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übertrieben negatives, pessimistisches und schwarzseherisches Bild von sich selbst auszeichnen. Doch

diese Vermutung ist unzutreffend, heben die beiden Psychologen Shelley E. Taylor und Jonathan A.

Brown hervor.2 Depressive und Menschen mit einem stark angekratzten Selbstwertgefühl tun sich

vielmehr durch eine besonders realistische und unbeschönigte Form der Selbstwahrnehmung hervor. Es

ist, als ob in ihrem Gehirn die Fähigkeit erloschen sei, den» Balsam «von Illusionen und Selbstbetrug zu

produzieren, mit dem die Normalsterblichen ihre Schwächen und Unzulänglichkeiten kaschieren.

Tatsächlich erinnerten sich Depressive (im Gegensatz zu Gesunden) nach der entsprechenden Studie

gleich gut an unangenehme wie an angenehme Erfahrungen. Sie nahmen Erfolge und Misserfolge

gleichermaßen auf ihre Kappe und betrieben längst nicht so viele soziale Vergleiche mit Benachteiligten,

um ihr Ego zu hofieren. Es gibt sogar Anzeichen, dass Depressive, denen es nach einer Behandlung mit

Psychopharmaka oder sogar mit Elektroschocks besser geht, wieder verstärkt den heilsamen Illusionen

frönen. Ein amerikanisches Forscherteam zieht aus solchen Daten einen weit reichenden Schluss:»Wenn

ausgerechnet Depressive und Menschen mit lädiertem Selbstwertgefühl besonders tief in der Realität

verankert sind und der Rest der Welt die Realität in eine positive Richtung verzerrt, um den Zustand der

Nichtdepressivität aufrechtzuerhalten, dann liegt offenbar eine Hauptfunktion der geistigen Gesundheit

darin, ein positiv verzerrtes Bild der Welt und des Selbstes zu garantieren.«12

Depressive unterliegen auch gar nicht oder in viel geringerem Umfang der Kontrollillusion. Der

Trugschluss, Macht über Vorkommnisse zu haben, die in Wirklichkeit außerhalb der persönlichen

Kontrolle stehen, liegt der schwermütigen Seelenverfassung fern. Das beweist unter anderem eine

Versuchsreihe, in der die Probanden den Eindruck schildern sollten, ob zwischen einem von ihnen

vorgenommenen Knopfdruck und dem Aufleuchten eines Lichtes ein Zusammenhang bestand. Während

seelisch Gesunde häufig auch da einen Einfluss» halluzinierten«, wo in Wirklichkeit die Macht des

Zufalls herrschte, machten sich die Schwermütigen nichts vor. Psychisch Gesunde errechnen sich auch

höhere Gewinnchancen, wenn sie ein Lotterielos selbst ziehen dürfen, als wenn der Computer diese Wahl

für sie trifft. Objektiv sind die Gewinnaussichten natürlich in beiden Fällen gleich. Nur die Depressiven

ziehen dieses Wissen in Betracht und malen sich unter beiden Bedingungen gleiche Aussichten aus.

Eine depressive Gemütsverfassung leistet schließlich auch einer glasklaren und unbeschönigten

Zukunftsvision Vorschub. Das zeigte der Göttinger Psychologe Stefan Krause in seiner Doktorarbeit auf,

in der er gehirnverletzte Sportler studierte, die erhebliche motorische Ausfallerscheinungen erlitten

hatten.12 Die Betreffenden sollten während ihrer Rehabilitation angeben, welche Besserung sie sich für

ihre Zukunft erhofften. Fazit: Nur bei den depressiven Athleten stimmten die Hoffnungen mit den

Realitäten überein. Psychisch gesunde Sportler zogen sich dagegen an Wunschdenken und positiven

Illusionen hoch.

«Es ist meistens heilsam, sich seiner selbst bewusst zu sein«

Durch das Vermögen, sich seiner eigenen Wenigkeit bewusst zu werden, hebt der Mensch sich von

allen anderen Geschöpfen auf der Erde ab. Aus der Sicht der populären Psychologie und

Menschenkenntnis ist dies ein eindeutiger Segen, weil der Blick auf das Ich als Königsweg zur Heilung

von Neurosen gilt. Doch in Wirklichkeit hat sich der Mensch mit der Fähigkeit zur Innenschau ein

zweischneidiges Schwert eingehandelt, stellen die amerikanischen Psychologen Robert Musson und

Lauren Alloy fest.13 Das zeigt sich daran, dass Selbstbewusstheit die Gemütsverfassung bis in ihre

Grundfesten ruinieren kann. Als Folge der nach innen gerichteten Aufmerksamkeit treten unter

bestimmten Voraussetzungen Zustände ein, die sich weitgehend mit der depressiven Erkrankung decken.

