»Ich werde so bald wie möglich kommen, General. Ich warte lediglich auf die Ankunft eines neuen Aufsehers, der die Plantage leitet. Er müßte jeden Tag kommen.«
»Gute Nachrichten. Ausgezeichnet! West-Point-Männer wie Sie sind für die Armee von unschätzbarem Wert. Nur die Macht der Waffen wird uns die Unabhängigkeit bringen. Die Männer der Akademie verstehen diesen Krieg und werden ihn so führen, wie er geführt werden muß, falls wir nicht vorhaben, aufzugeben oder uns mit der Niederlage abzufinden.«
»Kämpfen«, grollte einer der Stabsoffiziere. Orry nickte zustimmend.
»Das ist der richtige Geist«, sagte Lee, sich erhebend. Er schüttelte Orry die Hand, sprach auf der Piazza ein paar verbindliche Worte mit Madeline, dann ritt er los, den Pflichten seines obskuren Kommandos entgegen. Orry zog seine Frau an sich. Die Trennung war nun unvermeidlich. Allein der Gedanke schmerzte.
Am nächsten Tag kam der Aufseher aus North Carolina, Philemon Meek, auf dem Rücken eines Maultiers. Orrys erste Reaktion war Enttäuschung. Er hatte wohl mit einem Mann in den Sechzigern gerechnet, aber nicht mit jemandem, der wie ein alternder Schullehrer wirkte. Vorn auf seiner Nasenspitze saß sogar eine Brille mit halben Gläsern.
Orry unterhielt sich mit Meek eine Stunde lang in der Bibliothek, und der erste Eindruck begann sich zu ändern. Meek beantwortete die Fragen seines neuen Arbeitgebers knapp, aber ehrlich. Wenn er etwas nicht wußte oder verstand, dann sagte er das auch. Er erzählte Orry, daß er kein Anhänger übertrieben scharfer Disziplin und religiös eingestellt sei. Er besaß und las nur ein Buch, die Heilige Schrift.
»Ich bin mir über ihn noch nicht ganz im klaren«, sagte Orry abends zu Madeline. In der nächsten Woche wurde seine Einstellung positiver. Trotz des Alters war Meek physisch stark und ließ sich von niemandem auf der Nase herumtanzen. Andy schien Meek nicht sonderlich zu mögen, kam aber mit ihm aus. Also packte Orry seine Koffer und holte endlich seinen Solingen-Säbel hervor.
Am Tag vor Abfahrt des Zuges machten er und Madeline einen Spaziergang.
»Du kannst es kaum erwarten, nicht wahr?« sagte Madeline.
Orry blinzelte in das Sonnenlicht. »Ich bin nicht begierig darauf, dich zu verlassen, obwohl mir jetzt, wo Meek hier ist, wohler zumute ist.«
»Das ist keine Antwort auf meine Frage, Sir.«
»Ja, ich kann es kaum erwarten. Den Grund wirst du nie erraten. Es ist mein alter Freund Tom Jackson. In sechs Monaten ist er zum Nationalhelden geworden.«
»Du überraschst mich. Ich hätte nie gedacht, daß dein Ehrgeiz in diese Richtung geht.«
»Oh, nein. Jedenfalls nicht mehr seit Mexiko. Bei Jackson ist die Sache die, daß wir Klassenkameraden waren. Er ist sofort zu den Fahnen geeilt, um seine Pflicht zu tun, während ich ein halbes Jahr gezögert habe. Nicht ohne guten Grund – aber trotzdem habe ich ein schlechtes Gewissen.«
Sie schlang die Arme um ihn. »Das mußt du nicht. Deine Wartezeit ist vorbei. Und in einigen Wochen, wenn Meek sich eingelebt hat, komme ich nach Richmond.«
»Gut.« Orry betastete sein Kinn. »Letzte Woche habe ich eine Lithographie von Tom gesehen. Er trägt einen schönen Vollbart. Alle Offiziere scheinen einen zu haben. Möchtest du, daß ich mir auch einen wachsen lasse?«
»Das kann ich nicht sagen, bevor ich nicht weiß, wie schlimm das kratzt, wenn wir – «
Sie hielt inne. Der Hausdiener, Aristotle, winkte eindringlich von einem Seiteneingang her; sie eilten zu ihm.
