Während die Schreihälse nach der Sezession brüllten, arbeitete er still und leise weiter, zu still und zu leise – was ein Fehler war. Er arbeitete zu langsam – was ein weiterer Fehler war. Kaum war mit dem Bau der Star of Carolina begonnen worden, da hatten die Batterien das Feuer auf Fort Sumter eröffnet; er hatte das Schiff der Konföderierten-Marine überschrieben, und jetzt war es, falls er richtig informiert war, demontiert worden, weil das Metall für andere Zwecke benötigt wurde.
Coopers Begeisterung für den Schiffsbau war stärker als seine Zweifel an der Sache, die er vertrat. Lange schon war er der Meinung, daß der ignorante Süden sich auf einem Irrweg befand, weil er nicht in der Lage war, die Bedeutung der Industrialisierung zu erkennen, und sich an ein auf Sklaverei basierendes Agrarsystem klammerte. Ihm war die Vielschichtigkeit dieses Problems durchaus bewußt. Beide Seiten hatten Schuld an der Konfrontation, die von anständigen Männern wie etwa seinem Bruder Orry oder dessen altem Kriegskameraden George Hazard nicht gewünscht worden war, die sie aber auch nicht zu verhindern gewußt hatten. Cooper glaubte daran, daß es den Männern guten Willens auf beiden Seiten – er selbst zählte sich ebenfalls dazu – an Macht, aber auch an Initiative gefehlt hatte. Und so war es zum Krieg gekommen.
In diesem apokalyptischen Augenblick ging mit Cooper ein merkwürdiger Wandel vor: Er machte die Feststellung, daß er zwar den Krieg und jene, die ihn provoziert hatten, verachtete, daß er aber sein South Carolina um so mehr liebte. Also übergab er seine Schiffahrtsgesellschaft der neuen konföderierten Regierung und teilte seiner Familie mit, daß sie nach England reisen würden, um der Marine zu dienen.
Die Situation in England war, was die Konföderation anbelangte, sehr komplex, um nicht zu sagen verwirrend. Falls die volle Anerkennung durch England ausschließlich von den drei Abgesandten des Außenministers Toombs abhing, so bezweifelte Cooper, daß dieser Mission je ein Erfolg beschieden sein würde. Rost und Mann kamen kaum über einen gewissen Grad an Mittelmäßigkeit hinaus, während der dritte Abgesandte, Yancey, einer der ursprünglichen Raufbolde, war ein derartiger Extremist, daß die Konföderiertenregierung ihn nicht haben wollte. Seine Englandmission lief auf Abschiebung ins Exil hinaus. Ein jähzorniger Bauernlümmel war kaum der richtige Verhandlungspartner für Lord Russell, den englischen Außenminister.
Außerdem besaß der Washingtoner Botschafter, Mr. Charles Francis Adams, Nachkomme von Präsidenten, einen Ruf als schlauer, aggressiver Diplomat. Er übte Druck auf die Regierung der Königin aus, um die Anerkennung der Konföderation hinauszuzögern. Und Cooper war davor gewarnt worden, daß Adams und seine Leute ein Spionagenetz aufgebaut hätten, um genau die Art von illegaler Betätigung zu verhindern, die ihn nach Liverpool gebracht hatte.
»Lime Street! Lime Street Station!«
»Judith, Kinder, folgt mir!« Er verließ als erster das Abteil und winkte einen Träger heran. Während das Gepäck ausgeladen wurde, kämpfte sich ein Mann mit mehr Haaren auf Oberlippe und Wangen als auf seinem runden Kopf durch die dicht gedrängten Fahrgäste, Träger und Straßenhändler zu den Neuankömmlingen durch. Der Mann hatte etwas Aristokratisches an sich und war gut, aber nicht extravagant gekleidet.
»Mr. Main?« Der Mann sprach leise, obwohl laute Stimmen und entweichender Dampf sehr wirkungsvoll verhinderten, daß sie belauscht werden konnten.
»Captain Bulloch?«
James D. Bulloch aus Georgia, im Dienste der Marine der Konföderierten, tippte an seinen Hut. »Mrs. Main – Kinder! Ein ganz herzliches Willkommen in Liverpool. Ich hoffe, die Reise war nicht zu anstrengend?«
»Die Kinder haben die Fahrt genossen, als die Sonne herauskam«, erwiderte Judith mit einem Lächeln.
»Ich habe die meiste Zeit damit zugebracht, die Zeichnungen zu studieren, die Sie nach Islington geschickt haben«, fügte Cooper hinzu. Ein Mann hatte sie gebracht, der angeblich Tapetenmuster lieferte.
