»Oh, guter Gott das Datum. Ich war zu besorgt, um es zu bemerken.« Jetzt nahm er sie in die Arme, um ihr zu helfen, so wie sie ihm geholfen hatte. Sie verließen die Küche und gingen nach oben, wo er sich auszog, um ein Bad zu nehmen.
»Tut mir leid, daß ich schlecht gelaunt war«, sagte sie, während er sich aus seiner verschwitzten Kleidung pellte. Nackt schlang er erneut die Arme um sie.
»Nicht schlecht gelaunt. Verständlicherweise besorgt. Ich fürchte, ich war sarkastisch. Ich bitte um Verzeihung.«
»Wir sind quitt.« Sie verschränkte die Hände hinter seinem Kopf und gab ihm einen Kuß. So blieben sie eine Weile regungslos stehen; Trost strömte von einem zum anderen. Nie war George dichter daran, die Natur der menschlichen Liebe zu erfassen, als in solchen Momenten.
Sein Körper begann zu reagieren. »Wenn wir so weitermachen, komme ich nicht zu meinem Bad.«
Sie schnüffelte. »Nötig hast du’s.«
Mit gespielter Gewalt warf er sie aufs Bett und kitzelte sie, bis sie um Gnade flehte. Er ging ins Bad, drehte sich an der Tür noch mal um. »Aber wir haben auch Probleme, wo wir durchaus was tun können. Camerons Einladung, zum Beispiel.«
»Die Entscheidung liegt bei dir, George. Ich will Stanley und Isabel nicht näher sein als unbedingt notwendig. Aber ich weiß, daß es für dich wichtigere Dinge zu berücksichtigen gibt.«
»Ich wünschte, es wäre nicht so. Der Kongreßabgeordnete Thad Stevens meinte, Cameron würde auch einen rotglühenden Ofen klauen.«
»Ich mache dir einen Vorschlag. Warum fährst du nicht nach Washington und sprichst mit einigen Leuten von der Rüstung? Das könnte dir bei der Entscheidung behilflich sein.«
»Großartige Idee. Aber ich kann erst weg, wenn wir das Problem mit den Kanonenrohren gelöst haben.« Er dachte einen Augenblick nach. »Glaubst du, ich könnte es ertragen, in Stanleys Nähe zu arbeiten? Ich habe ihm die Führung der Hazard-Werke weggenommen, seine Frau aus diesem Haus gejagt – ich habe ihn sogar einmal geschlagen. Das hat er nicht vergessen. Und Isabel ist rachsüchtig.«
»Das weiß ich nur zu gut. Du mußt all das berücksichtigen. Aber wenn du annimmst, dann werde ich dir mit den Kindern so bald wie möglich folgen.«
Auch während des Abendessens ging die Diskussion über Camerons Angebot weiter. George, der in einem sauberen weißen Hemd erfrischt wirkte, erzählte Brett, daß Constance einen sehr praktischen Vorschlag gemacht habe. Er würde nach Washington fahren, bevor er seine endgültige Entscheidung traf.
»Würdest du mich mitnehmen?« rief Brett. »Ich könnte Billy sehen.«
»Ich kann nicht sofort los.« Er erklärte ihr den Grund und beobachtete, wie die hell lodernde Hoffnung in sich zusammenfiel. Schuldbewußt suchte er hastig nach einem Ausweg. Keine zehn Sekunden waren vergangen, als er fortfuhr: »Aber es gibt noch eine andere Möglichkeit. Zwei wichtige Verträge müßten dort zu meinem Anwalt. Ich nehme an, ich könnte im Büro einen vertrauenswürdigen älteren Mitarbeiter finden, der sie hinbringt. Du könntest ihn begleiten.«
»Du erlaubst mir immer noch nicht, alleine zu fahren?«
»Brett, dieses Thema haben wir bereits vor Wochen ausdiskutiert.«
»Nicht zu meiner Zufriedenheit.«
»Werde nicht ärgerlich. Du bist eine intelligente und tüchtige junge Frau. Aber Washington ist eine Jauchegrube. Allein hast du dort nichts verloren – selbst wenn wir mal deinen unverkennbaren Südstaatenakzent unberücksichtigt lassen, was dich zum Ziel von Feindseligkeiten aller Art machen würde. Nein, so ist es besser. Ich suche einen Mann aus, der in einigen Tagen reisefertig ist. Pack deinen Koffer, und halt dich bereit.«
»Oh, ich danke dir«, sagte sie und eilte um den Tisch, warf die Arme um ihn. »Kannst du mir meine schlechte Laune verzeihen? Ihr wart beide so freundlich zu mir, aber ich habe so wenig von Billy gehabt, seit wir heirateten.«
»Ich verstehe das.« Er tätschelte ihre Hand. »Es gibt nichts zu verzeihen.«
Mit Tränen in den Augen dankte sie ihm nochmals. Für Constance war es eine der seltenen Gelegenheiten, George verlegen und leicht nervös zu erleben.
