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Während des Kampfes hatte er General Hampton mehrmals gesehen, seinen großen Säbel schwingend und vor seinen Männern galoppierend, wie das gute Kavalleriegeneräle stets taten. An diesem Abend sah Charles ihn erneut. Der Verlust seines Bruders ließ Hampton wie einen alten Mann aussehen.

Charles hörte, daß die Ärzte Calbraith Butlers Fuß wahrscheinlich nicht retten konnten. Soviel war an diesem Tag bei Fleetwood geschehen – so viele Tote und kleine Heldentaten, einige bemerkt, andere unbemerkt. Charles hatte seinen einzigen guten Freund verloren; dafür hatte er etwas wiedergewonnen, was er aufgegeben hatte.

Er rieb Sport ab, fütterte ihn und streichelte seinen Hals. »Wir haben’s wieder mal geschafft, alter Freund.« Der Graue reagierte mit einem kleinen Schütteln des Kopfes; er war ebenso erschöpft wie Charles.

Brandy Station begründete den Ruf der Unions-Kavallerie. Stuarts Reputation bekam einige Flecken ab. Und mit einiger Verspätung wurde Charles klar, wie sehr er doch mit seiner Angst vor einer Beziehung mit Gus recht gehabt hatte. Solch eine Verbindung war in Kriegszeiten falsch. Falsch für sie, falsch für ihn.

Charles war während der Angriffe auf Fleetwood beobachtet worden. Er wurde von Hampton lobend erwähnt und erhielt die Ernennung zum Major. Und er selbst hatte sich ein neues Ziel gesteckt. Zuerst mußte er an seine Pflicht denken. Er liebte Gus; daran würde sich nichts ändern. Aber Spekulationen über Heirat, eine gemeinsame Zukunft, durften im Kopf eines Soldaten keinen Platz finden. Das schläferte seine Konzentration ein, machte ihn verletzbar, weniger tatkräftig.

Er mußte Gus sagen, wie es um ihn stand. Das war nur fair. Doch jetzt war er zu müde, um sich darüber Gedanken zu machen, wann und wie er ihr das mitteilen würde.

83

»Pack sofort«, sagte Stanley.

Verschwitzt und gereizt von der Hitze an diesem Montag, dem 15. Juni, schnappte Isabel zurück: »Wie kannst du es wagen, einfach mitten am Tag bei mir hereinzuplatzen und Befehle zu erteilen?«

Er wischte sich das Gesicht, war aber sofort wieder schweißüberströmt. »Also gut, bleib hier. Ich bring die Jungs mit dem Vier-Uhr-Zug über Baltimore nach Lehigh Station. Ich habe das Dreifache des normalen Preises für die Fahrkarten gezahlt, und da habe ich noch Glück gehabt.«

Ganz plötzlich spürte sie Beklommenheit – nie sprach er in diesem scharfen Ton zu ihr – und mäßigte sich. »Was ist der Grund dafür, Stanley?«

»Den Grund schreien die Zeitungsjungs an jeder Straßenecke heraus. ›Washington in Gefahr‹. Ich habe gehört, daß Lee in Hagerstown ist – daß er in Pennsylvania ist –, morgen früh haben die Rebs die Stadt vielleicht schon eingeschlossen. Ich habe beschlossen, daß es Zeit für einen Urlaub ist. Wenn du keinen Wert darauflegst, dann ist das deine Angelegenheit.«

Es hatte Gerüchte über Militärbewegungen in Virginia gegeben, aber bis jetzt hatte man nichts Genaues erfahren. Konnte sie seiner Beurteilung der Lage trauen? Sie roch seine Whiskeyfahne; in letzter Zeit trank er viel.

»Wieso hast du die Erlaubnis zur Abreise bekommen?«

»Ich erzählte dem Minister, zu Hause sei meine Schwester schwer erkrankt.«

»Kam ihm der Zeitpunkt nicht ein bißchen sehr merkwürdig vor?«

»Sicher. Aber das ganze Ministerium ist ein einziges Irrenhaus. Niemand tut etwas. Und Stanton hat gute Gründe, mich bei Laune zu halten. Ich hab seine Instruktionen an Baker weitergegeben. Ich weiß, wieviel Dreck an seinen Händen klebt.«

»Trotzdem könnte es deiner Karriere schaden, wenn – «

»Hör auf«, schrie er. »Lieber ein lebender Feigling als ein toter Patriot. Glaubst du, ich bin der einzige Regierungsbeamte, der verschwindet? Hunderte sind bereits weg. Wenn du mit mir kommen willst, dann fang an zu packen. Ansonsten verhalte dich ruhig.«

Eine bemerkenswerte, nicht ganz willkommene Veränderung war in den letzten Monaten mit ihrem Mann vorgegangen. Sie hatte diesen neuen Mann geschaffen. Und sie liebte einige Aspekte dieser Schöpfung – den Reichtum, die Macht, die Unabhängigkeit von seinem üblen Bruder. Wenn sie ihn weiterhin kontrollieren wollte, dann mußte sie ihren eigenen Stil ändern und subtilere Methoden anwenden.

