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»Ich hab’ nichts anzuziehen.«

»Wir borgen uns ein Kleid für dich.«

»Ich habe überhaupt kein Geld.«

»Macht nichts. Ich hab’ welches. Betrachte es als Geschenk.«

»Du brauchst nicht – «

»Doch, doch. Und jetzt sei still. Ich möchte, daß du dich besser fühlst. Du bist eine attraktive Frau.«

Das brachte schließlich ein Lächeln hervor – voll von verächtlichem Zweifel. Ärgerlich wandte sich Brett ab. »Schlaf gut. Bis morgen.«

Virgilia blieb regungslos sitzen, wie eine Gartenstatue. Brett kam zu dem Schluß, daß sie umsonst einen Abend geopfert hatte.

Noch lange nachdem sich die Tür geschlossen hatte, saß Virgilia mit im Schoß gefalteten Händen da. Nie hatte jemand das Wort attraktiv auf sie angewendet. Niemand hatte sie je als hübsch bezeichnet. Sie war weder das eine noch das andere, und sie wußte es. Und doch, wie sie so ihr vom Gaslicht erhelltes Bild anstarrte, sah sie eine neue, wunderbare Frau vor sich. Ein Klumpen formte sich in ihrer Kehle.

Als Brett sagte, sie wolle ihr helfen, da war Virgilias erste Reaktion Mißtrauen, dann nur noch erschöpfte Gleichgültigkeit gewesen. Nun, vor dem Spiegel, rührte sich etwas tief in ihr. Kein Glücksgefühl; dazu war sie selten fähig und jetzt schon gar nicht. Man hätte es Interesse nennen können. Neugier. Egal, was für einen Namen man dafür benutzte, es war eine kleine Knospe des Lebens, die unerwartet durch harten Boden brach.

Sie erhob sich, öffnete den Morgenrock, um sich zu betrachten.

Mit einem Korsett wären ihre Brüste gar nicht übel. Die schlimme Hungerszeit, die sie nach dem Verkauf des letzten Stücks von dem gestohlenen Tafelsilber hatte erdulden müssen, hatte sie schlank gemacht.

Sie ließ den Morgenrock fallen. Ganz plötzlich überwältigt machte sie einen kleinen Schritt nach vorn. Eine zitternde Hand kam hoch, streckte sich, berührte das wunderbare Spiegelbild. Ihre Augen füllten sich mit Tränen.

In dieser Nacht fand sie nur schwer Schlaf. Gegen Mitternacht zog sie die Vorhänge auf, damit das Morgenlicht sie wecken würde. Mit Nachthemd und Morgenrock bekleidet saß sie wartend im Speisezimmer, als Brett erschien.

32

Am Sonntagmorgen erwachte George um fünf. Er schlüpfte aus dem Bett – nicht unbedingt leise. Seine Aktivitäten weckten bald schon Constance und die Kinder. »Du bist aufgeregt wie ein Junge«, sagte Constance, während sie sich in ihre Kleider kämpfte.

»Ich möchte die Schlacht sehen. Die halbe Stadt rechnet damit, daß es die erste und letzte dieses Krieges ist.«

»Du auch, Pa?« fragte sein Sohn, genauso aufgekratzt und aufgeregt wie sein Vater.

»Ich würde keine Prognose wagen.« Er schnallte sich den alten Armeewaffengurt um und überprüfte, ob der Colt, Modell 1847, sicher im Halfter steckte.

»William, hol meine Reiseflasche Whiskey, und paß auf sie auf. Patricia, hilf deiner Mutter mit dem Lunchkorb. Ich hole die Kutsche.«

Patricia zog ein Gesicht. »Ich möchte lieber bleiben und lesen und die Kühe auf der Promenade füttern.«

»Komm, komm«, sagte Constance. »Dein Vater hat alle Vorbereitungen getroffen. Wir fahren.«

Und mit ihnen, wie es schien, der größte Teil der Bevölkerung von Washington. Selbst zu dieser frühen Stunde wartete eine lange Schlange von Reitern und Fahrzeugen am Stadtrand von Long Bridge, während die Wachen die Pässe kontrollierten. Endlich waren die Hazards ganz vorn angekommen. George zeigte seinen Paß vom Kriegsministerium. »Ganz schöner Verkehr heute morgen.«

»Und noch mehr vor Ihnen, Captain. Seit Stunden kommen sie schon durch.« Der Wachtposten salutierte und winkte ihre Kutsche weiter.

Sie überquerten den Fluß; George ging geschickt mit den beiden Gäulen um, die zu dem Mietwagen gehörten, der ihn unverschämte dreißig Dollar pro Tag kostete. Er hatte ohne zu protestieren bezahlt und konnte sich noch glücklich schätzen; auf der schlechten Straße waren noch viel schlimmere Vehikel unterwegs.

