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Er hegte keinen Zweifel, daß Hazards dazu in der Lage war. Wotherspoon arbeitete mehr als gründlich – das war einer der Gründe, weshalb George den Junggesellen so schnell befördert hatte. Wotherspoon war dreißig, ein schlanker, langsam sprechender Mann mit traurigen Augen und welligem, braunem Haar, hinter dessen tadellosen Manieren sich gnadenloser Ehrgeiz verbarg. Er hatte seine Lehre in einem sterbenden Eisenwerk absolviert, das von den Nachfolgern der großen Darbyfamilie in Coalbrookdale geleitet wurde, im gleichen Teil von England, aus dem der Gründer der Hazardfamilie Ende des siebzehnten Jahrhunderts geflohen war. Vor vier Jahren war Wotherspoon auf der Suche nach einem Job, einer Frau und einem Vermögen angekommen. Ersteres hatte er, hinter den beiden anderen war er noch her. Wenn er das Rätsel des fehlerhaft gegossenen Eisens löste, davon war George überzeugt, dann konnte er beruhigt die tagtägliche Kontrolle der Hazard-Werke in die Hände des Schotten legen.

Er war sich darüber im klaren, daß er Lehigh Station verlassen und dienen mußte; die simple Frage blieb lediglich: Wo? Wenn er einige seiner Verbindungen spielen ließ, konnte er sicherlich ein Kampfkommando bekommen, ein Regiment übernehmen. Aber nicht Furcht vor dem Kampf, den er haßte, ließ ihn davor zurückschrecken, sondern seine Überzeugung, daß er mit seiner Erfahrung im Rüstungsministerium von größtem Nutzen sein könnte; und das bedeutete Cameron und Stanley und Isabel. Was für eine elende Wahl.

Wotherspoon riß ihn aus seinen düsteren Betrachtungen. »Warum gehen Sie nicht nach Hause, George?« Bis vor einem Jahr hatte ihn der jüngere Mann mit Sir angeredet. Dann waren sie zum Vornamen übergegangen, auf Georges Aufforderung hin. »Ich werde noch mal die Rodman-Notizen durchsehen. Ich habe den Verdacht, daß der Fehler in irgendeiner Form bei uns liegt. Der Erfinder dieses Prozesses hat Ihre Schule absolviert.«

»Stimmt, die Klasse von 1841.«

»Dann wird er sich kaum täuschen, was?«

Diesmal lachte George. Er zündete sich die nächste Zigarre an und sagte: »Versuchen Sie diese Meinung nicht in Washington zu verkaufen. Die Hälfte der Politiker dort glaubt, West Point habe den Krieg verursacht. Stanley schreibt in seinem letzten Brief, daß Cameron West Point in einem Bericht, den er herausbringt, ans Kreuz nageln will. Und ich denke daran, für ihn zu arbeiten. Ich muß verrückt sein.«

Wotherspoon preßte die Lippen zusammen, seine Version eines Lächeln. »Nein, nein – wir leben in einer unvollkommenen Welt, das ist alles. Sie sollten auch das berücksichtigen: Wahrscheinlich können Sie dort für West Point mehr tun als hier.«

»Das ist mir auch durch den Kopf gegangen. Gute Nacht, Christopher.«

»Gute Nacht.«

Er ging die staubige Straße entlang, durch die Menge der Männer. Über seinen Augen setzte heftiger Kopfschmerz ein. So viele Probleme in letzter Zeit. Die Fehlschläge bei den Kanonenrohren. Bretts unglückliche Verfassung. Die Möglichkeit eines Angriffs des Kriegsministeriums auf West Point…

Stanleys Brief, vordergründig informativ, war in Wirklichkeit als Irritation gedacht gewesen, und George wußte das. Die Akademie als ›Keimzelle des Verrats‹ anführend, hatte Stanley geschrieben, der Minister habe sich auf lasche Disziplin und eine vage, aber unheilvolle ›Südstaaten-Tendenz‹ als Erklärung für den Abfall so vieler regulärer Offiziere bezogen. Er sollte nicht mal im Traum daran denken, für solch einen Schmierfink zu arbeiten.

Der Anstieg nach Belvedere war in der feuchten, stickigen Luft des Spätnachmittags ermüdend. Auf dem staubigen Weg blieb er stehen, um zu den Bergen hochzublicken. Er erinnerte sich an die Lehren, die seine tote Mutter an ihn weiterzugeben versucht hatte. Das bedeutendste Emblem dafür sah er über sich auf den Gipfeln – den im Wind wehenden Berglorbeer.

