»Gibt keinen Beweis dafür, aber mein Cousin behauptet es.«
Dann könnte der Graue eine Entdeckung sein. Die besten Carolina-Rennpferde entstammten einer Kombination von englischem Vollblut und dem spanischen Pony aus Florida.
»Läßt er sich schwer reiten?«
»Einige waren der Meinung, jawohl, Sir.« Der Farmer bekam die Fragerei langsam satt. Charles mußte sich schnell entscheiden.
»Hat er einen Namen?«
»Cousin nannte ihn Sport. Wollen Sie ihn nun oder nicht?«
»Legen Sie ihm das Halfter an, und bringen Sie ihn rüber«, erwiderte Charles und schnallte seine Sporen ab. Der Farmer ging auf die Weide, und Charles beobachtete, daß Sport seinen Besitzer zweimal zu beißen versuchte, während ihm dieser das Halfter anlegte. Aber dann folgte der Graue gehorsam, als ihn der Mann zum Zaun führte.
Charles ging zu Ambrose Pells Braunem und zog seine Schrotflinte aus dem Futteral. Schnell überprüfte er die Waffe. Aufgeschreckt sagte der Farmer: »Was zum Teufel haben Sie vor?«
»Ihn ein bißchen zu reiten.«
»Kein Sattel? Keine Decke? Wo haben Sie das gelernt?«
»Texas.« Der alte Mann hing ihm zum Hals raus, und Charles schenkte ihm ein bösartiges Grinsen. »Wenn ich beim Comanchen-Killen mal Pause machte.«
»Killen? Verstehe. In Ordnung. Aber die Schrotflinte – «
»Wenn er den Krach nicht verträgt, dann taugt er für mich nichts. Bringen Sie ihn dichter an den Zaun.«
Er bellte es wie einen Befehl; der Farmer wurde sofort weniger lästig. Charles kletterte auf den Zaun und glitt so sanft wie möglich auf den Wallach. Er wickelte das Seil um seine rechte Hand, spürte bereits den mutwilligen Widerstand des Grauen. Er richtete die Schrotflinte nach oben und feuerte beide Läufe ab. Der Graue bockte nicht, sondern raste los – schnurstracks auf den Zaun am anderen Ende der Weide zu.
Charles schluckte und spürte, wie ihm der Hut vom Kopf geweht wurde. Regentropfen klatschten ihm ins Gesicht. Der Zaun raste auf ihn zu. Wenn er nicht springt, dann kann ich mir das Genick brechen. Mit wehender Mähne über dem schönen, langen Bogen seines Nackens flog Sport in hohem, sauberem Sprung über den obersten Balken.
Charles lachte und gab Sport den Kopf frei. Und dann erlebte er mit dem Grauen einen der wildesten Galoppritte, die er je mitgemacht hatte. Über Stock und Stein, einen steilen Hügel hoch und hinunter in einen kalten Bach; was der Regen nicht geschafft hatte, erledigte das hoch aufspritzende Wasser. Charles hatte das Gefühl, daß nicht er den Grauen testete, sondern der Graue ihn.
Er lachte. Mit diesem unhandlichen kleinen Tier hatte er vielleicht gerade ein bemerkenswertes Kriegsroß entdeckt.
»Ich nehme ihn«, sagte er, als er zum Zaun zurückkehrte. Er griff nach einem Bündel Banknoten. »Sie sagten hundert – «
»Während Sie noch mit ihm Ihren Spaß hatten, hab’ ich beschlossen, ich kann ihn nicht für weniger als hundertfünfzig weggeben.«
»Als Preis nannten Sie hundert, und mehr kriegen Sie auch nicht.« Charles fingerte an der Schrotflinte herum. »Ich würde nicht feilschen – Sie kennen doch uns Buttermilchkavalleristen. Diebe und Killer.«
Das Geschäft wurde ohne weitere Verhandlungen abgeschlossen.
