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fortbestehen, wenn sie in ihrer Gruppe» dazugehören«, und darum hat der Mensch ein feines Gespür für

das Wohlwollen und die Abneigung seiner Artgenossen geerbt. Das Selbstwertgefühl ist also quasi ein

Messgerät, an dem jeder ablesen kann, wie es um seine Akzeptanz in der Gemeinschaft steht.

Es gibt nichts, was dem Selbstwertgefühl so abträglich wäre wie eine Ablehnung durch andere

Gruppenmitglieder. Aus dieser Perspektive ist eigentlich bereits selbstverständlich, dass es nicht immer

sinnvoll sein kann, ein angeknackstes Selbstbewusstsein anzuheben, wenn die Ablehnung durch die

Gemeinschaft bestehen bleibt, meint Leary. Anders ausgedrückt: Es ist gut, dass manche Menschen ein

niedriges Selbstwertgefühl besitzen.»Leute, die sich ständig so destruktiv und unangemessen verhalten,

dass die andern sie ablehnen oder ignorieren, haben ein niedriges Selbstwertgefühl, weil ihr soziales

Messgerät die negative Haltung der Umwelt registriert. Wenn man versucht, diese Leute davon zu

überzeugen, dass sie wertvolle und wunderbare Menschen sind, lenkt man sie nur von ihren wirklichen

Schwierigkeiten ab.«

«Ein hohes Selbstwertgefühl macht friedfertig, ein niedriges leistet der Gewalttätigkeit Vorschub«

Besonders hartnäckig hält sich in psychologisch und sozialpädagogisch» aufgeklärten «Kreisen der

Glaube, dass ein angekratztes Selbstwertgefühl den Nährboden für Aggressivität und Gewaltbereitschaft

erzeugt, übt der Psychologe Roy E. Baumeister in einer erschöpfenden Übersichtsarbeit Kritik.5 Der mehr

oder weniger ausformulierte Grundgedanke besagt, dass aggressive Menschen mit ihrer Brutalität

lediglich einen Mangel an Selbstwertgefühl» kompensieren«. Dabei waren seit jeher Tatsachen bekannt,

die überhaupt nicht in dieses Schema passen. So werden über 90 Prozent aller Gewaltdelikte von

Männern verübt, obwohl diese laut Testwerten (etwas) mehr Selbstwertgefühl besitzen als Frauen.

Ausgerechnet Depressive, deren Selbstwertgefühl in die Nähe des Nullpunktes absinkt, begehen

besonders selten Gewaltverbrechen. Zum» Ausrasten «neigen sie dagegen ausgerechnet in einer

manischen Phase, wenn das depressiv abgewürgte Selbstwertgefühl plötzlich einen pathologischen

«Kick «erfährt. Schließlich weiß man auch schon lange, dass über die Hälfte der einsitzenden Kriminellen

«soziopathische «Charaktere sind, die grandios aufgeblähte Vorstellungen von ihrem Selbstwert haben.

Mittlerweile gibt es eine ganze Anzahl neuer empirischer Untersuchungen, die alle den

friedensstiftenden Charakter des positiven Selbstwertgefühls Lügen strafen. Bei einer großen Stichprobe

in der Bevölkerung stellte sich heraus, dass just diejenigen am häufigsten in sadistischen Phantasien

schwelgten, die laut Test den höchsten Grad an Selbstwertgefühl besaßen. Eine Untersuchung an

Strafentlassenen kam zu dem Ergebnis, dass die sehr selbstbewussten unter ihnen am häufigsten gegen

die Bewährungsauflagen verstießen und rückfällig wurden. Vergewaltiger ließen sich in einer anderen

Studie nicht die kleinsten Selbstzweifel anmerken. Sie kehrten im Gegenteil prahlerisch den» Macho«

heraus. Je mehr Menschen von ihren eigenen Qualitäten eingenommen sind, desto größer sind die

Risiken, die sie sich einzugehen trauen.»Das ist eindeutig eine unvorteilhafte Tendenz«, urteilt der

Psychologe Mark R. Leary,»denn wer seine eigenen Fähigkeiten und seinen Wert überschätzt, stellt leicht

eine Gefahr für die Allgemeinheit dar. «Würden Sie sich gerne in ein Fahrzeug setzen, dessen Lenker

übertriebene Vorstellungen von seiner Fahrkunst hat?

