einschätzen. Mit dem eigenen Spiegelbild im Visier machten sich die Probanden die» typisch depressive«
Ursachenzuschreibung zu Eigen.
Überhaupt nimmt die — durchaus gesunde — Tendenz, sich selbst und seine Vergangenheit durch eine
rosige Brille zu sehen, im Angesicht des Spiegelbildes deutlich ab. Versuchspersonen, denen man dezent
einen Spiegel im Blickfeld platziert hatte, gaben zum Beispiel viel akkuratere und weniger beschönigte
Angaben über ihre früheren Schulleistungen ab. Es scheint sich die Anschauung des Dichters Hebbel zu
bewahrheiten, nach dessen Ausspruch Selbsterkenntnis sich darin zeigt, dass du» mehr Gebrechen an dir,
als an den anderen entdeckst«.
1 Sackeim, Harold A./Gur, R.C.: Self-deception, self-confrontation, and consciousness. In: G.E. Schwatz/D. Shapiro (Hg.): Consciousness and
self-regulation: Advances in research, Vol. 2 (1978), S. 139–197.
2 Taylor, Shelley E. / Jonathon D. Brown: Illusion and well-being: A social psychological perspective on mental health. In: Psychological Bulletin, Bd. 103 (1988), S. 193–210.
3 Brown, Jonathan D.: Accuracy and bias in self-knowledge. In: C. R. Snyder / Donelson R. Forsyth (Hg.): Handbook of social and clinical
psychology. Pergamon Press, New York 1991.
4 «Among the inept, researchers discover, ignorance is bliss. In: New York Times, 18.1.2000.
5 Stahlberg, Dagmar et al.: Die Theorie des Selbstwertschutzes und der Selbstwerterhöhung. In: Dieter Frey/Martin Irle (Hg.): Theorien der
Sozialpsychologie, Bd. III: Motivations- und Informationsverarbeitungstheorien. Huber Verlag, Bern 1985.
6 Perloff, Linda S.: Social comparison and illusions of invulnerability to negative life events. In: CR. Snyder und C.E. Ford (Hg.): Coping with negative life events. Plenum-Press, New York 1987.
7 Bonanno, George A.: Emotional dissociation, self-deception, and psychopathology. In: Jefferson A. Singer/Peter Salovey (Hg.): At play in the field of consciousness. Verlag Lawrence Erlbaum, Mahwah 1999.
8 Greenwald, Anthony G.: The totalitarian ego. In: American Psychologist, Bd. 35 (1980), S. 603–618.
9 Klayman, Joshua: Varieties of confirmation bias. In: The psychology of learning and motivation, Bd. 32 (1995), S. 385–415.
10 Frey, Dieter et al.: Die Arroganz der vorgefassten Meinung. In: Süddeutsche Zeitung, 28./29.9.1996.
11»Beziehungen halten länger, wenn sich die Partner vergöttern«. In: Die Zeit, 4. 7.1997.
12 Krause, Stefan: Sadder but wiser: Zum Realismus der Selbsteinschätzung hinsichtlich der Belastungswahrnehmung und der motorischen
Funktionswiederherstellung nach ZNS-Schädigungen in Abhängigkeit vom Grad der Depressivität.
http://webdoc.sub.gwdg.de/diss/1997/krause/diss.pdf
13 Musson, Robert/Alloy, Lauren: Depression and self-directed attention. In: Lauren Alloy (Hg.): Cognitive Processes in Depression. Guilford Press, New York.