Der Weg war nicht gerade kurz; sie mußten ungefähr fünfundzwanzig Meilen Richtung Südwest zurücklegen, um die Armeen zu entdecken. Nach zwei bis drei Stunden Fahrt kamen sie an Maisfeldern, kleinen Farmen und baufälligen Hütten vorbei. Weiße und Schwarze beobachteten die Kavalkade gleichermaßen erstaunt.

McDowells Marsch hatte die Straße aufgerissen. Constance und die Kinder schwankten und hüpften; Patricia jammerte laut über die Unbequemlichkeit und den weiten Weg.

Ein Reiter galoppierte an der linken Seite der Kutsche vorbei. George erkannte einen Senator. Er hatte bereits drei bekannte Senatsangehörige gesehen. Sie waren immer noch einige Meilen von Fairfax entfernt, als William aufgeregt an Georges Ärmel zupfte. »Pa, hör doch!«

Inmitten all des Lärms hatte George das ferne Grollen überhört. »Das ist Artillerie.« Constance legte ihren Arm um Patricia. Georges Rückgrat kribbelte, und er erinnerte sich an Mexiko. Berstende Geschosse. Stürzende Männer. Die durchdringenden Schreie der Verwundeten; die verlorenen Schreie der Sterbenden. Er erinnerte sich an die Granate, die die Hütte an der Churubusco Road wegfegte – und den Arm seines Freundes Orry. Er schloß die Augen, um die Erinnerungen auszulöschen.

Weiter vorne schien es irgendwelche Schwierigkeiten zu geben, die Kolonne staute sich. Riesige Staubwolken wogten.

»Guter Gott, was ist das?« sagte er, als Unionstruppen in Richtung Washington anmarschiert kamen und Fahrzeuge, einschließlich der Kutsche, an den Straßenrand drängten.

»Wer seid ihr?« brüllte George einem Corporal zu, der einen hochaufgetürmten Gepäckkarren fuhr.

»Fourth Pennsylvania.«

»Ist die Schlacht vorbei?«

»Keine Ahnung, aber wir gehen heim. Unsere Verpflichtungszeit ist gestern abgelaufen.«

Der Corporal fuhr weiter, gefolgt von Haufen von daherschlendernden Freiwilligen, die viel lachten und ihre Waffen wie Spielzeuge behandelten. In mehr als einer Mündung steckten Feldblumen.

Hinter Fairfax hielten die Picknicker aus Washington auf einen dünnen blauen Dunst zu, der über der noch Meilen entfernten Kammlinie dahintrieb. Das Donnern der Artillerie wurde lauter. Gegen Mittag begann George auch das Krachen von Gewehren zu hören.

Sie fuhren durch Centreville und den Warrenton Turnpike hinunter, bis sie auf viele andere Kutschen und Pferde trafen. Ein Armeekurier galoppierte vorbei und brüllte, sie sollten besser nicht weiterfahren.

»Ich kann nichts sehen, Pa«, beschwerte sich William, als George die Pferde nach links zog, auf der Suche nach einem freien Plätzchen. Er sah so viele ausländische Uniformen und hörte so viele Fremdsprachen, daß es leicht für einen Diplomatenball gereicht hätte. Immer noch erkannte er viele Washingtoner, einschließlich Senator Trumball aus Illinois, der in großer Gesellschaft anwesend war.

Er seufzte auf, als er an einer bekannten Gruppe vorbeikam. »Guten Morgen, Stanley«, rief er und fuhr weiter. Er war dankbar, daß auf keiner Seite von Stanleys Wagen Platz war.

»Ich kann immer noch nichts sehen«, protestierte William.

»Das mag sein, aber näher gehen wir nicht heran«, sagte George. »Hier ist ein Plätzchen.« Müde und erhitzt bog er am Ende der Fahrzeugreihe ein. Auf seiner Uhr war es zehn nach eins. Ihr Ausblick auf die Schlacht bestand aus einem Panorama ferner, dichter Rauchwolken.

»Sie schießen nicht mehr.« Constance klang erleichtert, als sie die Decke ausbreitete. Konnte es schon vorbei sein? George sagte, er versuche, einige Informationen einzuholen. Zu Fuß machte er sich auf den Weg.

Er erreichte die Straße und hielt Ausschau nach jemandem, der halbwegs vertrauenswürdig aussah. Nach ein paar Minuten kam ein leichter Zweiradwagen von der Brücke über den Cub Run den Hügel hochgerattert.

Der Wagen hielt an der gegenüberliegenden Straßenseite. Ein stattlicher, gutgekleideter Zivilist setzte seinen an einer Kette hängenden Kneifer auf. Unter dem Sitz holte er Schreibblock und Bleistift hervor. George überquerte die Straße.