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Madeline neigte die Klinge, um die Gravur auf der Vorderseite zu lesen: Für Charles Main, in Liebe von seiner Familie, 1861. Sie warf ihm einen langen, liebevollen Blick zu, dann untersuchte sie die andere Seite. »Ich kann das nicht lesen. Heißt es Cluberg?«

»Clauberg aus Solingen. Der Hersteller. Einer der besten in Europa.«

»Da sind viele winzige Blumen und Kurven eingraviert sogar Medaillons mit den Buchstaben C.S. darin.«

»Bei gewissen Versionen dieses Modells lauten die Buchstaben U.S.«, sagte er trocken und lächelte.

Den Säbel immer noch wie Glas behandelnd, steckte sie ihn wieder in die goldverzierte, blaumetallische Scheide zurück. Dann sagte sie, seinem Blick ausweichend: »Vielleicht hättest du auch für dich sowas bestellen sollen.«

»Falls ich das Angebot annehme?«

»Ja.«

»Oh, das ist aber ein Kavalleriesäbel. Ich könnte ihn nicht tragen, selbst wenn ich mich entschließen würde – «

»Orry«, unterbrach sie, »du weichst aus. Du weichst mir aus, und du weichst einer Entscheidung aus.«

»In letzterem Fall bekenne ich mich schuldig«, gab er mit schnell wechselndem Gesichtsausdruck zu, der doch alles verriet. Er verbarg etwas vor ihr, ein für ihn sehr ungewöhnliches Benehmen. »Ich kann jetzt noch nicht nach Richmond. Es gibt noch zu viele Hindernisse. Zuallererst deine Situation.«

»Ich kann ausgezeichnet auf mich aufpassen wie du sehr wohl weißt.«

»Geh jetzt nur nicht auf mich los. Natürlich weiß ich das. Aber ich muß auch an Mutter denken.«

»Auch um sie kann ich mich kümmern.«

»Nun, ohne Aufseher kannst du die Plantage nicht leiten. Der Mercury hat wieder mein Stellenangebot gedruckt. Hat das Paketboot irgendwelche Antworten gebracht?«

»Ich fürchte nein.«

»Dann muß ich weiter suchen. Ich brauche dieses Jahr eine gute Ernte, wenn ich einen Beitrag zu den Regierungsbemühungen leisten will – wozu ich mich heute mit der Unterzeichnung dieser Papiere einverstanden erklärt habe. Ich werde nicht mal an Richmond denken, bis ich den richtigen Mann zur Übernahme gefunden habe.«

Später gingen sie in die Bibliothek. Aus den Regalen, die Tillet Main mit guter Literatur gefüllt hatte, wählten sie einen wunderschön gebundenen Band von Das verlorene Paradies. Während der Jahre ihrer heimlichen Treffen hatten sie häufig laut Gedichte gelesen; der Rhythmus der Verse wurde manchmal zu einem unzulänglichen Ersatz für körperliche Liebe. Seit sie zusammenlebten, hatten sie entdeckt, daß diese Lesungen ihnen immer noch Vergnügen bereiteten.

Sie setzten sich auf ein Sofa, das Orry nur zu diesem Zweck angeschafft hatte. Er saß stets links von Madeline, damit er eine Seite des Buches halten konnte. Madeline ließ das Buch in ihrem Schoß sinken, und Orry sagte: »Cooper behauptet, wir hätten deswegen Krieg, weil der Süden sich weigere, die Veränderungen, die in diesem Land stattfinden, anzuerkennen. Ich erinnere mich vor allem an seine Worte, daß wir weder mit der Notwendigkeit für Veränderungen noch mit ihrer Unvermeidlichkeit umgehen könnten.«

»Wird der Krieg wirklich etwas ändern? Wenn er vorbei ist, wird dann nicht fast alles beim alten sein?«

»Einige unserer Führer möchten das gerne glauben. Ich glaube es nicht.«

Aber er wollte den Abend nicht mit melancholischen Spekulationen verderben; er küßte ihre Wange und schlug vor, Gedichte zu lesen. Sie überraschte ihn damit, daß sie sein Gesicht zwischen ihre kühlen Handflächen nahm und ihn mit Augen anblickte, in denen glückliche Tränen glänzten.

»Dies hier wird sich nicht ändern. Ich liebe dich mehr als mein Leben.«

Ihr Mund preßte sich auf seinen, öffnete sich leicht; der Kuß war lang und voll süßer Gemeinsamkeit. Er fuhr mit der Hand hoch, zerzauste ihr Haar. Sie lehnte sich gegen seine Schulter und flüsterte: »Ich habe das Interesse an britischen Poeten verloren. Laß uns die Lichter löschen und nach oben gehen.«

Am nächsten Tag, als Orry auf den Feldern war, suchte Madeline nach einem Schal. Sie und Orry teilten sich einen großen, begehbaren Garderobenschrank, der an sein Schlafzimmer grenzte; dort suchte sie nach dem Schal.

