeten wurden,
die Fähigkeiten der Athleten zu taxieren. Die Einschätzungen der beiden Parteien trennten Welten.
Die Liste der Studien, die eine Kluft zwischen subjektivem und objektivem Urteil offenbaren, könnte
endlos fortgesetzt werden, so der Psychologe. Schulkinder haben völlig verzerrte Vorstellungen davon,
wie beliebt sie bei ihren Kameraden sind. Normale Probanden, die ein Bild von ihrer Persönlichkeit
abgeben sollen, kommen zu einer gänzlich anderen Einschätzung als ihre ebenfalls befragten
Lebenspartner. Die Verzerrungstaktik wird besonders deutlich an der Art, wie Menschen mit
Informationen umgehen, die das Selbstwertgefühl tangieren, stellt der Psychologe Dieter Frey von der
Universität München fest: Alle Informationen, die ihn selbst betreffen, nimmt der Einzelne mit der
«Nachrichtenlenkung «eines totalitären Staates wahr. Das, was dem Ego schmeichelt, wird künstlich
aufgebauscht, wohingegen alles Herabsetzende so weit wie möglich ausgeblendet wird.5
Seine Majestät das Ich ist demzufolge besonders nach Ego-Kränkungen auf selbstwerterhöhende
Informationen erpicht und bereitet diesen auch im Geist einen» königlichen Empfang«. So stürzten sich
Probanden, denen ein überraschend schlechtes Abschneiden im Intelligenztest vorgetäuscht wurde, auf
solche Schriften, die Intelligenztests grundsätzlich disqualifizierten, während angeblich Hochgescheite
ein auffälliges Interesse für Pro-Test-Informationen entwickelten. Zudem stießen unerwartete Bescheide,
die das Ego hofierten, auf viel mehr Vertrauen als überraschende Schmähungen.
Wenn Gefahr droht, mit der Selbstbeweihräucherung Schiffbruch zu erleiden, schwingt sich das Ich
indes zu einem verblüffend selbstkritischen Realisten auf: Personen, die voraussehen, dass man eine
bestimmte Fähigkeit von ihnen überprüfen wird, schenken Informationen über eigene Schwächen
plötzlich massive Beachtung — und wenn auch nur mit der Hoffnung, die Falten am Selbstbild langfristig
ausbügeln zu können. Lob fürs Ich stößt auch dann auf Ablehnung, wenn es von scheinbar inkompetenter
Seite kommt.
Auch die Sicht der Mitmenschen wird vom Ego für die Zwecke der Selbsterhöhung eingespannt. Eine
Vielzahl von Studien hat gezeigt, dass man andere Leute mit Vorliebe nach solchen Eigenschaften
bewertet, die man bei sich selbst als positiv einschätzt. Darüber hinaus fanden Versuchspersonen ein und
dieselbe Leistung schwächer, den gleichen Fehler hingegen stärker, wenn sie von einem anderen und
nicht von ihnen selbst erbracht worden waren. Jede Einsicht, die das Selbstwertgefühl schmälert, löst
schließlich den Impuls aus, die anderen noch weiter unten zu sehen. So erkundigten sich
Versuchspersonen, denen ein beschämend niedriger IQ vorgetäuscht worden war, ausdrücklich nach den
noch schlechteren Testergebnissen anderer.
Nicht nur die Gegenwart, auch die Zukunft werden wir stets durch die Brille der Selbstüberhöhung
gewahr. Gegen das missliche Eingeständnis, dass Unglück und Krankheit ihn zu jedem Zeitpunkt
einholen können, schottet der Mensch sich durch einen Akt von unterbewusster Selbstüberlistung ab. Im
tiefsten Inneren geben wir uns alle der illusionären Gewissheit hin, dass solches Ungemach immer» die
anderen «trifft, und dass uns selbst ein Schutzengel vor allen möglichen Fährnissen behütet. Diese Taktik
wird als» Illusion der Invulnerabilität «bezeichnet, wie die US-Psychologin Linda S. Perloff berichtet.6
In ihrer allgemeinsten Form drückt sie sich in der Tatsache aus, dass Befragte die
Auftretenswahrscheinlichkeit von Naturkatastrophen wie Erdbeben oder Blitzschlag und die Häufigkeit
diverser Todesursachen wie Asthma oder Diabetes zu niedrig einschätzen. Gerade dann, so die
Psychologin, wenn er seine eigene Gefährdung mit der von» anderen «vergleichen soll, kehrt der Mensch
am deutlichsten seinen Unangreifbarkeitswahn hervor. So sind fast alle Individuen davon überzeugt, dass
ihr Risiko, von Krebs, Infarkt, Lungenentzündung, Leukämie und anderen medizinischen Geißeln
befallen zu werden, merklich unter dem Durchschnitt liegt. Selbst 50 Prozent aller Homosexuellen, die
man beim Verlassen einer Sex-Sauna interviewte, hielten sich für weniger durch Aids gefährdet als
«andere«.
Was die eigene zu erwartende Lebensspanne angeht, peilen die meisten Probanden für sich selbst 10
Jahre über dem Durchschnitt an. Mehrheitlich taxieren die Bürger ihr gesundheitliches Befinden als
besser im Vergleich zu dem des notorisch» kranken «Nachbarn ein. Auch gegen Missgeschicke wie
Autounfälle, Scheidung oder Alkoholismus fühlen die meisten sich gefeit. Im Banne der erwähnten
«Kontrollillusion «denkt der Mensch offenbar, dass er unerwünschte Ereignisse von sich abwenden kann.
Noch eine weitere Trugwahrnehmung, die» Illusion der gerechten Welt«, wirkt sich in diese Richtung
aus. In den geheimen Winkeln der Seele leugnet das Individuum demnach die Existenz von Unrecht und
Tragik ab, da andernfalls ja sogar guten Leuten (wie einem selbst) schlechte Dinge widerfahren könnten.
Aus dieser Dynamik heraus gibt es eine starke, unterbewusste Tendenz, den Opfern von Missgeschicken
die Verantwortung dafür selbst zuzuschustern. In dem Maße, in dem man sich erfolgreich von dieser
scheinbar selbst verschuldeten Not absetzt, bleibt einem naturgemäß die Einsicht in die eigene
Anfälligkeit erspart.
Auch die menschliche Neigung, sich in schlechten Zeiten an denen aufzurichten, denen es noch
schlimmer geht, begünstigt die illusionäre Immunität. Dieser» soziale Abwärts-Vergleich«, dessen
Vorkommen in verschiedenen Experimenten bewiesen wurde, kann die Tendenz zur Folge haben, dass
man das eigene (gesundheitliche) Gefährdungspotenzial an denen misst, die ganz eindeutig viel
gefährdeter sind. Tatsächlich ziehen Personen, die ihre eigene gesundheitliche Gefährdung mit der von