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»Sie war zweiundvierzig. Hat nie viel vom Leben gehabt«, sagte Brown. Es war eine Feststellung, keine Bitte um Mitleid.

Constance traf Scipio Brown bei dem Empfang für Dr. Delany, den Pan-Afrikaner. Delany hatte den jungen Brown mitgebracht. Im Gespräch mit Brown waren George und Constance von seinem Benehmen ebenso fasziniert wie von seiner Geschichte und seinen Ansichten.

Als Brown sagte, er sei ein Jünger von Martin Delany, fragte Constance: »Sie meinen, Sie würden das Land verlassen und nach Liberia oder einen ähnlichen Ort gehen, wenn Sie die Chance bekämen?«

Brown trank einen Schluck Tee. »Vor einem Jahr hätte ich auf der Stelle ja gesagt. Heute bin ich mir nicht mehr so sicher. Amerika ist aufs schärfste gegen Neger eingestellt, und ich denke, so wird es auch noch für einige Generationen bleiben. Aber ich rechne trotzdem mit Verbesserungen.«

George sagte: »Ich gebe zu, daß Ihre Rasse unsägliche Leiden erdulden mußte. Aber würden Sie nicht auch meinen, daß Sie persönlich Glück gehabt haben? Sie wuchsen in Freiheit auf, und Sie haben Ihr ganzes Leben so verbracht.«

Überraschenderweise verriet Browns Miene Ärger. »Glauben Sie ehrlich, das macht irgendeinen Unterschied, Major Hazard? Jeder Farbige in diesem Land wird von den Ängsten der Weißen versklavt und der Art und Weise, wie diese Ängste das Verhalten der Weißen beeinflussen. Ich bin ein schwarzer Mann. Dieser Kampf ist mein Kampf.«

Leicht gereizt sagte George: »Wenn Ihnen dieses Land so übel erscheint, was hält Sie dann davon ab, es zu verlassen?«

»Ich dachte, das hätte ich Ihnen gesagt. Die Hoffnung auf Veränderung.«

»Also die Hoffnung auf Veränderung hält Sie hier«, fing Constance an.

»Das und meine Verantwortung. Hauptsächlich die Kinder halten mich hier fest.«

»Ah, Sie sind verheiratet.«

»Nein, das bin ich nicht.«

»Aber wessen –?«

Ein Ruf von Kate Chase unterbrach den Satz. Dr. Delany hatte sich bereiterklärt, kurz zu sprechen. Die attraktive Tochter des Ministers äußerte den Wunsch, die Gäste möchten ihre Tassen und Teller füllen und sich einen Platz suchen.

Am Serviertisch, wo ein junges schwarzes Dienstmädchen Brown einen bewundernden Blick zuwarf, sagte George: »Ich würde gern mehr von Ihren Ansichten hören. Wir wohnen im Willard.«

»Ich weiß.«

»Würden Sie dort abends mal mit uns zusammen speisen?«

»Besten Dank, Major, aber ich glaube, die Geschäftsleitung würde das gar nicht gern sehen. Die Willardbrüder sind anständige Männer, aber schließlich bin ich einer ihrer Angestellten.«

»Sie sind was?«

»Ich bin Portier im Willard-Hotel. Der beste Job, den ich hier finden konnte.«

»Willard’s«, murmelte George. »Ich bin sprachlos. Sind wir uns mal in der Halle oder in den Fluren begegnet?«

Brown führte sie zu den Stühlen. »Dutzende von Malen. Sie mögen mich anschauen, aber Sie sehen mich nie. Das ist ein Privileg der Farbe. Mrs. Hazard, möchten Sie hier Platz nehmen?«

Zu weiterer Unterhaltung fanden sie keine Gelegenheit. Aber seine Anspielung auf die Kinder hatte Constances Neugier geweckt. Am nächsten Nachmittag suchte sie ihn im Hotel; sie fand ihn, wie er die Sandurnen von Abfall und Zigarrenstummeln reinigte. Die starrenden Leute in der Hotelhalle ignorierend, bat sie Brown um eine Erklärung.

»Die Kinder sind Flüchtlinge, das, was dieser schieläugige General Butler als Konterbande bezeichnet. Zur Zeit ergießt sich ein schwarzer Strom aus dem Süden. Manchmal flüchten Kinder zusammen mit ihren Eltern, und dann gehen die Eltern verloren. Manchmal gehören die Kinder zu niemandem, sondern sind einfach nur mit irgendwelchen Erwachsenen geflüchtet. Möchten Sie einige der Kinder sehen, Mrs. Hazard?«

Seine Augen hielten ihren Blick fest. »Wo?« konterte sie.

»Draußen, wo ich wohne, auf der nördlichen Tenth Street.«

»Negro Hill?« Ihr kurzes Atemholen vor der Frage verriet sie. Er reagierte darauf nicht ärgerlich.

