Untersuchungen gestützt, die zeigen, dass die Meditation die Hirnströme verändern, physiologische
Veränderungen hervorrufen und langfristig zu einer psychischen Besserung führen kann.«
Es ist völlig rätselhaft, woher die Beweise für solche hochtrabenden Aussagen stammen sollen: Alle
sorgfältigen empirischen Forschungsarbeiten der letzten Jahre haben die schöngeistigen
Gedankengebäude der Versunkenheits-Propheten demoliert wie ein Elefant einen Laden mit chinesischer
Keramik. Die Meditation, so das übereinstimmende Fazit der Untersucher, ist vom Effekt her nur eine
verkappte Form des Dösens, die keine spezifischen gesundheitlichen Vorteile mit sich bringt. Manch ein
Guru wird vermutlich empört darauf pochen, dass eben seine besondere Meditationstechnik von den
Forschern (noch) nicht getestet wurde. Doch dieser Einwand ist nicht besonders überzeugend, kontert der
Psychologe David S. Holmes von der University of Kansas, weil in der Vergangenheit alle getesteten
Versenkungsmethoden bei der wissenschaftlichen Qualitätskontrolle durchgefallen sind. l
Dabei waren die ersten Begegnungen zwischen asiatischer Weisheit und abendländischem
Forscherdrang ausgesprochen viel versprechend. Bereits Ende der fünfziger Jahre schwärmten neugierige
Hirnforscher in die entlegensten Winkel des fernen Ostens aus und schlossen entrückte Yogis an
transportierbare Hirnstromwellenmessgeräte und andere mobile Biosignal-Sensoren an. 1972 machte der
renommierte Bostoner Kardiologe Herbert Benson die exotischen Versenkungstechniken in einem viel
beachteten Beitrag für die akademische Gemeinde des Westens salonfähig. Die» Transzendentale
Meditation«, kurz» TM«, führe zu einem einzigartigen geistig-körperlichen Entspannungszustand. TM ist
eine dem Hinduismus entlehnte und durch Markenzeichen geschützte Spielart der Selbstversenkung, die
Maharishi Mahesh Yogi 1956 in Indien kreierte. Als sich die Beatles in den späten Sechzigern in die
Obhut des Meisters begaben, machte seine Bewegung weltweit Furore; ihr Mitgliederstamm wird heute
auf vier Millionen geschätzt.
Der durch TM und andere Meditationstechniken hervorgerufene Entspannungszustand, die so
genannte Relaxations-Reaktion, mache sich in einem verringerten Sauerstoffbedarf, einer langsameren
Atemfrequenz, einem niedrigeren Puls und vielen anderen günstigen Änderungen bemerkbar. Mit seinem
Enthusiasmus steckte Benson sogar große Teile der sonst eher konservativen Ärzteschaft an, die sich
flugs das Entrückungsverfahren als Waffe gegen Asthma, Bluthochdruck und andere Krankheiten zu
Eigen machten.
Überraschenderweise vollzog der Herzspezialist jedoch nach relativ kurzer Zeit eine verblüffende
Kehrtwende, die viele Meditationsgläubige ihm bis heute nicht verziehen haben. Urplötzlich ließ er seine
eigene, die» Benson-Methode «der Entspannung vom Stapel, die nach seinem Bekunden ohne jeden
mystischen Ballast auskommt. Sie beruht im Wesentlichen darauf, dass man bei jedem Ausatmen das
Wort» eins«(oder jedes beliebige andere selbst gewählte Wort) denkt. Die Technik soll das gleiche Maß
an Entspannung hervorrufen wie das Konkurrenzprodukt aus der Maharishi-Schmiede. Es liegt auf der
Hand, dass sich das Oberhaupt des TM-Imperiums solche Ketzerei nicht bieten lassen konnte. Er ließ
postwendend von den Kanzeln seiner selbst gegründeten» Universitäten «verkünden, dass die Benson-
Methode — und, bei der Gelegenheit, überhaupt alle anderen Meditationstechniken — der Gesundheit
schaden könnten.