Streitsüchtige und sadistische Kinder vom Schlage eines» Klassentyrannen«, die ihre Mitschüler

liebend gerne quälen und terrorisieren, wiesen ebenfalls keine Zeichen von Selbstunsicherheit auf.

Stattdessen litten sie eher unter einem wahnhaften Überlegenheitsgefühl, das andere Kinder minderwertig

und unterlegen erscheinen ließ. Das Gleiche gilt für die Mitglieder von Gangs und Jugendbanden, wie

Baumeister aus den empirischen Daten schließt: Sie haben keine Selbstzweifel und

«Minderwertigkeitskomplexe«, sie handeln vielmehr aus einer brisanten Mixtur von Stolz und dem

Wunsch nach Selbstbehauptung heraus.

Auch das bohrende Bedürfnis nach Rache und Vergeltung wird offenbar im typischen Fall durch ein

übersteigertes Selbstwertgefühl — und nicht durch die Empfindung der Minderwertigkeit — angestachelt.

Zu diesem Ergebnis gelangte ein Experiment, dessen Teilnehmer einen kleinen Essay schreiben sollten,

der bei ausgewählten Juroren entweder auf begeisterte Zustimmung (»Hervorragend!«) oder auf herbe

Zurück-Weisung (»So ein Schwachsinn!«) stieß. Dann erhielten die Schreiber die Gelegenheit, ein Spiel

gegen die jeweiligen Gutachter ihrer Essays zu spielen. Bei einer Niederlage ihres Gegners sollten sie

diesen mit einer selbst gewählten Dosis Lärm» bestrafen«. Fazit: Die Versuchsteilnehmer, die laut

Psychotest über den höchsten Grad an Selbstwertgefühl verfügten, zahlten es ihren Kritikern mit den

lautesten akustischen Schikanen heim: Sie verabreichten dreimal so viel Lärm wie die Schreiber mit

schwachem Selbstwertgefühl.

Dass ein hohes Selbstbewusstsein manchmal Öl ins Feuer gießt, können uns nach Ansicht von

Baumeister sogar die kollektiven Gräueltaten der Geschichte lehren: Totalitäre Regimes wie der

Nationalsozialismus begehen ihre Verbrechen gegen die Menschlichkeit nicht, weil ihre Herrscher unter

ätzenden Selbstzweifeln leiden, sondern weil sie aufgeblasenen Vorstellungen über ihren Wert — und den

«Unwert «der anderen Seite — frönen. Auch die Mitglieder der Mafia — oder des Ku-Klux-Klan — handeln

nicht aus Minderwertigkeitsgefühlen, sie suhlen sich vielmehr geradezu in einem beinah gottartigen

Überlegenheitsgefühl.

«Ein hohes Selbstwertgefühl macht Menschen freundlicher und umgänglicher«

Es ist ein lieb gewordenes psychologisches Klischee, dass Menschen mit einem positiven Selbstbild

über eine harmonische Ausstrahlung verfügen und ihrer Umwelt mit Wohlwollen und

Einfühlungsvermögen begegnen. Wer ja zu sich selbst sagt, heißt auch die anderen warmherzig in ihrem

Sosein gut. So lautet zumindest eine unhinterfragte Weisheit der Hippiebewegung der sechziger und

siebziger Jahre, die sich tief in das kollektive Selbstverständnis der Moderne eingegraben hat. Dabei

beweisen sorgfältig erhobene empirische Versuchsergebnisse, dass Selbstwertgefühl allzu leicht in

Selbstherrlichkeit umschlägt, die unangenehme zwischenmenschliche Konsequenzen nach sich zieht.

Diese Tendenz hat Dr. Astrid Schütz vom Lehrstuhl Psychologie der Universität Bamberg in mehreren

Experimenten aufgezeigt.6 Probanden mit hohem oder niedrigern Selbstwertgefühl wurden aufgefordert,

sich selbst und ihren Partner darzustellen. Einige wurden zuvor gebeten, bestimmte Fehler zu berichten,

die sie in ihrem Leben begangen hatten.

Wie die Ergebnisse beweisen, waren Personen mit viel Selbstwertgefühl absolut nicht dazu geneigt,

Schwächen und ungünstige Eigenschaften zuzugeben. Wenn überhaupt, dann räumten sie höchstens

ambivalente» Charakterfehler «ein, so etwa» Perfektionismus«. Probanden mit lädiertem Ego bekannten