Stanleys ungewöhnlich gute Laune machte sie wütend – er hatte nicht aufgehört zu grinsen, seit er heimgekommen war –, und seine stumpfsinnige Antwort reizte sie noch mehr. »Warum sollte ich George jetzt etwas antun?«
»Hast du all seine Beleidigungen vergessen? Und die seiner Frau?«
»Nein, natürlich nicht, aber – «
»Angenommen, er kommt her und fängt an, sich breitzumachen, wie es seine Art ist?«
»Na und? Das Waffenamt ist dem Kriegsministerium unterstellt. Ich besitze einen höheren Rang als er. Und ich stehe Simon nahe, vergiß das nicht.«
Hielt der Narr das vielleicht für einen sicheren Platz? Bevor sie ihn anfahren konnte, sprach er weiter: »Genug von George. Ich habe mit der heutigen Post zwei gute Nachrichten erhalten. Diese Anwälte, die wir in Lynn beauftragt haben – absolute Scharlatane, aber sie haben den richtigen Leuten Geld zugesteckt. Der Besitztransfer wird schnell und reibungslos über die Bühne gehen. Auch von Pennyford hab’ ich gehört. Noch in diesem Monat hat er die Fabrik für den Betrieb mit Doppelschicht bereit und die Hilfskräfte sind gar kein Problem. Für jede Stelle gibt es zwei oder drei Bewerber. Kinder können wir sogar noch billiger anheuern.«
»Wie wunderbar«, sagte sie höhnisch. »Wir haben alles, was wir brauchen. Bis auf einen Kontrakt.«
Seine Hand schoß in die Tasche. »Auch den haben wir.«
Isabel war selten sprachlos, aber jetzt war sie es. Stanley reichte ihr das von einem Band zusammengehaltene Dokument, als hätte er es in der Schlacht erbeutet. »Wie – sehr schön.« Sie sagte es schwach, weil sie es nicht so meinte; er hatte den Kontrakt aus eigener Kraft erhalten. Verwandelte diese Stadt oder diese Stelle ihn in etwas, was er nie zuvor gewesen war? In einen richtigen Mann? Allein die bloße Möglichkeit war sehr verwirrend.
25
Serbakovsky war tot.
In der ersten Juliwoche legten ihn Offizierskameraden in einen schlichten Piniensarg. Zwei bärtige Männer in reichlich mit Tressen besetzten Uniformen erschienen mit einem Wagen und einem Zivilkutscher. Zwei Russen, die nur sehr gebrochen englisch sprachen, trugen einen Geleitbrief bei sich, von der Union ebenso unterzeichnet wie von der Konföderation. Die Leichtigkeit, mit der sie aufgrund einer Kurierbotschaft von Washington aus angereist waren, bestätigte, was Charles bereits häufiger gehört hatte: Die feindlichen Linien zu überwinden, egal in welcher Richtung, war keineswegs schwierig.
Der fröhliche Prinz, der dem Tod schon auf vielen Schlachtfeldern ins Auge geschaut hatte, war von einer Kinderkrankheit dahingerafft worden. Die Soldaten starben daran in epidemischen Ausmaßen. Die Opfer standen zu früh auf, glaubten, die Masern überwunden zu haben, und wurden dann von tödlichem Fieber befallen. Die Ärzte schienen hilflos.
Der Wagen quietschte in der heißen Dämmerung davon, und Ambrose und Charles gingen zum Marketender, um sich zu besaufen.
Wieder bei ihrem Zelt, erwartete sie eine unangenehme Überraschung. Toby war verschwunden, zusammen mit den besten Stiefeln seines Herrn und vielen persönlichen Habseligkeiten. Wütend marschierte Ambrose zum Hauptquartier, während Charles rein auf Verdacht zum nicht weit entfernten Lager der Tiger ritt. Und natürlich war auch das Pavillonzelt des Prinzen mitsamt dessen Dienern verschwunden.
»Ich wette mit dir um meinen Jahreslohn, daß Toby und dieses Pärchen zusammen abgehauen sind«, sagte er später zu Ambrose.
»Eindeutig. Die Belgier können so tun, als wäre Toby ihr Nigger, und ihn über den Potomac geradewegs in Old Abes Schoß schmuggeln. Der Colonel hat mir Erlaubnis gegeben, das Camp zu verlassen und mein Eigentum zurückzuholen. Aber er sagte, ich brauchte auch deine Erlaubnis.« Sein Gesichtsausdruck deutete an, daß Charles ihm die besser nicht vorenthalten sollte.
Charles sank auf sein Bett und knöpfte sein Hemd auf. Der Tod, die Diebstähle, das Warten – all das deprimierte ihn. Er glaubte nicht, daß Toby gefunden werden konnte, er war sich nicht mal sicher, ob man überhaupt den Versuch unternehmen sollte, aber er brauchte Tapetenwechsel.