Die wissenschaftlichen Untersuchungen der folgenden Jahre haben jedoch den
Alleinvertretungsanspruch des Gurus vom Tisch gefegt: Alle im Westen entwickelten
Entspannungstechniken, von der Selbsthypnose über die progressive Relaxation bis hin zum Biofeedback,
machen ihre Anwender genauso selig, auch wenn ihnen der transzendentale Anspruch fehlt, fasste bereits
1982 eine bedeutende Übersichtsarbeit das Wissen der damaligen Zeit zusammen.2 Doch es ist überhaupt
nicht notwendig, eine derart snobistische, von Experten ausgetüftelte Form der inneren Sammlung zu
üben, gibt der Psychologe David S. Holmes zu bedenken. Jede alltägliche und unprätentiöse Form der
Ruhestellung, von einem warmen Bad über das behagliche Dösen im Lehnstuhl bis hin zu einer kleinen
Portion Mittagsschlaf, stimuliert die Relaxations-Reaktion genauso gut.
Wer heute noch mit der Berufung auf» Forschung «von der erstaunlichen Wirkung der Meditation
schwärme, der könne sich nur auf längst überholte Untersuchungen stützen, konstatiert Holmes. Damals,
als die reiselustigen Versenkungsforscher nach Asien strömten und den Yogis das EEG anlegten, wurde
nämlich ein absolutes methodisches Muss, die Kontrollgruppe, ausgespart. Wenn man nur den Leuten die
Biosignale abnimmt, die gerade meditieren, kann man nie sicher sein, ob einfaches Dösen oder Faul-
Herumlungern nicht vielleicht den gleichen Nutzen bringen.
Sicherheit gibt es auch dann nicht, wenn man meditierende Probanden mit solchen vergleicht, die sich
gerade mit Hilfe westlicher Entspannungstechniken relaxen. Man muss ein neues Heilverfahren immer
gegen die simpelste und schlichteste Alternative ins Rennen schicken. Auf die Meditation gemünzt heißt
das: Eine Gruppe von» Könnern «bekommt den Auftrag, zu meditieren, während eine Vergleichsgruppe
von Laien den Befehl erhält,»einfach abzuschalten«. Nimmt man nun nur jene Studien unter die Lupe, in
denen die Meditation solcherart getestet wurde, bricht das ganze Kartenhaus zusammen. Was Holmes bei
seinem Vergleich ans Licht bringt, führt zu der Erkenntnis, dass jeder, der sich für ein halbes Stündchen
aufs Ohr oder in die Badewanne legt, ohne es zu wissen Meditation (oder progressive Relaxation usw.)
betreibt.
Nicht ein einziges Mal in allen 16 Studien rutschte die Pulsfrequenz beim Meditieren unter jene beim
Dösen ab; viermal jedoch erreichten ausgerechnet die ordinär» weggetretenen «Probanden eine
intensivere Senkung der Herzfrequenz. Kein Experiment erbrachte Anhaltspunkte, dass Meditation,
gemessen am elektrischen Hautwiderstand, mehr Seelenfrieden bringt als schlichte Ruhe bei
geschlossenen Augen. Und auch die Untersuchungen zum Blutdruck, zur Muskelspannung, zur
Hauttemperatur, zum Blutfluss, zum Sauerstoffverbrauch und zum Ausstoß einer Unmenge von
Hormonen — von Renin über Aldosteron bis hin zum Noradrenalin — waren dem Glauben an die
Überlegenheit der Meditation abträglich. In jedem einzelnen Fall erbrachte der simple Ruhezustand den
gleichen oder sogar einen höheren Grad an Entspannung als die Besinnung im Lotussitz. Dabei dürften
die Studien, die den Stab über die Meditation brechen, nur die Spitze eines Eisberges bilden, ist Holmes
überzeugt. Unzählige Abhandlungen, die dem Anspruch der Meditations-Gurus ebenfalls den Todesstoß
versetzten, sind wahrscheinlich bei den Herausgebern der Fachzeitschriften als» unerwünscht «unter den
Tisch gefallen.
Die fast blasphemisch anmutende Gleichsetzung zwischen Meditation und Mittagsschlaf findet
allmählich sogar in den Lehrbüchern der Seelenforschung Niederschlag. So betont die» Einführung in
die Psychologie«, das Standardwerk für Studienanfänger, mit Nachdruck, dass es keine
naturwissenschaftlichen Belege für die therapeutischen Effekte dieser Verfahren gibt.3»Andere Forscher