wenig anmerken ließen, hatten zu allen Messzeitpunkten einen günstigeren körperlich-geistigen Befund.
Egal, welches Kriterium für Gesundheit und Wohlbefinden der Forscher anlegte, die» Verdränger «waren
besser drauf.»Diese Befunde haben erhebliche Implikationen für die traditionellen Vorstellungen vom
psychotherapeutischen Prozess«, schreibt Bonanno.»Insbesondere müssen wir die kulturell verankerte
Vorstellung überdenken, dass emotionale Abspaltung und Selbsttäuschung immer nachteilig für die
Gesundheit sind.«
«Es ist vorteilhaft, sich möglichst wirklichkeitsnah an seine Vergangenheit zu erinnern«
Nach einer Denkvorstellung, die bei Psychologen und Psychotherapeuten weit verbreitet ist, sollte
sich der Mensch möglichst genau an seine Vergangenheit erinnern. Wer seine Vergangenheit nicht kennt,
ist nach einem Zitat von Sigmund Freud gezwungen, sie zu wiederholen. Patienten, deren Erlebnisse
wegen einer Hirnschädigung nicht mehr richtig im Gedächtnis haften bleiben, werden in den bewegenden
neurologischen Fallgeschichten des Oliver Sacks als» verlorene Seelen «bezeichnet. Aber in gewisser
Weise sind wir alle verlorene Seelen, da sich auch das unversehrte und geistig gesunde Gehirn keinen
originalgetreuen» Abdruck«(Engramm) der verflossenen Zeit bewahrt. Der Mensch ist kein sorgfältiger
und akkurater Chronist seines Lebens, sondern eher ein verhinderter Drehbuchautor, der unentwegt
seinen persönlichen» Historienschinken «weiterspinnt — und auch später noch» Nachbesserungen«
vornimmt.
Oft verhält er sich sogar wie der Propagandaminister in einem totalitären Staat, der die Ereignisse
nach allen Schikanen verdreht und zurechtbiegt, bis sie mit der» Parteilinie «in Einklang stehen.»Wer die
Vergangenheit kontrolliert, kontrolliert auch die Zukunft«, lässt George Orwell den» Großen Bruder «in
«1984«skandieren. Unser» totalitäres Ego «fabriziert und revidiert seine Geschichte und verfolgt so
Praktiken, die einem Historiker schlecht anstehen würden, konstatiert der amerikanische Psychologe
Anthony G. Greenwald in einem programmatischen Beitrag, der im Fach Psychologie erhebliche
Resonanz hervorrief.8
Man ist im alltäglichen Leben leicht geneigt, sich das Gedächtnis nach dem Muster des jeweils
modernsten technischen Informationsspeichers vorzustellen. Da läuft die Vergangenheit» wie ein Film«
vor dem geistigen Auge ab, da ist die Vergangenheit in Bücher, auf Tonbänder, auf Mikrofiche oder in ein
riesiges Archiv gebannt, das bei Bedarf die gewünschte Information ausspuckt. Doch unsere
Erinnerungen werden in einem kreativen Prozess abgerufen: Das Gedächtnis» hortet «frühere
Erfahrungen nicht wie verstaubte Ausstellungsstücke in einem Museum, sondern montiert sich die
Vergangenheit im Sinne eines» Indizienbeweises «immer wieder neu zurecht.
Dieser» kreative «Charakter der Erinnerung macht es jedoch möglich, dass vorgefasste Meinungen,
schematische Vorstellungen, Stimmungen, Verwechslungen von Quellen und andere sachfremde
Einflüsse zu einer Klitterung unserer eigenen Geschichte führen. Selbst wenn sie bereits» unter Dach und
Fach «sind, können Erinnerungen noch nachträglichen» Retuschen «unterzogen werden. In einer Studie
wurde ein Teil der Versuchspersonen von mutmaßlichen» Gesundheitsexperten«über die möglichen
Gefahren häufigen Zähneputzens (oder heftiger sportlicher Betätigung) informiert. Nach dieser
Belehrung kam in den» Erinnerungen «der Betroffenen plötzlich weniger Zähneputzen (oder weniger
sportliche Betätigung) vor. Studenten, denen man vorgaukelte, dass ein extravertierter Charakter dem
akademischen Vorwärtskommen frommt,»erinnerten «sich plötzlich viel deutlicher an ihre eigenen
extravertierten Wesenszüge.
