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anderen vergleichen sollen, automatisch einen wirklichkeitsfremden Popanz, die Karikatur einer

hochanfälligen Vergleichsperson aus dem Hut.

Offenbar hat jeder von uns eine» Spottversion «von» dem «Krebscharakter oder» der«

Infarktpersönlichkeit parat, die er bei dem Gedanken an die betreffende Krankheit aktiviert (siehe Kapitel

über psychosomatische Krankheiten). Dadurch, dass man sich selbst als» ganz anders «wahrnimmt, seilt

man sich aus dem Kreis der Gefährdeten ab. Diejenigen, die besonders lebhafte und dezidierte

Vorstellungen über die» typischen «Opfer von gewissen Kalamitäten kultivieren, fühlen sich daher auch

besonders gegen selbige gefeit. Familie und (enge) Freunde, stellte Perloff in eigenen Studien fest,

werden indes als (fast) genauso unangreiflich aufgefasst wie das werte Selbst. Zum Teil deshalb, weil der

psychologische Heiligenschein, der die eigene Wenigkeit erhellt, auch auf die lieben Nächsten abstrahlt

und man sich durch den Gedanken an ihre Verletzlichkeit nicht aufrichten kann. Aber auch aus dem

Grund, weil man sie in ihrer Individualität zu genau kennt, als dass man ihnen die Züge des» typischen

Opfers«überstülpen könnte.

Man dürfe allerdings nicht meinen, die illusionären Selbstwahrnehmungen kämen ausschließlich dem

persönlichen Wohlbefinden, also der» egoistischen «Komponente der geistigen Gesundheit zugute, geben

Taylor und Brown vorsorglich zu bedenken. Sie könnten ebenso gut der Bereitschaft Vorschub leisten,

sich um andere zu sorgen und diesen beizustehen. Es steht nämlich auf Basis der wissenschaftlichen

Daten fest, dass gut gelaunte Menschen auch großzügiger sind, Notbedürftigen eher helfen und für alle

Seiten befriedigendere soziale Kontakte pflegen.

Auf das Vermögen zu kreativer und produktiver Arbeit wirken sich Illusionen und Selbsttäuschungen

ebenfalls günstig aus. Eine gehobene Stimmungslage leistet dem kreativen, assoziationsreichen und

weiträumigen Denken Vorschub.»Selbstverherrlichende «Wahrnehmungen verstärken zudem auch die

Motivation und Ausdauer, mit denen das Individuum seine Aufgabe erledigt. Menschen, die sich viel

Erfolg versprechen, sind im Beruf nachweislich effektiver und streichen höhere Gehälter ein. Man kann

sich gut vorstellen, befinden die Forscher, dass Illusionen zu sich selbst erfüllenden Prophezeiungen

werden und das Individuum in (scheinbar) aussichtslosen Situationen zu heftigen Anstrengungen

bewegen.

«Seelisch gesunde Menschen wehren Angst und traumatische Gefühle nicht ab«

Man muss seinen Schmerz und seine negativen Gefühle» zulassen«, so lautet eine der tiefsten

Grundüberzeugungen in der Psychoszene. Wer seine Angst und seine Pein übergeht, muss dafür mit einer

seelischen Krankheit bezahlen: Die» heruntergeschluckte «Gram macht dann aus dem Verborgenen

heraus die Gesundheit kaputt. Doch nach den Befunden, die der New Yorker Psychologe Harold A.

Sackeim beim Studium der» auditiven Selbst-Konfrontation «gewonnen hat, ist das Nichtbeachten der

unangenehmen Erfahrungen oft der beste Weg.1

Der Forscher war im Vorfeld seiner Experimente auf ein seltsames Phänomen gestoßen: Viele

Menschen, besonders solche mit niedrigem Selbstbewusstsein, geraten in Stress, wenn ihnen

Tonbandaufzeichnungen ihrer eigenen Stimme vorgespielt werden. Sehr selbstbewusste Menschen

«schwelgen «jedoch geradezu in der Selbstkonfrontation und können nicht genug davon kriegen. Hören

nun Versuchspersonen mehrere Stimmen, darunter ihre eigene, vertippen sich einige in die eine oder

andere Richtung: Sie halten entweder fälschlich ihre eigene Stimme für die eines anderen oder

identifizieren eine fremde als ihre eigene. Beides scheinen regelrechte Selbsttäuschungsmanöver zu sein,

um das eigene Wohlbefinden zu steigern: Sehr Selbstbewusste hören ihre Stimme da, wo sie gar nicht ist,

während weniger Selbstbewusste» Wahrnehmungsabwehr «betreiben. Hautwiderstandsmessungen

zeigten allerdings, dass die» Schwindler «ihren» Irrtum«— wenn auch ganz subtil — wahrnahmen. Die

Hautwiderstandsveränderungen fielen nämlich bei jedem» Fehler «so aus, als hätte der Betreffende

richtig hingehört.

