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wesentlich selektiver bei der Informationssuche: Sie verschanzten sich viel stärker hinter solchen

Auskünften, die das (kollektive) Votum stützten, als die isolierten Entscheidungsträger. Der

vorübergehende Aufenthalt in einer Gruppe scheint Menschen außerdem» bornierter «zu machen. Das

zeigte sich, als man Versuchspersonen erst allein, dann in der Gruppe und dann wieder» solo «vor die

Entscheidung stellte. In der ersten Phase (allein) zeigten die Probanden eine leichte Bestätigungstendenz,

die sich in der Gruppe deutlich verschärfte. Aber im dritten Durchgang — wieder allein — reagierten die

Teilnehmer plötzlich besonders engstirnig.

Auch die Größe der Gruppe hat einen Einfluss auf die Weite des Horizontes. Mit der Zahl der

Mitglieder steigt die wahrgenommene Sicherheit. Gruppen mit hoher Mitgliederzahl sind sich ihrer

Entscheidungen extrem sicher. Große Gruppen halten auch besonders» stur «nach bestätigenden

Informationen Ausschau und meiden die Dissonanz. Homogene Teams, die nur aus» linientreuen«

Teilnehmern bestehen, sind naturgemäß besonders sicher und besonders selektiv. Minderheiten mit

abweichenden Meinungen leisten hingegen einem ausgewogeneren Umgang mit Informationen Vorschub.

Aber auch der Aufenthalt in einer Gruppe mit Abweichlern verstärkt die bornierten Seiten des

Einzelmenschen.

Personen, die als» Aushängeschild «für eine Gruppe fungieren, kehren eine besonders starke

Bestätigungstendenz hervor. Das zeigte sich, als die Gruppen einen Repräsentanten wählen sollten, der an

Stelle des Kollektives die Entscheidung zu treffen hatte.»Vermutlich verspüren die Repräsentanten

aufgrund des höheren Involvements mehr kognitive Dissonanz, was zu ihrer starken Selektivität führt«,

meint der Psychologe.

Es gibt wahrscheinlich mehrere Gründe dafür, warum Teams so häufig in» Gruppendenken «verfallen

und geistige Scheuklappen aufsetzen, argumentiert Frey. Einerseits erzeugt die Gruppensituation einen

gewissen Rechtfertigungsdruck. Die Mitglieder sind bestrebt, sich gegenseitig zu bestätigen, zu

bekräftigen und sich mit einem Gefühl von Sicherheit» einzulullen«. Subversive Informationen sind

verpönt, da sie die kollektive Harmonie zu sprengen drohen. Weiterhin ist in der Gruppe automatisch eine

so genannte Verantwortungsdiffusion zu verzeichnen. Jeder Einzelne kann die Zuständigkeit auf» die

anderen «abschieben und fühlt sich dadurch weniger haftbar. Unabhängiges, kritisches Denken fällt so

leichter dem uniformen Sog anheim. Schließlich haben Mitglieder in Gruppen häufiger eine» Schere im

Kopf «und üben Selbstzensur. Alles, was von der gemeinsamen Norm abweicht, wird von einer Art

«freiwilligen Selbstkontrolle «ausgemerzt.

Diese Mechanismen haben eine große Tragweite, da bedeutsame soziale Entscheidungen zunehmend

von Gremien und Teams getroffen werden. Gruppen rechtfertigen ihre Entscheidungen und lechzen nach

Informationen, die beweisen, dass sie im Besitz der» reinen Wahrheit «sind. Die Suche nach Einmütigkeit

ersetzt kritisches Denken, ruft eine Illusion der Unangreifbarkeit und einen ausgeprägten Optimismus

hervor, folgert Frey. Das verleitet dazu, extreme Risiken einzugehen und Warnsignale in den Wind zu

schlagen. Manche Teams in der Industrie ernennen sogar so genannte Mind Guards, das heißt

«Geisthüter«, welche die Gruppe vor widrigen oder verwirrenden Informationen schützen.