Bei Orwell heißt es dazu:»Das Geheimnis der Herrschaft besteht darin, dass man den Glauben an die
eigene Unfehlbarkeit mit der Kraft verbindet, aus seinen Fehlern zu lernen. «Unser totalitäres Ego darf –
genauso wie der totalitäre Staat — niemals zugeben, sich geirrt zu haben, erläutert Greenwald. Die Partei
(seine Majestät das Ich) hat bekanntlich immer Recht. Und wenn man schon nicht darum herumkommt,
seine Erinnerungen zu» präparieren«, sollte man diesen Eingriff schleunigst vergessen. Das ist ein
Abwehrmechanismus, der bei Orwell als» double-think «firmiert.
Manchmal» pfuschen «wir also an unseren Erinnerungen herum und geben uns den Anschein, dass
alles beim Alten geblieben ist. Manchmal bleiben wir aber auch die Gleichen und spiegeln uns dennoch
die Illusion einer Wandlung vor, betont Greenwald. Davon zeugen zum Beispiel Probanden, die ihre
eigene akademische Leistungsfähigkeit einschätzten und dann zum Teil einen Förderkurs belegten. Nach
dessen Beendigung spielten die Kursteilnehmer plötzlich ihre ursprüngliche Kompetenz herunter.
Teilnehmer von spektakulären Wunderdiäten verschieben oft ihr anfängliches Gewicht in der Erinnerung
nach oben, um den» Erfolg «zu unterstreichen. Wenn sie eine Psychotherapie hinter sich haben, machen
viele Patienten ihren ursprünglichen Gesundheitszustand» künstlich «mieser — zum Nutzen und Frommen
der Zunft. Auch dazu gibt es im Totalitarismus orwellscher Provenienz eine Parallele:»Der
Parteiangehörige toleriert die gegenwärtigen Bedingungen zum Teil, weil er keinen Vergleichsmaßstab
besitzt. Er muss von der Vergangenheit abgeschnitten sein… weil es für ihn nötig ist, daran zu glauben,
dass er besser dran ist als seine Vorfahren, und dass der materielle Lebensstandard beständig ansteigt.«
Psychologen haben in einer Untersuchung die Berichte von Straftätern und ihren Opfern verglichen.
Die Erinnerungen der Täter an die Tat» schrumpften «ganz erheblich im Vergleich zu denen der Opfer.
Außerdem erklärten die Täter ihre Vergehen als» untypisch «für ihre Persönlichkeit, das seien isolierte
Vorkommnisse, Ausrutscher, die nichts zu tun hätten mit ihrer gegenwärtigen Geistesverfassung. Noch
wirksamer ist der» biografische Schnitt«: Ein früherer, durch negative Taten oder traumatische
Erinnerungen belasteter Lebensabschnitt wird symbolisch abgetrennt — etwa durch eine spirituelle
«Wiedergeburt«(born-again Christians) oder eine 12-Stufen-Therapie wie bei den Anonymen
Alkoholikern: Das alte,»böse «Selbst hat nichts mehr mit der gereinigten, neuen Person zu tun, die man
jetzt ist.
Eine andere, verbreitete Form, in der seelisch unauffällige Menschen ihre Erinnerungen verbiegen, ist
die Illusion» Ich sah es kommen«(»Knew it all along«). Das ist ein Trugschluss, der beweist, wie
schlecht wir uns im Nachhinein alternative Entwicklungen vorstellen können. Zu solchen» nachträglichen
Vorhersagen «gehört beispielsweise die trügerische Annahme, der Bruch einer Partnerschaft, das
Eintreffen eines Herzinfarktes oder der Ausgang eines Fußballspieles seien im Grunde absehbar gewesen.
Man ist in diesen Situationen offenbar nicht mehr imstande, sich in den vormaligen Zustand der
Ungewissheit zurückzuversetzen.
Nicht einmal Experten und Wissenschaftler, die den Gang der Geschichte, die Umstände um ein
Verbrechen oder die Wurzeln einer seelischen Krankheit» von hinten «aufrollen sollen, sind gegen die
Nachher-Klugheit gefeit. Auch ihnen kommen retrospektiv betrachtete Entwicklungen häufig so