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Charles nahm den Hocker vor Hamptons ordentlichem Schreibtisch, dessen eine Ecke für ein kleines Samtkästchen mit geöffnetem Deckel reserviert war. In dem Kästchen stand ein kleiner Silberrahmen, der eine Miniatur von Hamptons zweiter Frau Mary enthielt.

Der Colonel stand auf und streckte sich. Er war eine imponierende Erscheinung, über eins achtzig groß, breitschultrig und offensichtlich mit gewaltigen Kräften ausgestattet. Obwohl ein blendender Reiter, hatte er nichts übrig für diese Art von Spielchen, wie sie bei der First Virginia an der Tagesordnung waren. Dort führte Beauty Stuart das Kommando, den Charles auf der Akademie kennengelernt und sympathisch gefunden hatte. Jeb besaß Schneid, Hampton eine kraftvolle Entschlossenheit. Keiner von ihnen bezweifelte den Mut des anderen, doch ihr persönlicher Stil war so unterschiedlich wie ihr Alter, und Charles hatte gehört, daß ihre wenigen Treffen in kühler Atmosphäre verlaufen waren.

»Bedaure, daß ich nicht anwesend war, als Sie nach mir schickten, Colonel. Captain Barker wußte Bescheid. Ich brauchte ein Pferd.«

»Haben Sie eins gefunden?«

»Zum Glück ja.«

»Sehr gut. Ich würde Sie ungern für längere Zeit bei der Kompanie Q missen.« Hampton zog ein Papier aus einem Stapel auf seinem Schreibtisch. »Ich wollte Sie wegen eines weiteren Verstoßes gegen die Disziplin sprechen. Heute hat sich einer Ihrer Männer ohne Erlaubnis von der Truppe entfernt. Beim Morgenappell war er anwesend, fehlte aber beim zweiten Appell eine halbe Stunde später. Durch puren Zufall wurde er zehn Meilen von hier aufgegriffen. Ein Offizier erkannte die Uniform, hielt ihn an und fragte ihn nach seinem Ziel. Der junge Idiot sagte die Wahrheit. Er erklärte, er sei unterwegs, um an einem Pferderennen teilzunehmen.«

Charles knirschte mit den Zähnen. »Womöglich mit einigen First-Virginia-Kavalleristen?«

»Genau.« Mit den Fingerknöcheln rieb Hampton seinen buschigen Backenbart, so dunkel wie sein gewelltes Haar; der Backenbart ging nahtlos in einen prächtigen Schnurrbart über. »Das Rennen soll morgen abgehalten werden, in Sichtweite der feindlichen Linien – vermutlich um die Würze der Gefahr hinzuzufügen.« Er gab sich keine Mühe, seine Verachtung zu verbergen. »Der Soldat wurde unter Aufsicht zurückgebracht. Als Sergeant Reynolds ihn fragte, weshalb er die Truppe verlassen hatte, erwiderte er«, Hampton warf einen Blick auf das Papier, »›Ich wollte ein bißchen Spaß haben. Die First Virginia sind ein schneidiger Haufen mit guter Führerschaft. Sie wissen, die erste Pflicht eines Kavalleristen besteht darin, tapfer zu sterben.‹« Kühle, graublaue Augen richteten sich auf Charles. »Ende des Zitats.«

»Ich ahne, von welchem Mann Sie sprechen, Sir.« Der gleiche Mann, der den Unions-Gefangenen hatte töten wollen, den sie vor einigen Wochen gemacht hatten. »Cramm?«

»Richtig. Kavallerist Custom Dawkins Cramm der Dritte. Ein junger Mann aus einer reichen und bedeutenden Familie.«

»Und außerdem, der Colonel möge mir verzeihen, ein aristokratischer Splitter im Arsch.«

»Wir haben reichlich davon. Tapfere Jungs, denke ich, aber als Soldaten ungeeignet. Bis jetzt.« Der Zusatz deutete seine Absicht an, das zu ändern. Der Handrücken seiner anderen Hand klatschte auf das Papier. »Diese närrische Dummheit! ›Tapfer zu sterben‹. Das mag Stuarts Stil sein, aber ich ziehe es vor, zu siegen und zu leben. Zurück zu Cramm – ich bin ermächtigt, ein spezielles Kriegsgericht einzuberufen. Er ist jedoch Ihr Mann. Sie verdienen das Recht, die Entscheidung zu treffen.«

»Berufen Sie«, sagte Charles ohne Zögern. »Ich stelle mich zur Verfügung, wenn Sie erlauben.«

»Ich überlasse Ihnen den Vorsitz.«

»Wo ist Cramm jetzt. Sir?«

»In der Unterkunft. Er steht unter Arrest.«

»Ich denke, ich werde ihm die guten Nachrichten persönlich überbringen.«

»Tun Sie das bitte«, sagte Hampton; seine Augen straften seinen emotionslosen Ton Lügen. »Dieser Mann ist mir zu häufig unangenehm aufgefallen. Ein Exempel muß statuiert werden. McDowell wird bald losschlagen, und wir können unsere Kräfte nicht konzentrieren und den Feind überwältigen, wenn jeder einzelne Soldat das tut, was er will und wann er es will.«

»Stimmt genau, Colonel.« Charles salutierte und begab sich auf kürzestem Weg zu Gramms Zelt. Ein Soldat stand davor Wache. Ganz in der Nähe polierte Cramms schwarzer Leibdiener, alt und krumm, die Messingbeschläge eines großen Koffers.