Dass beide Arten von» Hörfehlern «dazu dienen, einem übersteigerten oder verminderten

Selbstbewusstsein gerecht zu werden, bewies Sackheim in einer anderen Studie. Dort wertete er das

Selbstbewusstsein der Probanden entweder auf, indem er ihnen vorgaukelte, sie hätten bei einem

Intelligenztest herausragend abgeschnitten, oder er berichtete ihnen, dass ihre Testergebnisse ziemlich

schlecht ausgefallen seien. Folge: Die künstlich» Aufgewerteten «hielten im nachfolgenden

Selbstkonfrontations-Test eine fremde Stimme für ihre eigene, während die Gedemütigten sich öfter

genau andersherum täuschten.

Es kommt aber noch besser: Die meisten Leute verlieren durch auditive Selbstkonfrontation an

Selbstbewusstsein. Nicht jedoch die Selbsttäuscher (egal in welche Richtung). Sie behalten oder steigern

sogar ihre Selbstachtung. Die psychoanalytische Auffassung, wonach Unangenehmes abgewehrt und

damit erst Schaden angerichtet wird, scheint somit hinfällig zu sein. Es hat sich sogar herausgestellt,

bemerkt Sackheim, dass Leute, die ihre Stimme bei der auditiven Selbstkonfrontation häufig

dort hören, wo sie gar nicht ist, psychisch sehr gesund sind. Der typische Psychotherapeut hingegen

würde gerade da Psychopathologie wittern, wo auch nur die geringste Selbsttäuschung stattfindet.

Weitere Beweise für seine Theorie erbrachte Sackheim mit der Konstruktion eines speziellen

Selbsttäuschungs-Fragebogens. Dieser enthält Fragen wie» Haben Sie je daran gedacht, dass Ihre Eltern

Sie hassen?«oder» Haben Sie je an Ihrer sexuellen Funktionstüchtigkeit gezweifelt?«— alles

unangenehme, aber universelle Möglichkeiten, die jedoch niemand gerne zugibt. Erstaunliche Erkenntnis:

Je nachhaltiger die Befragten diese Fragen verneinten, umso gefestigter waren sie im psychischen

Bereich.

Eine Person, die in entsprechenden Tests universell gültige, aber unangenehme Wahrheiten ableugnet,

wird in der Forschung als» repressor«(»Verdränger«) bezeichnet. Repressoren zeichnen sich aber noch

durch verschiedene andere Eigenschaften aus, die sie nach den Wertmaßstäben der Psychoszene zu

ausgesprochen unsympathischen Zeitgenossen machen. Sie schließen sich zum Beispiel gerne

opportunistisch den in ihrer Bezugsgruppe vorherrschenden Normen an. Aber sie kommen auch besser

mit seelischen Krisensituationen zurecht, gesteht der amerikanische Psychologe George A. Bonanno ein.7

Repressoren, die den Gedanken an eine bevorstehende chirurgische Operation nachhaltig aus ihren

Köpfen verbannten, litten später seltener unter postoperativen Komplikationen als die Patienten, die ihre

Angst zuließen.

In seiner eigenen Studie nahm Bonanno eine Reihe von Menschen in jungen und mittleren

Lebensjahren unter die Lupe, die den schmerzhaften Verlust einer nahe stehenden Person erlitten hatten.

Das weitere Schicksal und die gesundheitliche Anpassung der Betreffenden wurden mehrere Jahre lang

verfolgt. Die Ergebnisse führen alle Stereotype ad absurdum, die in der Psychoszene verbreitet sind:

Repressoren, die sich geistig von ihrem Kummer abwendeten und sich in ihrer Körpersprache besonders