«Ehen halten besser, wenn beide Partner ein möglichst realistisches Bild voneinander haben«

Liebe macht blind, und Verliebte verdienen deshalb» die Peitsche ebenso wie die Verrückten«, lästert

Rosalind in Shakespeares» Wie es euch gefällt «noch, bevor das Schicksal sie selbst ereilt. So halten es

auch viele Psychologen: Sie empfehlen, den Geliebten niemals bedingungslos anzuhimmeln. Nur wenn

die Partner einander möglichst realistisch betrachteten, werde sich der eine vom anderen verstanden

fühlen.

Verliebte haben sich um solche Ratschläge noch nie gekümmert — und das ist vermutlich auch besser

so. Diesen Schluss ziehen jedenfalls die Psychologen Sandra Murray, John Holmes und Dale Griffin.11

Ein Jahr lang verfolgten sie das Liebesglück von über hundert jungen Paaren. Die im Schnitt knapp

Zwanzigjährigen waren jeweils etwa anderthalb Jahre liiert. Die Forscher ließen sie Dutzende von

Fragebögen ausfüllen und erlebten den Triumph romantischer Illusionen über die banale Realität.

Die Seelenforscher konstatierten stets dann eine Beziehungsillusion, wenn ein Partner seine bessere

Hälfte in einem rosigeren Licht sah als sich selbst. Wir wissen jetzt, dass sich der seelisch gesunde

Durchschnittsmensch in unzähligen Aspekten seiner Persönlichkeit für»überdurchschnittlich «hält. Wenn

sein Partner ihn sogar noch mehr anhimmelt als er sich selbst, darf man ihm wohl zu Recht eine gewisse

Verblendung bescheinigen. Doch die verzerrte Optik rächte sich nicht, im Gegenteiclass="underline" Je mehr ein Teil des

Liebespaars den anderen am Anfang vergötterte, desto besser hatte sich die Beziehung am Ende des

Jahres entwickelt. Die Partner waren zufriedener und zankten seltener als Paare mit weniger Illusionen.

Als das Jahr vorbei war, hatte sich ein Drittel der Paare getrennt. Welche Beziehungen hielten? Nicht

die, in denen die Partner eine besonders hohe Meinung von sich selbst hatten. Nicht die, in denen sie den

Erwartungen des anderen besonders gut entsprachen. Das Glück blieb vielmehr den Liebenden mit der

rosigen Sicht der Dinge treu. Man muss sich allerdings fragen, wie solche» Seifenblasen «den Kontakt

mit dem Alltag und der harten Realität auf Dauer überstehen. Zum Glück ist» Realität «in menschlichen

Beziehungen ein dehnbarer Begriff. Mag die Mitwelt von einem schweigsamen Mann glauben, dass er

wenig zu sagen habe, seine treue Freundin erkennt in ihm eine stille und daher umso tiefere Natur. Selbst

wenn sich die Diskrepanzen zwischen dem erträumten Geliebten und dem realen beim besten Willen

nicht mehr verleugnen lassen, ist das kein Problem. Dann werden die Ansprüche eben etwas gesenkt –

man lernt schließlich dazu —, und schon entspricht der wirkliche wieder dem Traumpartner.

Doch die verbrämte Sicht des Liebespartners kann sogar durch eine sich selbst erfüllende

Prophezeiung zur Wahrheit werden. Wenn ein Partner den anderen unbeirrt positiv sieht, beginnt jener

sich zu verändern. Die statistische Auswertung der Studie zeigt: Ein Jahr später hält er sich auch selbst für

einen besseren Menschen — und hat damit vielleicht sogar Recht. Das Psychologenteam jedenfalls

vermutet, dass genügend Vorschusslorbeeren von Seiten des Partners den anderen dazu bringen können,

sich tatsächlich entsprechend zu entwickeln:»Mit zunehmender Dauer der Romanzen schufen sich die

Einzelnen tatsächlich die Partner, die sie wahrnahmen, indem sie sie idealisierten; sie verwandelten die

Frösche, als die diese sich selbst sahen, in die von ihnen ersehnten Prinzen oder Prinzessinnen.«

«Depressive Menschen haben ein verzerrtes und negatives Bild von sich selbst«

Die Schwermutkrankheit Depression geht mit einer düsteren und niederschmetternden

Gefühlsverfassung einher. Der Gedanke ist daher nahe liegend, dass Depressive sich durch ein