»Verdammt, wenn es irgendwie geht, komm’ ich mit dir.«
»Bei Gott, Charlie, du bist ein echter weißer Mann.«
»Gleich morgen früh spreche ich mit dem Colonel«, versprach er, voller Sehnsucht nach Schlaf und Vergessen.
»Ich habe nichts dagegen, daß Sie Pell helfen«, sagte der Colonel am nächsten Morgen, »vorausgesetzt, Ihr anderer Offizier und Ihr Erster Sergeant kommen mit der Ausbildung zurecht.«
»Problemlos. Sir – obwohl ich ungern fehlen würde, wenn wir in den Kampf ziehen.«
»Ich weiß nicht, wann und ob wir kämpfen werden«, erwiderte Hampton ungewöhnlich zornig. »Niemand sagt mir irgendwas. Wenn Sie nach Norden reiten, dann sind Sie den Yankees näher als ich – vielleicht erleben Sie ein paar Aktionen. Lassen Sie sich von Captain Barker einen Paß ausstellen, und kommen Sie so schnell wie möglich zurück.«
Dunkle Ringe der Müdigkeit zeigten sich um Hamptons Augen. Tagsüber ein Regiment zu kommandieren und abends die Empfänge in Richmond zu besuchen forderte seinen Preis.
Er und Ambrose brachen um acht Uhr auf. Sport tänzelte durch den kühlen Morgen. Der Wallach war ausgeruht und gesund; dem Regiment stand Korn im Überfluß zur Verfügung, und in der Nähe des Lagers gab es reichlich Weiden.
Charles hatte sich nie für fähig gehalten, irgend jemanden oder irgend etwas tief und aufrichtig zu lieben, aber er empfand eine immer stärker werdende Zuneigung für den munteren kleinen Grauen. Er merkte es, als er für das Geld, das er normalerweise vertrank, Melasse kaufte, um sie in Sports Futter zu mischen; Melasse verlieh einem Pferd zusätzliche Energie. Er merkte es daran, daß er den Grauen eine Stunde lang mit dem weichsten Tuch abrieb, das er finden konnte; fünfzehn Minuten wären ausreichend gewesen. Vor allem merkte er es, als ein achtloser Unteroffizier zur Fütterung Sport mit den braunen Stuten der Truppe zusammenbrachte. Ein Kampf brach aus, und Charles stürzte sich zwischen die schnaubenden Pferde, um den Grauen in Sicherheit zu bringen. Er erteilte dem Unteroffizier eine Lektion und machte ihm dann klar, daß zur Fütterung niemals Stuten und Wallache zusammenkommen dürften.
Heute wehte eine milde, sanfte Brise, die Luft war einfach zu herrlich, als daß irgendwo Krieg hätte sein können. Bei kleinen Farmen forschten sie nach den Flüchtlingen; es war leicht, der Spur zu folgen. Verschiedene Patrouillen wollten ihre Pässe sehen, und Charles bestand darauf, daß sie den Pferden häufig Wasser gaben; im Sommer brauchte ein Tier mindestens zwölf Gallonen täglich.
Und weiter ritten sie, die Blue-Ridge-Berge und den Sonnenuntergang zur Linken. Als Ambrose seine monotone Version von ›Young Lochinvar‹ begann, stimmte Charles begeistert ein.
Am nächsten Morgen überschritten sie die Grenze zum Fairfax County, näherten sich Old Borys Basis bei Manassas Junction, einer kleinen Station ohne wirklichen Wert, aber von beträchtlicher strategischer Bedeutung; hier traf die vom Shenandoah kommende Manassas-Gap-Bahnlinie auf die Orange und Alexandria-Linie. Die Spur hatte sich einfach im Nichts verloren. Sie trafen niemanden, der zwei Weiße und einen Schwarzen entsprechend ihrer Beschreibung gesehen hatte. Hier oben in der Nähe von Linkumland gab es einfach zuviel winzige Sträßchen und Verstecke.
Gegen zwei sagte Charles: »Kein Sinn, weiterzureiten. Wir haben sie verloren.«
Ambrose seufzte. »Verdammt will ich sein, wenn ich es zugebe, aber ich glaube, du hast recht.« Er blinzelte in das grelle Licht. »Was hältst du von einem Halt bei dieser Farm an der Biegung? Meine Feldflasche ist leer.«
»In Ordnung, aber danach kehren wir um. Ich dachte, ich hätte vorhin eben auf diesem Kamm was Blaues aufblitzen sehen.« Er hatte keine Ahnung, wie nahe sie den Yankee-Linien waren. Zuverlässige Karten existierten nicht.