Выбрать главу

konsequent, zwingend und unvermeidlich vor, dass sie sich keine alternativen Ausgänge mehr

vergegenwärtigen können. Ärzte, die eine Diagnose anhand von Fallbeispielen stellen sollten und dann

über den korrekten Befund aufgeklärt wurden, meinten danach prompt fälschlich, sie hätten diesen die

ganze Zeit vorausgeahnt. Vielleicht» frisieren «wir klammheimlich unsere Erinnerungen, weil wir uns

gerne als kompetente Beurteiler wähnen, die wissen, was abgeht und was die Zukunft für uns in petto hat.

Es kann sein, dass die Nachher-Klugheit den totalitären» Betonkopf «in uns allen zementiert, der vergisst,

wie ungewiss die Zukunft in der Vergangenheit war, und der sich daher auch keinen offenen Geist zu

bewahren braucht. Sie verringert die Chance, dass Menschen aus der Geschichte Lehren ziehen.

«Man erinnert sich an die Vergangenheit, als ob sie ein Drama wäre, in dem das Selbst die Hauptrolle

spielt«, umreißt Greenwald den entscheidenden» Drall «in unserer Rückblende. Und wenn man nicht

mehr um das Eingeständnis herumkommt, dass die eigenen Taten anderen Menschen Schmerz und

Schaden eingebracht haben, redet man sich mit der Illusion heraus, keine andere Wahl gehabt zu haben.

Die Probanden im berühmten Milgram-Experiment etwa entschuldigten ihre unnachsichtig verabreichten

Stromschläge immer wieder mit dem Argument, sie hätten so handeln müssen. Gerade Menschen in

totalitären Regimes versuchen, sich mit derartigen Ausflüchten rein zu waschen. Zu dem Zwangs-

Argument kommt dann häufig noch die Verteidigung, man selbst sei noch vergleichsweise milde

gewesen; damit setzt man sich elegant von den» wirklichen Schlächtern «ab.

«Es ist ein Zeichen geistiger Gesundheit, möglichst unvoreingenommen nach der Wahrheit zu

suchen«

Viele Psychologen und psychologisch gebildete Laien halten es für eine unhinterfragbare

Selbstverständlichkeit, dass seelisch gesunde Menschen nach einer vorurteilsfreien und

unvoreingenommenen Erkenntnis der Wahrheit streben. Eine besondere Eigenart des menschlichen

Verstandes liegt jedoch darin, dass er Informationen nicht mit der mechanischen Gleichgültigkeit eines

Computers verdaut. Die meisten Menschen hätscheln ihre vorgefassten Überzeugungen, suchen mit der

Lupe nach bestätigenden Hinweisen und spielen entkräftende Fakten gelegentlich bis hin zur Verleugnung

herunter, hebt der amerikanische Psychologe Joshua Klayman hervor.9

Es gibt danach in der Psyche eine starke Grundtendenz, die eigenen Meinungen und Ideen in einem

widerspruchsfreien Gleichgewicht zu halten. Um störende Spannungsgefühle (die» Dissonanz«) zu

vermeiden, halten Menschen nach solchen Informationen Ausschau, die ihre Überzeugungen und ihre

getroffenen Entscheidungen unterstützen, während sie Gegenbeweise mit Desinteresse und Abneigung

behandeln. Zusätzlich besteht noch die Tendenz, Bestätigungen als solide und glaubwürdig zu bewerten,

während Anfechtungen als fragwürdig und zweifelhaft entschärft werden.

In einem Experiment wurden Probanden nach ihren Einstellungen zur Todesstrafe befragt und

bekamen dann eine Sammlung von Pro- und Contra-Argumenten zur Prüfung vorgelegt. Am Ende des

Versuches hatten sich die Teilnehmer noch weiter in ihre vorgefasste Richtung bewegt; offensichtlich

wurden selektiv bestätigende Informationen aufgenommen und Gegenargumente mit Nichtbeachtung

bestraft. Gegen diese Art von Selbstbetrug sind offenbar auch Wissenschaftler nicht gefeit, meint

Klayman. Das beweist eine Studie, in der Parapsychologen und» ungläubige «Wissenschaftler die

methodische Güte eines Experimentes bewerten sollten, das entweder Beweise oder Gegenbeweise für

übersinnliche Phänomene erbracht hatte. Fazit: Skeptiker mäkelten über die Qualität des bestätigenden

Versuches, Gläubige über die Güte des Negativbeweises — aber nur dann, wenn sie über das unerwünschte

Ergebnis Bescheid wussten.

