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Erneut rannte Charles zum Nordfenster. Er konnte nun die sich im Galopp nähernden Reiter deutlich erkennen. Ein halbes Dutzend Männer, alle dunkelblau gekleidet. Unter seiner grauen Jacke begann der Schweiß zu laufen.

Der Farmer kam wieder herunter. »Gibt es in der Küche Wasser?« fragte Charles die Frau.

»Ein Eimer und eine Schöpfkelle.«

»Füllen Sie die Schöpfkelle, und her damit. Dann verhaltet euch beide still.«

Augenblicke später schlenderte er hinaus auf die Veranda, Schrotflinte in der linken Armbeuge, Schöpfkelle in der rechten Hand. Die Reiter reagierten auf seinen Anblick, indem sie Säbel und Seitengewehre zogen. Der Lieutenant, der das Kommando führte, hielt die Hand hoch.

Der Moment, in dem Charles hätte erschossen werden können, ging so schnell vorüber, daß er es gar nicht richtig mitbekam. Er lehnte sich gegen einen der Verandapfosten; in seinen Ohren dröhnte das Hämmern seines Herzens.

26

Die Reiter drängten von der Straße heran; die leichte Brise wehte den aufgewirbelten Staub davon. Die Mündungen mehrerer Armeerevolver zeigten auf Charles’ Brust.

In der Hitze rot wie ein Apfel, dirigierte der Lieutenant sein Pferd zur Veranda. Charles trank von der Schöpfkelle, ließ dann seine Hand fallen. Er preßte seinen rechten Ärmel gegen die Rippen, um ein Zittern zu verbergen. Er hatte den jungen Unionsoffizier zuvor schon gesehen.

»Guten Tag, Sir«, sagte der Lieutenant. Seine Stimme kippte über, wurde hoch und schrill. Charles verkniff sich jedes Lachen oder Lächeln. Ein nervöser Mann oder ein gedemütigter – reagiert oft unüberlegt.

»Guten Tag«, erwiderte er mit freundlichem Nicken. Sein Blick wanderte von Gesicht zu Gesicht. Vier der Yanks waren kaum alt genug, um sich rasieren zu müssen. Zwei wichen seinem Blick aus; sie stellten keine Gefahr dar.

Charles wartete und zwang so den anderen zur Vorstellung. »Zweiter Lieutenant Prevo. Georgetown Berittene Dragoner, Department von Washington, zu Ihren Diensten.«

»Captain Main, Wade-Hampton-Legion. Ihr Diener.«

»Darf ich fragen, Sir, was ein Rebellenoffizier so nahe am Potomac zu suchen hat?«

»Ich lege keinen großen Wert auf die Bezeichnung Rebell, Sir, doch die Antwort auf Ihre Frage ist simpel. Mein Negersklave, den ich aus South Carolina mitgebracht hatte, ist mir vorgestern fortgelaufen – in Richtung der gesegneten Freiheit des Yankeeterritoriums, wie ich vermute. Ich bin gerade zu dem Schluß gelangt, daß ich ihn nicht mehr erwischen werde. Die Spur ist kalt geworden.«

Der Lieutenant deutete auf die beiden angebundenen Pferde. »Wie ich sehe, haben Sie sich nicht allein auf die Verfolgung gemacht.«

»Mein Erster Lieutenant ist drinnen und schläft.« Wo zum Teufel hatte er diesen grünen Jüngling schon mal getroffen?

»Sie sagen, Ihr Niggersklave ist weggerannt?«

»Diese Rebs genießen allen Luxus, was. Lieutenant?« sagte ein bissiger Corporal mit einer gewaltigen Dragonerpistole. Damit konnte er Charles in Stücke schießen. Ein übler Bursche. Er mußte ein Auge auf ihn haben.

Charles’ Taktik bestand darin, den Corporal zu ignorieren, und so sagte er zu dem Offizier: »Ja, und ich bin verdammt ärgerlich deswegen.«

Der Corporal blieb hartnäckig. »Darum dreht sich doch der ganze Krieg, oder? Ihr Jungs wollt eure Schuhputzer nicht verlieren, oder diese Niggermädels, die Ihr jederzeit vögeln könnt.«

Der Lieutenant wollte den Unteroffizier zurechtweisen. Ehe er dazu kam, warf Charles die Schöpfkelle in den Dreck, »Lieutenant Prevo, lassen Sie Ihren Mann absteigen, dann werde ich ihm die Antwort auf seine Bemerkung geben, in einer Weise, die er versteht.« Er starrte den Corporal an, während seine Hand zum Säbelgriff fuhr. Es wäre dumm, wenn er sich in einen Kampf hineinmanövrieren würde, doch wenn sie Lunte rochen, abstiegen und überall herumschnüffelten, dann war Mrs. Barclay erledigt.