»Corporal«, sagte Charles, »während der nächsten beiden Minuten hören und sehen Sie nichts!«

»Jawohl, Sir!«

Drinnen räkelte sich Kavallerist Custom Dawkins Cramm III. zwischen den vielen Büchern, die er mit ins Camp gebracht hatte. Er trug eine weitgeschnittene, weiße Seidenbluse – gegen die Vorschriften – und erhob sich nicht, als sein Vorgesetzter eintrat, sondern warf ihm lediglich einen verärgerten Blick zu.

»Stehen Sie auf!«

Cramm explodierte wie eine Bombe, schleuderte den teuren Band von Coleridge zu Boden. »Den Teufel werd’ ich. Ich war ein Gentleman, bevor ich mich eurer verdammten Truppe anschloß, ich bin immer noch ein Gentleman, und ich will verflucht sein, wenn ich mich weiterhin von Ihnen wie irgendein Niggersklave behandeln lasse.«

Charles packte ihn bei der eleganten Bluse und zerriß sie, als er Cramm auf die Füße stellte. »Cramm, Colonel Hampton hat mir vor fünf Minuten den Vorsitz über ein Sonderkriegsgericht übertragen. Ich werde mein Bestes tun, Ihnen die Höchststrafe zu verpassen – einunddreißig Tage harte Arbeit. Sie werden jede Minute davon ableisten, außer wir ziehen vorher gegen die Yankees los; und die werden Ihnen den Schädel wegblasen, weil Sie zu dämlich sind, um Soldat zu sein. Aber wenigstens werden Sie tapfer sterben.«

Er stieß Cramm so hart zurück, daß der junge Mann gegen sein Bibliotheksschränkchen knallte und im Fallen die hintere Zeltstange umriß. Auf einem Knie, die Stange umklammernd, funkelte ihn Cramm an. »Wir hätten einen Gentleman zu unserem Captain wählen sollen. Beim nächsten Mal werden wir das nachholen.« Mit rotem Gesicht marschierte Charles hinaus.

»Jetzt kommt’s, Gentlemen. Herrliche heiße Austern, wunderbar zubereitet, genau das Richtige für Sie.«

Mit einer umwerfenden Höflichkeit, die fast schon an Spott grenzte, beugte sich Ambrose Pells Sklave Toby vor, um kleine Appetithäppchen auf einem Silbertablett anzubieten. Toby war geholt worden, um den angeheuerten Dienern des Gastgebers behilflich zu sein; er war ungefähr vierzig, und im Gegensatz zu seiner unterwürfigen Haltung schimmerte in seinen Augen eine Art verschlagene Abneigung. Zumindest hatte Charles diesen Eindruck.

Das große, gestreifte Zelt des Gastgebers war angefüllt mit Kerzenschein und Musik – Ambrose spielte irgendein Stück von Mozart auf der besseren seiner beiden Flöten. Er spielte gut. Charles, gebadet und in sauberer Kleidung, fühlte sich jetzt schon wesentlich wohler. Der Ärger mit Cramm hatte ihn in schlechte Laune versetzt, aber die Entdeckung eines Paketes von Mont Royal hatte sie wieder vertrieben. Die Inschrift des leichten Kavalleriesäbels berührte ihn. Die mit vergoldeten Beschlägen verzierte Scheide schlug nun leicht gegen sein linkes Bein. Obwohl der Säbel nicht so praktisch war wie das in Columbia hergestellte Exemplar von Hampton, schätzte Charles ihn doch viel höher ein.

Mit einer winzigen Silbergabel rückte er der Auster zu Leibe. Er aß ein Stückchen und spülte dann mit dem ausgezeichneten Whiskey ihres Gastgebers und neuen Freundes, Pierre Serbakovsky, nach. Er und Ambrose hatten den untersetzten, großstädtischen jungen Mann während einer Zechtour durch Richmonds bessere Saloons kennengelernt.

Serbakovsky besaß den Rang eines Captains, zog es aber vor, mit ›Prinz‹ angeredet zu werden. Er gehörte zu einer Anzahl von europäischen Offizieren, die sich der Konföderation angeschlossen hatten. Der Prinz war Adjutant von Major Rob Wheat, Kommandant eines Zuavenregiments aus Louisiana mit dem Spitznamen ›Die Tiger‹. Das Regiment bestand aus dem Abschaum der Straßen von New Orleans; es gab keine Einheit in Virginia, die berüchtigter für Raub und Gewalttätigkeit gewesen wäre.