Wie borniert Menschen Informationen verarbeiten, hängt zum Teil vom Vertrauen in die eigenen

Ansichten ab. Versuchspersonen, denen vorgegaukelt wurde, ein Test habe ihre intellektuelle Kompetenz

in Zweifel gestellt, verspürten auf einmal verstärktes Interesse an Fakten, die ihre vorgefassten Ansichten

unterstützten. Probanden, deren Selbstsicherheit durch entsprechende Angaben aufpoliert worden war,

schenkten hingegen widerlegenden Informationen sehr viel mehr Aufmerksamkeit. Das Wissen, dass

bestimmte unliebsame Argumente einen Nutzen bringen, kann die Informationsblockade ebenfalls

durchbrechen. Probanden, denen angekündigt wurde, dass sie ihre Meinungen vor einem kritischen

Publikum verteidigen müssten, waren plötzlich sehr viel offener für Gegenargumente. Politische Akteure

sind gut beraten, sich mit der Position der Andersdenkenden zu beschäftigen, wenn sie von deren

Argumenten nicht überrumpelt werden wollen.

Menschen, die durch den unliebsamen Kontakt mit» bösen «Informationen unter Dissonanz leiden,

zeigen oft einen ganz besonderen Drang: den, zu missionieren. Mitglieder einer Sekte, die mit einer

ungewollten Anti-Sekten-Kampagne berieselt worden waren, begannen urplötzlich, sehr engagiert neue

Mitglieder für ihren Verein zu werben. Das ist einer der Gründe, warum Politiker nach einer

Wahlniederlage verstärkt die Werbetrommel rühren. Die tiefere Ursache für unseren parteiischen Umgang

mit Informationen besteht in einem Konflikt zwischen der Suche nach Wahrheit und der Suche nach

Harmonie und Einverständnis mit sich selbst, meint Klayman. Das Eingeständnis, dass man sich geirrt

hat, kann nun einmal das Selbstwertgefühl und das Renommee ankratzen.

«Die Meinungsvielfalt in einer Gruppe führt zu einem höheren Grad an Wahrheitssuche«

Einzelmenschen können es sich vielleicht» leisten«, bei der Wahrheitssuche zu pfuschen, weil sie

nicht kritisch hinterfragt werden. Aber in einer Gruppe, so eine nahe liegende Überzeugung, weicht die

Vielfalt der Stimmen und Meinungen die bornierte Haltung der Einzelnen auf. Dieser

Vertrauensvorschuss ist aber in vielen Fällen nicht gerechtfertigt, zieht nun der Münchener Psychologie-

Professor Dieter Frey nach mehreren Studien Bilanz: Gruppen klammern sich in der Regel viel stärker an

die ihnen genehmen Informationen, zweifeln weniger an der Richtigkeit ihrer Beschlüsse und schlagen

häufiger triftige Gegenargumente in den Wind als Einzelpersonen.10

In der Versuchsreihe hatten die Teilnehmer die Aufgabe, gemeinsam eine (vorläufige) Entscheidung

für eine von mehreren Alternativen zu treffen. Nachdem die Gruppe sich durchgerungen hatte, wurde ihr

die Möglichkeit gegeben, bis zu 10 zusätzliche Informationen zu dem jeweiligen Entschluss abzurufen.

Die eine Hälfte der Auskünfte war unterstützend, während die andere Hälfte der gewählten Entscheidung

zuwiderlief. Die Teams bestanden aus mindestens drei Individuen und wiesen ein mehr oder weniger

breites ideologisches Spektrum auf. Den Probanden wurde ausdrücklich mitgeteilt, dass die

Entscheidungen bis ganz zum Schluss reversibel waren.

Im Vergleich zu den ebenfalls untersuchten Einzelpersonen waren die Gruppen sehr viel sicherer, die

richtige Wahl getroffen zu haben, rekapituliert der Forscher sein Hauptergebnis. Und sie waren