»Nicht notwendig. Sir«, sagte Prevo. »Mein Corporal wird den Mund halten.« Der Unteroffizier starrte Charles murrend an. Der Yank-Offizier entspannte sich etwas. »Ich gestehe, daß ich Ihren Gefühlen nicht verständnislos gegenüberstehe, Captain. Ich komme aus Maryland. Mein Bruder hat dort auf seiner Farm zwei Sklaven, die ebenfalls weggerannt sind. Als diese Einheit zusammengestellt wurde, weigerte sich ein Drittel der Jungs, den Eid abzulegen, und nahm den Abschied. Auch ich geriet in Versuchung. Da ich es nicht tat, habe ich meine Pflicht zu erfüllen.« Wieder wechselte seine Stimmung. »Aber ich kann mich des Gefühls nicht erwehren, daß wir uns schon mal begegnet sind.«

»Nicht in Maryland?« Plötzlich funkte es bei ihm. »West Point?«

»Bei Gott, das ist es. Sie waren –?«

»Jahrgang ‘57.«

»Ich fing kurz vor Ihrer Graduierung an.« Prevo machte eine Pause. »Mir hat es dort sehr gefallen. – Nun, das Geheimnis wäre geklärt. Wenn Sie uns nun entschuldigen, dann kümmern wir uns wieder um unsere Arbeit.«

»Sicher.«

»Wir verfolgen eine Schmugglerin. Wir glauben, sie hat Medizin aus dem Bezirk geschmuggelt und diesen Weg eingeschlagen. Entlang dieser Straße durchsuchen wir jede Farm.« Er machte sich daran, abzusteigen.

»Schmugglerin?« Charles hoffte, sein unterdrücktes Lachen klang überzeugend. »Sparen Sie sich die Mühe, Lieutenant. Ich bin seit einer Stunde hier, und ich gebe Ihnen mein Wort, daß keine solche Person im Haus ist.«

Prevo blieb im Sattel, zögerte. Die Mündungen der Gewehre blieben auf Charles gerichtet.

»Mein Wort als Offizier und Mann der Akademie«, sagte Charles lässig und ungezwungen, was die sorgfältig eingeschränkte Wahrheit, wie er hoffte, überzeugend klingen ließ.

Sekunden vergingen. Prevo atmete tief durch. Es hatte nicht funktioniert. Was würden sie nun –?

»Captain Main, ich akzeptiere Ihr Wort und danke Ihnen für Ihre Kooperation, die Kooperation eines Gentleman. Wir haben noch viel vor uns, und Sie haben uns Zeit erspart.«

Er schob seinen Säbel in die Scheide, brüllte Befehle, und der Trupp donnerte zurück zur Straße und dann weiter nach Süden. Das enttäuschte Gesicht des Corporals tauchte im Staub unter. Charles hob die Schöpfkelle auf und lehnte sich gegen den Pfosten, vor Erleichterung ganz benommen.

27

Charles wartete zehn Minuten, für den Fall, daß die Soldaten zurückkehrten, dann rief er Augusta Barclay zu, sie könne aus ihrem Versteck kommen, und pfiff hinüber zum Wäldchen nach Ambrose. »Laß den Buggy dort. Diese Yankees könnten den gleichen Weg zurück nehmen.«

»Ich vermute, Ihre Beredsamkeit war sehr überzeugend, Captain«, sagte Augusta, während sie Holzsplitter von ihrem Rock bürstete.

»Ich gab ihnen mein Wort, daß sich keine Schmugglerin im Haus befindet.« Er schätzte die Entfernung zwischen dem weißen Gebäude und dem Holzschuppen ab. »Einer direkten Lüge bin ich um ungefähr sieben Fuß entgangen.«

»Klug von Ihnen.«

»Dieses Kompliment verschönt mir den Tag, Ma’am.«

Er wollte nicht bissig klingen, aber es kam so heraus, als die Spannung der letzten halben Stunde in ihm nachließ. Er drehte sich um und beugte sich schnell über den Wassertrog, um sich das Gesicht zu waschen. Warum zum Teufel war es ihm nicht vollkommen egal, was sie sagte oder nicht sagte?

Eine Berührung an seiner Schulter. »Captain?«

»Ja?«

»Es steht Ihnen zu, ärgerlich zu sein. Ich habe mich zuvor mehrmals im Ton vergriffen. Sie waren tapfer und haben uns einen wertvollen Dienst erwiesen. Ich schulde Ihnen Dank und eine Entschuldigung.«

»Sie schulden mir weder das eine noch das andere, Mrs. Barclay. Es ist auch mein Krieg. Und jetzt würde ich vorschlagen, Sie gehen hinein und bleiben drinnen, bis es dunkel ist.« Sie reagierte mit einem leichten Nicken und hielt mit ihren blauen Augen seinen Blick fest. Tief in sich spürte er einen unvertrauten Widerhall, beunruhigend.