Выбрать главу

Im Eiltempo durchbrachen sie die Barrikaden aus menschlichen Leibern. Verschiedene Kontraktsuchende folgten Ripley die Treppen hinab, schrill wie Möwen, die ein Fischerboot jagen.

»Erfinder«, schäumte Ripley, als sie die Avenue überquerten. »Sollte jeden von ihnen in die Irrenhäuser zurückverfrachten lassen, aus denen sie entsprungen sind.«

Eine weitere Erfindung, die den Colonel zweifellos in Wut versetzte, schwebte über den Bäumen des Präsidentenparks. Seile hielten den leeren Beobachtungskorb am Boden fest. George erkannte die Enterprise, den Ballon, den sämtliche Illustrierten letzten Monat abgebildet hatten. Hier an Ort und Stelle war er erst vor wenigen Tagen vorgeführt worden, und es hieß, Lincoln hätte sich für seinen potentiellen Einsatz als Luftaufklärer interessiert.

Ripley paradierte durch die den Ballon angaffende Menschenmenge in einer Haltung, die deutlich zum Ausdruck brachte, daß er Autorität verkörperte. Sie entdeckten Simon Cameron, der sich mit einem dreißigjährigen Mann in langem Leinenrock unterhielt. Noch ehe die Vorstellung beendet war, schüttelte der junge Mann Georges Hand.

»Dr. Thaddeus Sobieski Constantine Löwe, Sir. Eine Ehre, Sie kennenzulernen! Obwohl ich von New Hampshire komme, kenne ich ihren Namen und Ihr hohes Ansehen in der Welt der Industrie. Darf ich Ihnen meinen Plan für ein Spionagenetz aus der Luft beschreiben? Ich hoffe auf Unterstützung interessierter Bürger, damit der kommandierende General überredet werden kann – «

»General Scott wird dem Plan seine Aufmerksamkeit schenken«, unterbrach Cameron. »Sie brauchen sich nicht um weitere Vorführungen dieser Art zu kümmern.« Hinter dem Lächeln des alten Politikers steckte die Andeutung, daß sie auf Regierungsgelände auch gar nicht zugelassen würden. »Wenn Sie mich entschuldigen, Doktor, ich habe mit unserem Besucher Geschäftliches zu besprechen.«

Und damit zog er George beiseite, als wären sie schon immer politische Partner und nicht Gegner gewesen. Ripley trabte hinter ihnen her. »Haben Sie sich mit dem Colonel angenehm unterhalten, George?«

»Das hab’ ich, Herr Minister.«

»Simon. Wir sind doch alte Freunde. Hören Sie – ich weiß, daß Sie und Stanley nicht immer gut miteinander auskommen. Aber jetzt ist Krieg; persönliche Dinge müssen da im Hintergrund bleiben. Ich denke niemals an die Vergangenheit. Wer damals zu Hause für mich gearbeitet und mich gewählt hat und wer nicht – « Nach dieser listigen Einführung begann Cameron zu predigen. »Ripley benötigt dringend einen Mann für die Artilleriebeschaffung. Jemand, der die Männer der Eisenindustrie versteht, der ihre Sprache spricht.«

Er sah George an und kniff die Augen gegen das grelle Julilicht zusammen. »Wenn wir diese Nation nicht auseinanderbrechen sehen wollen, dann müssen wir alle einen Teil der Last tragen, um sie zu erhalten.«

Halt mir keine Moralpredigten, du verdammter Gauner, dachte George. Gleichzeitig reagierte er merkwürdigerweise auf den Appell.

Ripley mischte sich ein, räusperte sich. »Nun, Hazard? Irgendeine Entschuldigung?«

»Sie waren mit ihren Informationen sehr entgegenkommend, Sir. Aber ich würde mir gern alles noch mal durch den Kopf gehen lassen.«

»Das ist nur fair«, stimmte Cameron zu. »Ich freue mich, bald von Ihnen zu hören, George. Ich weiß, Ihre Entscheidung wird eine gute Nachricht sein.« Noch einmal klopfte er seinem Besucher auf die Schulter, dann eilte er davon.

In Wirklichkeit hatte sich George bereits entschieden. Er würde nach Washington kommen, aber mit einer ganzen Menge Vorbehalte als Gepäck. Er fühlte sich nicht edel, lediglich albern und, folgerichtig, ein bißchen deprimiert.

Dann mietete sich George ein Pferd und ritt hinüber zur anderen Seite des Potomac, den Anweisungen folgend, die Brett ihm gegeben hatte. Captain Farmers Kompanie konnte er nicht finden. Da seine Geschäfte es erforderten, daß er den Zug um 7 Uhr abends nahm, kehrte er widerstrebend um. Überall um die Befestigungen herum sah er Zelte und exerzierende Männer. Es erinnerte ihn an Mexiko, mit einem Unterschied: Die Soldaten, die da so ungeschickt marschierten, waren sehr jung.