In dem Augenblick, in dem man den» Lichtkegel «des Bewusstseins auf das werte Ego richtet,

kommen nach Ansicht der Psychologen automatisch gewisse Vergleichsprozesse in Gang. Man ruft sich

die Standards wach, denen man sich verpflichtet fühlt, und hält den tatsächlichen Ist-Zustand dagegen.

Auf welchen Aspekt der Person man dabei auch gerade achten mag, werden doch (fast) immer

Diskrepanzen zu den naturgemäß»abgehobenen «Idealvorstellungen offenbar. Die daraus erwachsene

Selbstkritik stachelt im günstigen Fall Bemühungen in Richtung Vervollkommnung an. Wenn sich das

Individuum jedoch den Ansprüchen nicht gewachsen fühlt, trachtet es nach Selbstvergessenheit und dem

(inneren) Rückzug aus der Situation. Wie die Ergebnisse von verschiedenen Experimenten zeigen, führt

die» objektive Selbstaufmerksamkeit «just solche emotionalen und geistigen Konsequenzen herbei, wie

man sie auch von Patienten mit einer depressiven Gemütskrankheit kennt.

Im Labor lässt sich die Selbstbewusstheit unter anderem dadurch anregen, dass man die Probanden

mit ihrem Spiegelbild, einer laufenden Kamera oder einem Tonband- oder Videomitschnitt konfrontiert.

Als Folge dieser Manipulation legen die Betroffenen eine gesteigerte Selbstbezogenheit an den Tag, die

unter anderem in einer Zunahme von Ego-bezogenen Äußerungen zum Ausdruck kommt. Die gleiche,

auch linguistisch fassbare Selbstzentrierung ist auch für depressiv Erkrankte charakteristisch.

Ein Hauptsymptom der Depression ist die schmerzhafte Niedergeschlagenheit. Wenn eine seelisch

gesunde Person wenig Hoffnung hat, ein ersehntes Ziel zu erreichen, ruft besonders die

Selbstaufmerksamkeit solche unangenehmen Gefühle hervor. Das zeigt eine Studie, deren Teilnehmer in

den Glauben versetzt wurden, bei einem vorherigen intellektuellen Leistungstest katastrophal versagt zu

haben. Einem Teil der Probanden wurde ferner weisgemacht, dass sie mit diesem Ergebnis beim

folgenden Test kaum noch Chancen hätten. Bei den Versuchspersonen, die unter diesem negativen

Eindruck standen, hatte die Konfrontation mit einem Spiegel eine dramatische Verschlechterung der

Leistungen und der emotionalen Befindlichkeit zur Folge.

Der Blick nach innen ruft auch leicht ein Absinken des Selbstwertgefühls hervor. Das stellte sich bei

einer Untersuchung heraus, deren Teilnehmer ebenfalls ein (fingiertes) vernichtendes Feedback bezüglich

des Abschneidens bei bestimmten Tests erhalten hatten und daraufhin über ihre Fähigkeiten Auskunft

gaben. Wenn sie vor einem Spiegel saßen, machten die Betreffenden deutlich heruntergeschraubte

Vorstellungen von den eigenen Talenten geltend.

Es gehört nachweislich zu den» eingebauten «Illusionen des Lebens, dass der normale Sterbliche sich

eher für Erfolge und günstige Ausgänge verantwortlich fühlt, während er die Schuld für Misserfolge der

Tendenz nach lieber auf unbeeinflussbare Faktoren oder» andere Leute «schiebt. Depressive sind von

dieser optischen Täuschung weitgehend ausgenommen. Doch im Zustand der Selbstaufmerksamkeit

nähern sich die Gesunden den Depressiven an. In einer Studie sollten die Probanden ihre

Verantwortlichkeit für eine Reihe von fiktiven, angenehmen oder unangenehmen Entwicklungen