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Sie suchte ein bekanntes Gesicht und entdeckte schließlich eines. Sie stürzte sich auf Mary Chesnut und erwischte sie allein, so daß sie ihr nicht entrinnen konnte. Mrs. Chesnut schien heute abend freundlicher und zu Klatsch aufgelegt.

»Jedermann ist völlig erschlagen, daß General und Mrs. Lee fehlen, ohne jede Erklärung. Ein häuslicher Zwist, meinen Sie nicht auch? Ich weiß, daß sie ein Paradepaar sind – es heißt, daß er niemals flucht oder die Beherrschung verliert. Aber gewiß erlebt selbst ein Mann mit seinem hochmoralischen Charakter einen Einbruch. Wäre er hier, wir könnten vielleicht ein Treffen alter Kameraden von West Point erleben. Armer alter Bob – die Yankeepresse hat ganz schön auf ihn eingeprügelt, als er seinen Abschied nahm und unserer Seite beitrat.«

»Ja, ich weiß.« Es hieß, die Frau führe ein Tagebuch und es sei angebracht, sich in ihrer Gegenwart vorsichtig zu äußern.

Ironisch lächelnd tippte Mrs. Chesnut mit ihrem Fächer auf Ashtons Handgelenk. »Man sollte meinen, das würde ihn bei den Truppen beliebt machen, nicht wahr?«

»Ist das nicht der Fall?«

»Kaum. Gemeine und Corporals aus den besten Familien nennen ihn Spatenkönig, weil sie aufgrund seiner Befehle graben und schwitzen mußten wie die gewöhnlichsten Feldarbeiter.«

Ashton folgte ihren Worten mit vorgetäuschtem Interesse, hatte aber nichtsdestoweniger den großen, gut gekleideten Gentleman in blauem Samt bemerkt, der sie vom Punschtisch aus beobachtete. Er ließ seinen Blick über die Seide gleiten, die sich straff zwischen ihren Brüsten spannte. Ashton wartete, bis sich ihre Blicke wieder trafen, dann wandte sie sich ab. Sie verließ Mary Chesnut und pirschte sich näher an ihren Mann heran, der es geschafft hatte, mit dem Präsidenten ins Gespräch zu kommen.

Jefferson Davis sah um einige Jahre jünger als einundfünfzig aus; seine militärische Haltung und seine schlanke Figur verhalfen ihm zu diesem Eindruck, ebenso sein volles Haar und sein kleiner Kinnbart, in denen fast kein Weiß zu sehen war.

»Aber Mr. Huntoon«, sagte er, »ich bestehe darauf, daß eine Zentralregierung in Kriegszeiten gewisse Maßnahmen ergreifen muß. Einberufung, zum Beispiel.«

Sie waren in eine liebenswürdige philosophische Diskussion verstrickt; Huntoon, der leise sprechende Präsident und ein dritter Mann, Außenminister Toombs. Von Toombs hieß es, er sei ein Unruhestifter. Vor allem kritisierte er West Point, weil Davis, Angehöriger der Klasse von ‘28, großes Vertrauen in einige der Absolventen setzte.

»Sie meinen, Sie würden ein derartiges Gesetz erlassen?« forderte Huntoon ihn heraus. Er besaß starke Überzeugungen und genoß die Chance, sie allgemein bekannt zu machen.

»Falls notwendig, würde ich darauf drängen, jawohl.«

»Sie würden Männer aus den verschiedenen Staaten einberufen, so wie es dieser niggerliebende Pavian getan hat?«

Davis brachte es fertig, allein durch sein Seufzen Verärgerung auszudrücken. »Mr. Lincoln hat nach Freiwilligen gefragt, weiter nichts. Wir haben das gleiche getan. Zur Zeit stellt die Einberufung auf beiden Seiten einen rein theoretischen Fall dar.«

»Aber ich setzte voraus. Sir – bei allem Respekt vor Ihnen und Ihrem Amt –, daß es sich dabei um eine Theorie handelt, die nie erprobt werden darf. Es widerspricht der Doktrin der Oberhoheit der Staaten. Sollten sie diese Oberhoheit einer Zentralgewalt gegenüber aufgeben müssen, dann bekommen wir ein Duplikat vom Zirkus in Washington.«

Jetzt funkelten die grauen Augen; und das fast blinde linke Auge schaute genauso zornig drein wie das rechte. Huntoon hatte Gerüchte über das Temperament des Präsidenten gehört; schließlich arbeiteten sie im gleichen Gebäude. Es hieß, Davis fasse jeden abweichenden Standpunkt als persönlichen Angriff auf und verhalte sich auch dementsprechend.