»Charlie, du hast dich übers Ohr hauen lassen«, erklärte Ambrose, kaum daß Charles mit dem Grauen zurück ins Camp gekommen war. »Jeder Narr kann sehen, daß der Gaul nichts drauf hat.«
»Der erste Blick sagt nicht immer die Wahrheit, Ambrose.« Mit einer Hand fuhr er über Sports leicht gebogene Nase. Der Wallach stupfte ihn kräftig mit den Nüstern an. »Abgesehen davon glaub’ ich, daß er mich mag.«
»Er hat die falsche Farbe. Jeder wird dich für einen verdammten Hornbläser halten anstatt für einen Gentleman.«
»Ich bin kein Gentleman. Mit sieben hab ich den Versuch aufgegeben, einer zu werden. Danke, daß du mir dein Pferd geliehen hast. Ich muß jetzt meins füttern und tränken.«
»Das kann auch mein Nigger für dich machen.«
»Toby ist dein Diener, nicht meiner. Außerdem hab’ ich, seit ich auf der Akademie war, diese komische Einstellung, daß ein Kavallerist selber für sein Pferd sorgen sollte. Es ist sein zweites Ich, wie es so schön heißt.«
»Ich höre Mißbilligung heraus«, murrte Ambrose. »Was soll falsch daran sein, einen Sklaven mit ins Camp zu bringen?«
»Nichts – bis der Kampf beginnt. Das nimmt dir keiner ab.«
Diese Bemerkung fand Ambrose überflüssig. Er schwieg einige Sekunden, ehe er murmelte: »Übrigens, Hampton will dich sehen.«
Charles runzelte die Stirn. »Weshalb?«
»Keine Ahnung. Der Colonel wollte sich mir nicht anvertrauen. Vielleicht bin ich ihm dafür nicht professionell genug. Zum Teufel, ich streit’s ja gar nicht ab. Ich habe mich nur gemeldet, weil ich gern reite und die Yankees hasse. Und weil ich nicht will, daß man mir irgendwann nachts ein Bündel Petticoats vor die Türschwelle legt, damit jeder weiß, hier wohnt ein Drückeberger.« Er seufzte. »Denk dran, daß wir heute abend mit Old Princey-Prince speisen.«
»Danke, daß du mich daran erinnert hast. Ich hatte es vergessen.«
»Sag Hampton, er soll dich nicht zu lang aufhalten, weil Seine Hoheit Pünktlichkeit von uns erwartet.«
Charles lächelte, als er Sport wegführte. »Das ist richtig. In dieser Armee rangieren Dinnerparties vor der Pflicht. Ich werde auf keinen Fall vergessen, den Colonel darauf aufmerksam zu machen.«
Obwohl Camp Hampton das Biwak eines Eliteregiments war, hatte es doch unter den üblichen Mißständen zu leiden, wie Charles vierzig Minuten später auf seinem Weg ins Regimentshauptquartier bemerkte. Anstatt in den extra zu diesem Zweck ausgehobenen Gruben lag der Müll überall in der Gegend herum. Der Gestank war um so schlimmer, weil der Nachmittag windstill war.
Er sah zwei Soldaten, trunken vom billigsten Fusel, aus dem unvermeidlichen Zelt des unvermeidlichen Marketenders gestolpert kommen. Er sah drei grell gekleidete Ladies, die eindeutig keine Offiziersfrauen oder Wäscherinnen waren. Charles hatte seit Monaten mit keiner Frau mehr geschlafen, aber er war noch nicht soweit, daß er sich mit diesen Schönheiten eingelassen hätte; jetzt, wo im Lager soviel über Tripper gejammert wurde.
Er kam an zwei jungen Gentlemen vorbei, deren Gruß so kurz war, daß es fast schon an Beleidigung grenzte. Noch ehe Charles ebenfalls salutiert hatte, stritten die Männer bereits wieder über den Preis eines Ersatzmannes, wenn einem selbst eine Wache ungelegen kam. Fünfundzwanzig Cents pro Woche war der übliche Betrag.
Das nächste Ärgernis begegnete ihm, als er an einen großen Pavillon gelangte, dessen Seiten wegen der starken Hitze und der Feuchtigkeit nach dem Regen hochgeschlagen waren. Drinnen lagen jene, die der Krieg schon gefällt hatte, noch ehe ein Schuß gefallen war. Überall breiteten sich Krankheiten aus; schlechtes Wasser verursachte schlimme Magenkrämpfe; kleine Opiumklümpchen linderten die Schmerzen nur unwesentlich. Charles hatte die Ruhr in Texas überlebt, was ihn keineswegs davon abhielt, noch eine weitere Woche in Virginia darunter zu leiden. Nun gab es eine neue Epidemie in der Armee: die Masern.
Er wehrte sich gegen den Wunsch, daß endlich der Kampf losgehen möge, doch als er das Gelände des Hauptquartiers betrat, konnte er nicht leugnen, daß er das Lagerleben satt hatte. Vielleicht würde es gar nicht mehr lange dauern, bis sich sein Wunsch erfüllte. General Patterson hatte Joe Johnston und dessen Männer aus Harpers Ferry rausgeworfen, und das Gerücht ging um, daß McDowell demnächst mindestens dreißigtausend Mann zu der strategischen Eisenbahnkreuzung von Manassas Gap verlagern würde.
Barker, der Regimentsadjutant, hatte noch beim Colonel zu tun, und so mußte Charles warten. Plötzlich kratzte er sich. Mein Gott, er hatte sie, er hatte sie tatsächlich.
Gegen sechs kam der Captain heraus, und Charles meldete sich bei dem Colonel, den er ungemein bewunderte – Wade Hampton: ein Millionär, ein guter Führer und trotz seines Alters ein ausgezeichneter Kavallerist. »Rühren, Captain«, sagte Hampton nach den Formalitäten. »Setzen Sie sich!«