Hinter einer Reihe von Gehröcken, die er nie trug, erspähte sie ein vertrautes Paket. Zuletzt hatte sie den Säbel unten in der Bibliothek gesehen. Warum um alles in der Welt hatte er ihn hinaufgebracht und hier versteckt?

Sie hielt den Atem an, griff dann hinter die Gehröcke und hob das Paket hervor. Die roten Wachssiegel waren unbeschädigt. Kein Wunder, daß es ihn nicht erheitert hatte, als sie ihn mit der Möglichkeit eines zweiten Säbels aufgezogen hatte.

Sorgfältig legte sie das Paket wieder an Ort und Stelle. Sie würde ihre Entdeckung für sich behalten; wenn er es für richtig erachtete, würde er mit ihr darüber sprechen. Doch was seine Absichten anbelangte, gab es keinen Zweifel mehr.

18

Der blutrote Schein der sinkenden Sonne ergoß sich am nächsten Abend durch die Bürofenster. Orry schwitzte an seinem Schreibtisch; er war müde, aber die Einkaufsliste für seinen Agenten in Charleston mußte fertig werden. Er war gezwungen gewesen, seine Geschäfte wieder von der Fraser-Company abwickeln zu lassen, die schon für seinen Vater tätig gewesen war, weil Cooper die eigene Schiffsfirma an die Marine übergeben hatte. Cooper hielt sämtliche CSC-Aktien und war deshalb durchaus dazu berechtigt. Aber es war verdammt umständlich, und Orry mußte sich auch dieser Situation erst anpassen.

Aus früheren Transaktionen war Fräser ihm noch eine Rückzahlung schuldig gewesen. Einen Teil der Summe hatten sie in neuen Konföderierten-Banknoten bezahlt, sehr hübsch gemacht mit Gravuren von einer Göttin der Landwirtschaft und fröhlichen, auf einem Baumwollfeld arbeitenden Negern. In winziger Schrift stand auf den Banknoten Southern Bank Note Co. Dazu in Fräsers Brief der Kommentar: »Die Banknoten sind in N. Y. gedruckt – fragen Sie uns nicht warum.« Ein kluger Mann hätte das aus der beiliegenden Tausend-Dollar-Note schließen können. Die Porträts von John Calhoun und Andrew Jackson waren darauf zu sehen. Offensichtlich hatten die verdammten Yankees, von denen der Entwurf der Banknote stammte, keine Ahnung von Geschichte.

Auch Städte druckten Papiergeld. Orrys Repräsentant bei Fräser hatte ein Muster beigelegt, eine bizarre Banknote der Corporation von Richmond mit einem heroischen Porträt des Gouverneurs auf rosa Papier im Werte von fünfzig Cents. Wenige Sezessionisten hatten sich ihre Wirrköpfe über die praktischen Konsequenzen ihrer Tat zerbrochen.

»Orry – oh, Orry – solche Neuigkeiten!«

Madeline platzte ins Büro, raffte ihren krinolinverstärkten Rock und tanzte, für sie ganz untypisch, durch den Raum, während er sich von seiner Überraschung erholte. Sie kicherte kicherte! – während sie herumhüpfte. Tränen strömten über ihr Gesicht und widerspiegelten das dunkelrote Licht.

»Ich sollte nicht glücklich sein – Gott wird mich strafen, aber ich bin’s. Ich bin’s!«

»Madeline, was –?«

»Vielleicht wird Er mir dies eine Mal vergeben.« Sie preßte einen Zeigefinger unter ihre Nase, konnte aber nicht aufhören zu kichern.

»Hast du den Verstand verloren?«

»Ja!« Sie ergriff seine Hand, zog ihn hoch, schwenkte ihn herum. »Er ist tot!«

»Wer?«

»Justin! Ich weiß, es ist schändlich, so zu empfinden. Er«, sie schüttelte sich, »war ein menschliches Wesen – «

Nur im weitesten Sinne des Wortes, dachte Orry. »Kein Irrtum möglich?«

»Nein, nein – einer der Hausangestellten sah Dr. Lonzo Sapp auf der Flußstraße. Dr. Sapp kam gerade von Resolute. Mein Ehemann«, sie beruhigte sich etwas, wischte die Tränen fort, schluckte und sprach nun zusammenhängender weiter, »hat heute morgen seinen letzten Atemzug getan. Die Schußwunde löste irgendwie eine Infektion aus, die seinen ganzen Körper vergiftete. Ich bin ihn los.« Sie warf ihre Arme um Orrys Nacken, lehnte sich übersprudelnd vor Freude zurück. »Wir sind ihn los. Ich bin unerträglich glücklich, und ich schäme mich deswegen.«