»Wie dem auch sei, Mr. Huntoon, meine Verantwortlichkeit ist klar: Ich sehe mich der Herausforderung gegenüber, diese neue Nation lebensfähig und erfolgreich zu machen.«

Genauso hitzig sagte Huntoon: »Und wie weit wollen Sie dabei gehen? Ich habe gehört, daß gewisse Leute der West-Point-Clique vorgeschlagen haben, Schwarze auf unserer Seite kämpfen zu lassen. Wollen Sie das befürworten?«

Davis lachte über die Vorstellung, aber Toombs rief aus: »Niemals. An dem Tag, an dem die Konföderation einem Neger Zutritt zu den Reihen ihrer Armee gewährt, an dem Tag wird die Konföderation in Schande geraten und ruiniert sein.«

»Ich stimme zu«, schnappte Huntoon. »Nun, was die allgemeine Wehrpflicht selbst anbelangt – «

»Reine Theorie«, wiederholte Davis scharf. »Ich hoffe, diese Regierung wird ohne großes Blutvergießen anerkannt werden. Verfassungsmäßig gesehen sind wir vollkommen im Recht mit dem, was wir tun. Ich will keinen Krieg führen, als würden wir uns im Unrecht befinden. Nichtsdestoweniger muß eine Zentralregierung stärker sein als ihre einzelnen Teile, sonst – «

»Nein, Sir«, unterbrach Huntoon. »Das werden die Staaten niemals tolerieren.«

Davis schien blaß zu werden, seine Konturen undeutlich; dann erst bemerkte Huntoon, daß seine Stahlrandbrille angelaufen war.

»In diesem Fall, Mr. Huntoon, wird die Konföderation kein Jahr überdauern. Sie können die Doktrin der Rechte der Staaten haben, oder Sie können ein neues Land haben. Beides zusammen geht nicht. Also wählen Sie.«

In seinem Ärger völlig unbesonnen platzte Huntoon heraus: »Meine Wahl ist, nicht Teil autokratischen Denkens zu sein, Herr Präsident. Außerdem – «

»Wenn Sie mich entschuldigen würden.« Farbflecken zeigten sich auf den Wangen des Präsidenten, als er herumwirbelte und davonging. Toombs folgte ihm.

Huntoon kochte vor Wut. Wenn der Präsident bei fundamentalen Prinzipien keinen Widerspruch duldete, dann zum Teufel mit ihm. Der Mann war hier eindeutig fehl am Platz. Bloß gut, daß er Davis die Meinung gesagt hatte –

»Du stümperhafter, minderbemittelter – «

»Ashton!«

»Ich kann einfach nicht glauben, was ich da eben gehört habe. Du hättest ihm schmeicheln müssen, und was tust du? Du verspritzt politisches Gewäsch.«

Mit puterrotem Gesicht packte er ihr Handgelenk; unter seinen schwitzigen Fingern gab das Samtband nach. »Die Leute behaupten, er benehme sich wie ein Diktator. Das wollte ich nur bestätigt haben. Und das hab’ ich. Ich habe meine feste Überzeugung darüber zum Ausdruck gebracht, daß – «

Mittlerweile hatte sie sich dicht an ihn gedrängt, lächelte ihr süßestes Lächeln, hüllte ihn in ihren zarten Duft. »Scheiß auf deine festen Überzeugungen. Anstatt mich vorzustellen, damit ich dir helfen kann, dich durch eine kritische Situation bringen kann, hast du geschwätzt und gestritten und die Totenglocke für deine bereits beendete unbedeutende Karriere geläutet.«

Sie stürzte davon, stieß gegen andere Gäste; sie zog viele Blicke auf sich, als sie mit Tränen in den Augen zu den Erfrischungen stürmte.

Idiot! Mit beiden Händen umklammerte sie eine gekühlte Punschschale; ihre schweißgetränkten Handschuhe hatte sie ausgezogen. Dieser Idiot. Alles hatte er kaputtgemacht.

Schnell wich ihr Ärger einem Gefühl der Depression. Eine große gesellschaftliche Chance war dahin; ganze Gruppen von Leuten machten sich bereits zum Aufbruch fertig. Auf der Suche nach der Macht, die sie ersehnte, war sie nach Richmond gekommen, und mit einigen wenigen Sätzen hatte er dafür gesorgt, daß er diese Macht nie für sie erringen würde. Nun gut – sie würde einen anderen finden. Einen Mann, intelligenter und taktvoller als James; mehr dem Erfolg zugewandt und geschickter darin, ihn zu erringen.

Und so faßte Ashton in weniger als einer Minute im Salon 83 des Spotswood Hotel einen Entschluß. Huntoon hatte als Ehemann nie viel getaugt, deshalb würde er von nun an nur noch dem Namen nach ihr Mann sein. Vielleicht würde er nicht mal das sein, wenn sie den richtigen Ersatz für ihn finden konnte.