Seine Mutter, Maude, hatte ihr eigenes mystisches Gefühl für den Lorbeer auf ihn übertragen. Die schlimmste Witterung konnte dem Lorbeer nichts anhaben. Den Hazards ebenfalls nicht, sagte sie. Lorbeer war aus Liebe geborene Stärke, sagte sie. Nur die Liebe konnte die Männer über die Niedrigkeit erheben, die in ihrer Natur lag.

Sie hatte über den Lorbeer gesprochen, als er sich fragte, ob es klug wäre, Constance nach Lehigh Station zu bringen, wo man die Katholiken verachtete. Er hatte ihre Worte wiederholt, als Billy verzweifelte, weil Orry Main anfänglich gegen seine Heirat mit Brett war.

Ausdauer und Liebe. Vielleicht würde sich das als ausreichend erweisen. Er betete darum.

Auf Belvederes langer, breiter Veranda verschnaufte er sich. Schweiß lief ihm den Nacken herab und tränkte sein Hemd. Er war früher als gewöhnlich zu Hause. Vielleicht konnte er den Grund für das Bersten des Kanonenrohres herausfinden. Leise ging er in die Bibliothek, um seine Notizen über das Rodman-Verfahren zu holen.

»George? Du bist früh dran. Was für eine Überraschung.«

Er wandte sich der Tür zu.

»Ich hörte dich hereinkommen«, fuhr Constance fort, als sie eintrat. Sie wollte ihm einen Kuß geben, hielt aber inne. »Liebling, was ist passiert?«

»Die Hitze. Es ist höllisch heiß draußen.«

»Nein, es ist was anderes. Ah – der Test. Das ist es, nicht wahr?«

Betont lässig warf er seine Jacke über seine Schulter. »Ja. Wir hatten wieder einen Fehlschlag.«

»Oh, George, es tut mir so leid.«

Sie kam zu ihm, drückte sich fest an ihn. Ein kühler Arm schlang sich um seinen schweißfeuchten Nacken, während ihr süßer Mund ihn küßte. Erstaunlich, wie das half. Sie war der Lorbeer.

»Ich habe eine gute Nachricht«, sagte sie anschließend. »Ich habe endlich was von Vater gehört.«

»Ein Brief?«

»Ja. Heute ist er gekommen.«

»Gut. Ich weiß, daß du dir Sorgen gemacht hast. Ist alles in Ordnung mit ihm?«

»Ich weiß nicht, was ich darauf antworten soll. Komm, trink einen kalten Apfelwein, und ich werd’s dir erklären.«

Als George den Brief las, verstand er ihre rätselhafte Antwort. »Ich begreife seine Abscheu vor Texas, Patrick Flynn liebt viele Dinge des Südens, doch die Sklaverei gehört nicht dazu. Aber Kalifornien? Ist das die Antwort?«

»Meiner Meinung nach nicht. Stell dir vor, in seinem Alter eine neue Anwaltskanzlei aufzubauen.«

»Ich bezweifle, daß er damit Schwierigkeiten haben wird«, sagte George und sah den frischen, rotwangigen Anwalt vor sich, der aus County Limerick an die Golfküste gekommen war. Er merkte, daß seine Antwort Constance nicht beruhigt hatte, und fügte hinzu: »Er ist ein zäher, anpassungsfähiger Bursche, dein Vater.«

»Aber er wird dieses Jahr sechzig. Und Kalifornien ist kein sicherer Ort. In der Morgenzeitung habe ich von einem Südstaatenplan gelesen, an der Pazifikküste eine Art zweite Konföderation zu errichten.«

»Das übliche Gerücht heutzutage. In der einen Woche ist es Kalifornien, in der nächsten Chicago.«

»Trotzdem bin ich der Meinung, daß die Reise zu lang und gefährlich ist. Vater ist alt und ganz allein.«

Er lächelte. »Nicht ganz. Er reist mit einem ungemein zuverlässigen Begleiter. Ich meine seinen Paterson-Colt, der Lauf einen Fuß lang. Nie hab ich ihn ohne den Colt gesehen. Weißt du noch, wie er ihn zu unserer Hochzeit trug? Außerdem versteht er es, ihn zu benützen.«

Constance wollte sich nicht besänftigen lassen. »Ich weiß einfach nicht, was ich tun soll.«

George trank seinen Apfelwein aus und sah erst in die blauen Augen, die er so liebte. »Verzeihen Sie meine Impertinenz, Mrs. Hazard, aber ich glaube, Sie können gar nichts tun. In dem Brief ist mir eine Bitte um Genehmigung nicht aufgefallen. Da steht lediglich, daß er aufbricht, und das war am 13. April. Ich nehme an, daß er mittlerweile die Sierras zur Hälfte durchquert hat.«