»Kein Grund zur Angst, bloß weil es sich um eine schwarze Gemeinde handelt. Auch wir haben unseren Anteil an Übeltätern, genau wie hier unten – nein, ich nehme es zurück, hier gibt es mehr.« Er grinste. »Sie haben ja auch die Politiker. Ich arbeite am Dienstag nicht. Wir könnten während des Tages gehen.«

»Einverstanden«, sagte Constance, in der Hoffnung, daß George zustimmen würde, was er überraschenderweise auch tat.

Am Dienstag ratterten sie im Wagen durch die Hitze des Herbstes hoch nach Negro Hill, einer deprimierenden Enklave winziger Häuschen, die meisten ungestrichen, und elender, aus Lattenkisten und Segeltuch zusammengenagelter Schuppen. Constance sah Hühnerställe, Gemüsebeete, Blumentöpfe.

Die Schwarzen, an denen sie vorbeifuhren, warfen ihnen neugierige, gelegentlich mißtrauische Blicke zu. Bald schon bog Brown in einen ausgefahrenen Weg ein. Am Ende stand eine frisch gestrichene Hütte, so gelb wie Sonnenblumen.

Das leuchtende kleine Haus roch herrlich nach Holz und Rauch und im Inneren nach Seife. Es gab zwei Räume; im vorderen Zimmer saß eine kräftige schwarze Frau auf einem Hocker, die Bibel in der Hand; zu ihren Füßen hatten sich zwölf ärmlich gekleidete Kinder in allen Schattierungen versammelt. Das jüngste Kind mochte vier oder fünf sein, das älteste zehn oder elf. Durch den Türbogen konnte Constance genau ausgerichtete Reihen von Strohsäcken sehen.

Ein wunderschönes kupferfarbenes Mädchen rannte auf den großen Mann zu. »Onkel Scipio, Onkel Scipio!«

»Rosalie.« Er hob sie hoch und drückte sie an sich. Andere Kinder umklammerten seine Beine. Er tätschelte Köpfe, Gesichter, Schultern, fand für jedes Kind die richtigen aufmunternden Worte.

Constance aß mit Brown, den herrenlosen Kindern und der schwarzen Frau, Agatha, die sich um die Kinder kümmerte, während Brown seinem Job nachging. Die meisten Kinder lachten und kicherten und stupften einander, aber zwei waren dabei, die traurig und ernst dasaßen, kein Wort sagten und lediglich in der erschöpften Manier der Alten ihre Suppe schlürften. Constance mußte den Blick abwenden, um nicht in Tränen auszubrechen.

Trotzdem fühlte sie sich von dem Ort und den Kindern fasziniert. Es fiel ihr schwer, sich von ihnen zu trennen. Auf dem Rückweg zu Willard’s fragte sie: »Was haben Sie für Pläne mit den Kindern?«

»Zuerst mal muß ich sie füttern, damit sie nicht verhungern. Die Politiker tun nichts für sie, das weiß ich nur zu gut.«

»Sie haben eine starke Abneigung gegen Politiker, Mr. Brown.«

»Warum sagen Sie nicht Scipio? Es wäre schön, wenn wir Freunde sein könnten. Ja, ich verachte diese Brut.«

Die Kutsche holperte eine Weile weiter. Dann sagte sie: »Vom Überleben abgesehen, haben Sie noch weitergehende Pläne für die Kinder?«

»Von der Notwendigkeit zum Ideal. Wenn ich noch einen passenden Ort finden könnte, dann wäre es möglich, weitere zwölf aufzunehmen. Aber bei meinem Gehalt ist das unmöglich. Es ließe sich nur mit Hilfe eines Gönners einrichten.«

»Haben Sie mich deswegen nach Negro Hill gebracht?«

»Weil ich Hoffnungen hegte?« Er lächelte sie an. »Selbstverständlich.«

»Und selbstverständlich wußten Sie, daß ich ja sagen würde – obwohl mir die Einzelheiten noch nicht klar sind.«

»Tun Sie es nicht, wenn Sie bloß Ihre weißen Schuldgefühle besänftigen wollen.«

»Zum Teufel mit Ihrer Impertinenz, Brown – meine Gründe, weshalb ich das tue, suche ich mir selbst. Ich habe mein Herz an diese Waisen verloren.«

»Gut«, sagte er.

Constance wußte nicht, wie George auf ihren Wunsch, Brown zu helfen, reagieren würde. Zu ihrem Entzücken ging er weit über bloße Zustimmung hinaus. »Wenn er einen Platz für die Kinder braucht, warum besorgen wir den nicht? Und Nahrung, Kleidung, Bücher – das wird uns nicht gerade arm machen. Und die Sache scheint es mehr als wert zu sein.«