»Gut – fein. Kommen Sie alle gleich mit. Eine Mietkutsche wartet, um uns rüber zu Mrs. Donley in die Oxford Street zu bringen. Nur ein provisorisches Quartier – ich weiß, Sie werden etwas Größeres und Passenderes wünschen.«
Mit leichter Drehung richtete er diese Bemerkung an Judith. Als Bulloch ihr zulächelte, fielen Cooper seine Augen auf. Sie waren ständig in Bewegung, seine Blicke streiften über Gesichter, Abteilfenster, suchten die müllübersäten Ecken der großen Halle ab. Das war kein Tölpel.
»Vielleicht gefällt Ihnen die Crosby-Gegend«, fuhr Bulloch fort, während er Familie und Träger hinausgeleitete. Die Mains kletterten in die Kutsche, während Bulloch auf dem Bürgersteig stehenblieb und die Menschenmenge beobachtete. Schließlich sprang er herein, klopfte mit seinem Stock gegen die Wand, und sie fuhren los.
»Hier gibt’s viel zu tun, Main, aber ich will Sie nicht hetzen. Ich weiß, Sie müssen sich erst mal einrichten – «
Cooper schüttelte den Kopf. »Die Wartezeit in London war schlimmer als zuviel Arbeit. Ich kann’s kaum erwarten anzufangen.«
»Gut für Sie. Der erste Mann, den Sie kennenlernen werden, ist Prioleau. Er leitet Fräser & Trenholm am Rumford Place. Außerdem möchte ich Sie John Laird und dessem Bruder vorstellen. Bei diesem Zusammentreffen müssen wir allerdings vorsichtig sein. Mrs. Main, Sie sind über die Probleme informiert, mit denen wir es hier zu tun haben, nicht wahr?«
»Ich denke schon, Captain. Die Neutralitätsgesetze verbieten es, daß auf britischen Werften Kriegsschiffe gebaut und bewaffnet werden, falls diese Schiffe in den Dienst einer Macht gestellt werden sollen, mit der England in Frieden lebt.«
»Meine Güte, genau das ist es. Eine kluge Frau haben Sie da, alter Junge.« Cooper lächelte; Bulloch hatte sich schnell angepaßt. Energisch fuhr er fort. »Die Gesetze gelten natürlich in jeder Hinsicht. Auch die Yankees können keine Kriegsschiffe bauen – mit dem Unterschied, daß sie das auch nicht nötig haben, wir aber schon. Der Trick besteht darin, ein Schiff zu bauen und zu bewaffnen, ohne daß es auffällt oder die Regierung sich einmischt. Glücklicherweise gibt es eine Lücke in den Gesetzen – durch die wir glatt durchschlüpfen können, wenn wir den Nerv dazu haben. Ein örtlicher Anwalt, den ich angeheuert habe, hat das herausgefunden. Ich werde es zur rechten Zeit erklären.«
»Sind die lokalen Schiffsbauer bereit, die Neutralitätsgesetze zu verletzen?« fragte Judith.
»Auch Briten sind nur Menschen, Mrs. Main. Einige werden es tun, wenn damit genügend Profit zu machen ist. Tatsache ist, daß sie mehr Auftragsangebote haben, als sie bewältigen können. Es sind einige Gentlemen in der Stadt, die nichts mit unserer Marine zu tun haben, die aber Schiffe gebaut oder umgebaut haben wollen.«
»Blockadebrecher?« sagte Cooper.
»Ja. Übrigens, haben Sie den Mann getroffen, für den wir arbeiten?«
»Staatssekretär Mallory? Bis jetzt noch nicht. Alles ist brieflich geregelt worden.«
»Kluger Bursche, dieser Mallory. Allerdings ein bißchen ein Kompromißler.«
Coopers Charakter ließ eine Irreführung in einem derart wichtigen Punkt nicht zu. »Ich habe auch dahin tendiert, Captain.«
Zum erstenmal runzelte Bulloch die Stirn. »Wollen Sie damit sagen, Sie würden auch gern wieder die alte Union zusammengeflickt sehen?«
»Ich sprach in der Vergangenheitsform, Captain. Aber da wir eng zusammenarbeiten werden, will ich offen sein.« Er legte einen Arm um seine zappelnde Tochter. Die Kutsche schwankte. »Ich verabscheue diesen Krieg. Ganz besonders verabscheue ich die Narren auf beiden Seiten, die ihn verursacht haben. Aber mein Entschluß, auf der Seite des Südens zu bleiben, ist gefaßt. Meine persönlichen Überzeugungen werden mein Pflichtgefühl nicht beeinträchtigen, das verspreche ich.«