Selbstwertgefühlsduselei
«Es ist immer vorteilhaft, ein hohes Selbstwertgefühl zu besitzen«
Es gehört in unserer Kultur längst zu den Binsenweisheiten, dass es im Leben immer wünschenswert
ist, ein möglichst positives Selbstwertgefühl zu besitzen. Keine Kindergärtnerin zweifelt heute auch nur
im Geringsten an der Gewissheit, dass ein ramponiertes Selbstbild bei ihren Zöglingen die Weichen für
eine unvorteilhafte Entwicklung stellt.»Der Anstoß zum Rauchen liegt im fehlenden Selbstwertgefühl«,
legt der Fernsehsender PRO 7 auf seiner Internetseite die Wurzeln des blauen Dunstes bloß.»Ein
angeschlagenes Selbstwertgefühl ist der dominierende Faktor bei Tötungsdelikten in intimen
Partnerschaften«, fasst die» Berliner Morgenpost «die Ergebnisse einer» neuen wissenschaftlichen
Untersuchung «zum Partnermord zusammen.»Erwachsene müssen Kindern ein eigenes Selbstwertgefühl
vermitteln«, rückt das Gymnasium Bersenbrück in Zusammenarbeit mit der Polizei bei den
«Aktionstagen gegen Drogen «das» Ei des Kolumbus «im Kampf gegen die Rauschgiftsucht ins Licht.
Für den gesunden Menschenverstand scheint es tatsächlich unumstößlich, dass ein hohes
Selbstwertgefühl die Seele gegen alle erdenklichen Widrigkeiten impft. Das ist ein Standpunkt, den auch
der amerikanische Psychologe Nathan Branden in einem millionenfach verkauften Ratgeber
unterschreibt:»Ich kann mir kein einziges psychologisches Problem vorstellen, von der Angst und der
Depression über die Furcht vor Intimität oder Erfolg bis hin zur Misshandlung des Ehepartners und zum
sexuellen Missbrauch von Kindern, das sich nicht auf ein verringertes Selbstwertgefühl zurückführen
lässt.«1
Selbst in den meisten psychologischen Lehrbüchern ist nachzulesen, dass Menschen mit einem hohen
Selbstwertgefühl im Leben besser fahren, und dass die Abwesenheit einer positiven Selbsteinschätzung
das beste Warnsignal für eine gestörte Persönlichkeit darstellt. Unglücklicherweise wurde diese rosige
Sichtweise in den vergangenen 30 Jahren durch genau 13.585 empirische Untersuchungen ad absurdum
geführt, hebt der amerikanische Psychologe Mark R. Leary von der Wake Forest University Winston-
Salem, der» Papst «der internationalen Selbstwertforschung, in einem Buchkapitel aus dem Jahr 1999
hervor.2»Ich muss mit einem beträchtlichen Ausmaß an Enttäuschung berichten, dass die enthusiastischen
Behauptungen der Selbstwert-Bewegung auf der Ebene von Fantasy und Pferdemist rangieren. Die
Wirkungen des Selbstwertgefühls sind klein, begrenzt und überhaupt nicht gut«, macht sein renommierter
Kollege Roy E. Baumeister aus Cleveland im Internet das vernichtende Ergebnis seiner eigenen
Literaturanalyse publik.3»Es gibt nicht den geringsten wissenschaftlichen Hinweis, dass Menschen
wünschenswertes Verhalten zeigen, weil sie positive Gefühle für sich selbst haben«, pflichtet der
Psychologie-Professor Robyn M. Dawes von der Carnegie Mellon University bei.4»Umgekehrt fehlt
jeder Beweis dafür, dass Menschen unerwünschte Dinge tun, weil sie negative Gefühle für sich selbst
haben.«
Das Selbstwertgefühl gilt als einer der wichtigsten Bestandteile der menschlichen Persönlichkeit. Ein
hohes Selbstwertgefühl zu haben heißt, grob gesprochen, sich selbst gern zu haben. Es ist daher fast
selbstverständlich, dass wir bestrebt sind, möglichst viel von diesem heilbringenden Elixier zu besitzen.
Die meisten Menschen empfinden angenehme Gefühle, wenn sie von anderen schmeichelnde
Rückmeldungen erhalten. Wissenschaftlich wird das Selbstwertgefühl meist mit einfachen Skalen
gemessen, die Aussagen enthalten wie» Ich bin ein wertvoller Mensch «oder» Ich bin ein Versager«.
Wahrscheinlich hat die Evolution dem Homo sapiens Antennen für den eigenen Selbstwert gegeben, weil
er in komplexen sozialen Verbänden lebt, gibt Mark R. Leary zu bedenken. Menschen können nur