Von der Tür her funkelte er sie an. Mit gesenktem Blick und vorgetäuschter Unterwürfigkeit sagte sie: »Ich entschuldige mich, Stanley. Es war klug von dir, auf die Abreise zu drängen. In einer Stunde bin ich fertig.«

Ächzend und grunzend kletterte Elkanah Bent, der in seinem weißen Leinenanzug wie ein Berg Schweineschmalz auf Beinen aussah, vom Kutschbock; der Fahrer hatte genau vor Mrs. Devores Privatresidenz für junge Damen gehalten, deren Geschäfte den Geräuschen nach zu urteilen trotz der Panik in der Stadt sehr gut zu gehen schienen. Zwei weitere Männer der Abteilung schoben die hinteren Vorhänge der geschlossenen Kutsche beiseite und sprangen hinaus. Bent signalisierte einen zu einem Durchgang, der zur Hintertür des Hauses führte. Der andere folgte ihm die Steinstufen hoch.

Die Detektive hatten nach der besten Möglichkeit gesucht, wie sie ihr Opfer zu fassen bekommen könnten. Es schien nicht ratsam, einen bekannten Journalisten bei hellem Tageslicht von der Straße zu zerren. Sie hatten sein Logierhaus in Erwägung gezogen, aber Bent, der das Kommando führte, hatte sich schließlich für das Bordell entschieden. Allein die Umgebung würde vielleicht die unvermeidlichen Proteste des Mannes dämpfen.

Er läutete die Glocke. Der Schatten einer Frau mit hochgetürmten Haaren fiel auf das Milchglas. »Guten Abend, Gentlemen«, sagte die elegante Mrs. Devore. »Möchten Sie nicht eintreten?«

Lächelnd folgten Bent und sein Begleiter der Frau in einen hell erleuchteten Salon, in dem sich Huren im Abendkleid und eine fröhliche Menge aus Offizieren und Zivilisten drängten. Einer der Zivilisten, ein dürrer, satanischer Mensch, näherte sich Bent.

»Abend, Dayton.«

»Abend, Brandt. Wo?«

Der Mann blickte zur Decke. »Zimmer 4. Heute hat er zwei im Bett. Gemischte Farben.«

Bents Herz klopfte rasend, eine Mischung aus Furcht und Erregung – Jetzt erst entdeckte Mrs. Devore die Ausbuchtung an Bents rechter Hüfte.

»Sie halten hier unten alles unter Kontrolle, Brandt. Niemand verläßt den Raum, bis ich ihn geschnappt habe.« Brandt nickte. »Los«, sagte Bent zu dem anderen Detektiv. Sie gingen auf die Treppe zu.

Alarmstimmung leuchtete in Mrs. Devores Augen auf. »Gentlemen, wohin wollen –?«

»Verhalten Sie sich ruhig«, sagte Bent und wandte sein Revers, um sein Abzeichen zu zeigen. »Wir sind vom National Detective Bureau. Wir wollen einen Ihrer Kunden. Mischen Sie sich nicht ein.«

Die Stufen hochwalzend, zog Bent seinen Revolver, einen nagelneuen LeMat .40-Kaliber, in Belgien hergestellt. Es war eine durchschlagskräftige Waffe, die meist von den Rebellen benutzt wurde.

Im oberen Flur konnte der starke Parfümduft nicht ganz den Geruch nach Desinfektionsmitteln verdecken. Bents Stiefel trampelten über den Teppich, vorbei an geschlossenen Türen; hinter einer Tür stöhnte eine Frau in rhythmischen Ausbrüchen. Seine Lenden bebten.

Vor Zimmer 4 postierten sich die Detektive auf beiden Seiten der Tür. Bent dreht den Türknauf mit der linken Hand und stürzte hinein. »Eamon Randolph?«

Ein Mann in mittleren Jahren mit weichlichen Gesichtszügen lag nackt im Bett; ein hübsches schwarzes Mädchen saß rittlings über ihm, eine ältere weiße Frau, deren schwere Brüste über seiner Nase baumelten, hinter seinem Kopf. »Wer zum Teufel sind Sie?« rief der Mann, während die Huren aufsprangen.

Wieder ließ Bent sein Abzeichen aufblitzen. »National Detective Bureau. Ich habe einen Haftbefehl gegen Sie, unterzeichnet von Colonel Lafayette Baker.«

»Oh-oh«, sagte Randolph und richtete sich mit kampflustigem Gesichtsausdruck auf. »Ich soll wohl wie Dennis Mahoney beiseite geschafft werden?« Mahoney, ein Journalist mit ähnlicher Einstellung wie Randolph, hatte letztes Jahr drei Monate im Gefängnis gesessen.