Später in ihrem Schlafzimmer sagte sie, bevor sie sich liebten: »Hast du wirklich Papiere, die nach Washington müssen?«
»Ich werd’ schon welche finden.«
Sie lachte und küßte ihn und zog ihn voller Freude an ihre Brust.
15
»Diese Reisetasche ist schwerer als ein Sack voll Steine«, stöhnte Billy, als er sie absetzte.
»Ich habe dir eine Menge Kleinigkeiten mitgebracht, von denen ich annahm, daß du sie brauchen kannst: Bücher, drei Mützenüberzüge, die ich selbst genäht habe, Socken, Unterhosen, eine neue Kasserolle, eines dieser kleinen Nähkästchen für Soldaten – «
»Bei der Armee nennt man sie Hausfrauen.« Er nahm seine Mütze ab und griff mit der anderen Hand nach hinten, um die Tür zu schließen.
Beide sprachen sie leise, als müßten sie vor Lauschern auf der Hut sein. Es war ein schwüler Nachmittag, so gegen drei, und sie waren allein in einem Pensionszimmer. Obwohl sie verheiratet waren, kam es Brett herrlich verrucht vor.
Der kleine Raum besaß nur ein mickriges Fenster, durch das der Lärm der unsichtbaren Straße drang. Aber Billy hatte Glück gehabt, daß er überhaupt etwas gefunden hatte, nachdem ihre telegraphische Nachricht angekommen war.
»Ich hab mich so nach dir gesehnt, Brett. Dich zu sehen, zu lieben.« Seine Stimme klang fremd; scheu, fast ängstlich. »Ich habe mich so danach gesehnt, daß es richtig schmerzt.«
»Oh, ich weiß, Liebling. Ich fühle genauso. Aber wir haben nie – «
»Was?«
Errötend wandte sie den Kopf ab. Er berührte ihr Kinn.
»Was, Brett?«
Sie wagte es nicht, ihm in die Augen zu sehen. Ihr Gesicht brannte. »Früher… Wir haben uns immer – im Dunkeln geliebt.«
»Ich kann nicht so lange warten.«
»Nein, ich – ich auch nicht.«
Er half ihr beim Ausziehen, schnell, aber ohne grob zu werden. Dann kam der schreckliche Moment, wo es nichts mehr zu verbergen gab; sie wußte, daß der Anblick ihres Körpers ihn abstoßen würde.
Ihre Furcht schmolz dahin, als er seine Hände ausstreckte. Er berührte ihre Schultern und ließ langsam seine Handflächen über ihre Arme gleiten, eine Liebkosung, die sie beide zart und erregend fanden. Sein liebevolles Lächeln wechselte langsam zu einem Ausdruck über, der fast schon an Verzückung grenzte. Ihr Lächeln wurde strahlend, und ihr freudig erregtes Lachen wurde von ebenso freudigen Tränen begleitet. Ihre Vereinigung, nur Augenblicke später, war um so süßer, da sie von beiden so heiß ersehnt worden war.
Captain Farmer hatte ihm über Nacht Urlaub gegeben. Am späten Nachmittag führte Billy seine Frau in die Gegend nahe beim Präsidentenpark. Die Menge der Soldaten in den Straßen verblüffte sie. Sie trugen Marine-Uniform, sie trugen Grau, und einige waren so buntgemischt ausgerüstet, daß sie den Hoftruppen irgendeines arabischen Prinzen ähnelten. Außerdem spazierten viele Neger herum.
Ungefähr eine Stunde vor Sonnenuntergang überquerten sie einen übelriechenden Kanal, in Richtung eines noch unvollendeten Parkes nahe der phantastischen roten Türme der Smithsonian Institution. Aus vornehmen Kutschen beobachteten gut gekleidete Bürger, wie ein Freiwilligen-Regiment, die First Rhode Island, exerzierte. Billy zeigte Brett den kommandierenden Offizier, Colonel Burnside, einen Mann mit herrlichem Backenbart.
Billy erklärte, daß militärische Schauspiele zum öffentlichen Leben der Stadt gehörten. »Aber sicherlich wird es bald zum Kampf kommen. Es heißt, Lincoln will ihn, und Davis anscheinend auch. Sein populärster General kommandiert die Alexandriafront.«
»Du meinst General Beauregard?«
Er nahm ihren Arm, während sie weiterschlenderten. »Ja. Es gab mal eine Zeit, da stand Old Bory bei dieser Armee in hohem Ansehen. Jetzt nennt ihn unsere Seite nur noch einen ängstlichen kleinen Gockel.«