24

Mehrere Tage später nahm Isabel den Tee in dem Herrschaftshaus in der I-Street ein, in einem Raum, den sie gleich bei der ersten Hausinspektion für sich beansprucht hatte. Ab vier Uhr durfte sie eine Stunde lang von niemandem gestört werden, während sie ihren Tee schlürfte und die Zeitungen las.

Es war ein tägliches Ritual, das sie in diesem Stadtlabyrinth für lebenswichtig hielt, wenn man Erfolg haben wollte. Schnell von Begriff, kannte Isabel bereits gewisse Grundsätze des Überlebens. Man war besser ausweichend als aufrichtig. Enthülle niemals deine wahre Meinung; die falsche Person könnte es hören. Auch eine gewisse Sensibilität für wechselnde Machtverhältnisse war bedeutsam. Stanley besaß ungefähr die Sensibilität eines Käselaibes.

Heute entdeckte sie die gedruckte Rede des Präsidenten vor dem Kongreß zum Unabhängigkeitstag. Hauptsächlich Wiederholungen der Kriegsursachen. Natürlich schob Lincoln die ganze Schuld auf den Süden und stellte erneut fest, daß die Konföderation keinen strategischen Grund besessen hatte, Fort Sumter einzunehmen.

Isabel haßte den affenähnlichen Mann aus dem Westen, am meisten aber verabscheute sie ihn, als sie las, daß er nach legalen Mitteln suchte, um diesen Konflikt kurz und entscheidend auszutragen.

Legal, wo er gerade Scott befohlen hatte, die Habeas-Korpus-Akte in gewissen Militärbezirken zwischen Washington und New York außer Kraft zu setzen? Die Erklärungen des Mannes waren reines Geschwätz. Er benahm sich bereits wie ein absoluter Herrscher.

Zwei Absätze der Rede erfreuten sie. Obwohl Lincoln auf einen kurzen Krieg hoffte, hatte er den Kongreß gebeten, ihm vierhunderttausend Mann zur Verfügung zu stellen. Isabel sah achthunderttausend Jefferson-Stiefel vor sich.

Weiterhin sprang der Präsident nicht sehr sanft mit den Militärakademien um:

Es verdient auch Beachtung, daß in dieser Stunde der Bewährung eine große Anzahl von Männern, die in der Armee und der Marine zu Offizieren auserwählt worden waren, ihren Abschied genommen und die Hand weggestoßen haben, die sie großgezogen hat.

Großartig. Wenn ihr selbstgefälliger Schwager erschien, dann konnte sie vielleicht aus der wachsenden Anti-West-Point-Stimmung Kapital schlagen. Als sie und Stanley aus New England zurückkehrten, hatte sie die Nachricht erwartet, daß George in die Stadt kommen würde. George blieb ein West-Point-Loyalist, aber viele einflußreiche Leute wollten diese Institution abgeschafft sehen. Die meisten, die dieses Ziel verfolgten, gehörten zu einer sich neu formierenden Clique: einer Allianz aus Senatoren. Kongreßabgeordneten und Kabinettsoffizieren vom extremen Abolitionistenflügel der Republikanischen Partei. Kate Chases Vater gehörte dazu, so hieß es, ebenso das alte Wrack aus Isabels Heimatstaat, der Kongreßabgeordnete Thad Stevens. Ihr war noch nicht klar, wie sie diese Information gegen George einsetzen würde, aber tun würde sie es auf jeden Fall. Sie wußte bereits gewisse Fakten über diese neue radikale Gruppe; zu den wichtigsten Fakten gehörte, daß der verschlagene Mr. Cameron hier nicht viel zählte.

Die Radikalen liebäugelten mit einem aggressiven Krieg und harten Bedingungen, sobald er gewonnen war. Lincoln hatte andere Ansichten, was Krieg und Sklaverei anbelangte. Er wollte nicht alle Neger befreit haben, damit sie herumwüteten und vergewaltigten und den Weißen die Stellen wegnahmen. Isabel wollte das genausowenig. Das aber hinderte sie nicht daran, die Frauen der Radikalen zu hofieren, falls ihr das einen Vorteil einbrachte.

Beim Abendessen sprach sie über Lincolns Rede. »Er sagt genau das gleiche, was wir von verschiedenen Kongreßabgeordneten gehört haben. West Point hat auf Kosten der Öffentlichkeit Verräter ausgebildet und sollte geschlossen werden. Diese Stimmung ließe sich vielleicht gegen deinen Bruder einsetzen.«