»Haben zwei Besucher, Mr. Orry. Hochnäsiges Niggerpaar. Wollen nur Ihnen oder Miss Madeline sagen, was sie wollen. Hab’ sie in der Küche warten lassen.«
Orry fragte: »Sind es Männer von einer anderen Plantage?«
Der verwirrte Sklave murmelte: »Es sind zwei Frauen.«
Orry und Madeline gingen ins Küchengebäude. Eine ältere Negerin saß auf einem Hocker neben der Tür; ihr rechtes Bein, grob mit Stöcken und Lumpen verbunden, ruhte auf einer leeren Nagelkiste.
»Tante Belle«, rief Madeline, während Orry sich über die Identität ihrer Begleiterin Gedanken machte, ein erstaunlich attraktives junges Mädchen im heiratsfähigen Alter, dunkel wie Mahagoni.
Madeline umarmte die zerbrechliche alte Frau. »Wie geht’s dir? Was ist mit deinem Bein passiert? Ist es gebrochen?« Seit einer Generation hatte Tante Belle Nin, freigelassen und alleine lebend, als Hebamme im Distrikt gearbeitet.
»Viele Fragen auf einmal«, sagte Tante Belle und verzog das Gesicht. »Ja, es ist gebrochen, zweimal oder dreimal. Kein Segen in meinem Alter. Wollte gestern abend in unseren Wagen klettern und bin gefallen.« Helle, tiefliegende Augen studierten Orry, als wäre er ein Ausstellungsstück. »Sehe, Sie haben sich einen anderen Mann gesucht.«
»Ja, Tante Belle, das ist Orry Main.«
»Ich weiß, wer er ist. Ganzes Stück besser als der andere. Das hübsche Ding hier ist meine Nichte Jane. Gehörte der Witwe Milsom, aber die alte Dame starb letzten Winter an Lungenentzündung. In ihrem Testament schenkte sie Jane die Freiheit. Seitdem hat sie bei mir gelebt.«
»Erfreut, Sie kennenzulernen«, sagte Jane ohne jede Ehrerbietung. Orry fragte sich, ob er Tante Belle glauben sollte; genausogut konnte das Mädchen ein Flüchtling sein.
»Tante Belles Gesundheit ist in letzter Zeit nicht gut gewesen«, sagte Jane nach einer Pause. »Aber sie wollte ihr Haus nicht aufgeben, bis ich sie überzeugt hatte, daß es einen besseren Ort gibt.«
»Sie meinen doch nicht hier?« fragte Orry.
»Nein, Mr. Main. Virginia. Dann der Norden.«
»Das ist eine lange, gefährliche Reise, vor allem für Frauen in Kriegszeiten.« Beinahe hätte er schwarze Frauen gesagt.
»Was uns erwartet, lohnt das Risiko. Wir wollten gerade aufbrechen, als Tante Belle sich das Bein brach. Sie braucht Pflege und einen Ort, wo sie sich ausruhen kann.«
Tante Belle sagte zu Madeline: »Ich hab’ Jane erzählt, daß Sie eine gute Christin seien. Ich dachte, Sie würden uns für eine Weile aufnehmen.«
Orry und Madeline warfen sich gegenseitig fragende Blicke zu. Da Orry abreiste, lag die Entscheidung bei Madeline. »Natürlich helfen wir. Liebling, würdest du Andy suchen, damit er sie zu den Hütten bringen kann?« Orry, der zu verstehen schien, daß sie noch eine andere Absicht verfolgte, nickte und entfernte sich.
»Tante Belle, mein Mann geht morgen nach Richmond zur Armee. Ich führe hier das Kommando, bis ich ihm nachfahre. Ich gebe dir nur zu gern Unterkunft, mit einer Einschränkung. Richtig oder falsch, die Leute auf Mont Royal haben keine Erlaubnis, nach Norden zu gehen, wie ihr es plant. Es könnte für mich oder für euch Ärger geben.«
»Ma’am?« sagte Jane, um Madelines Aufmerksamkeit zu erregen. »An der Sklaverei gibt es nichts Richtiges, nur Falsches.«
Madelines Antwort klang scharf. »Selbst wenn ich in dem Punkt mit dir übereinstimmen würde, die praktische Lösung ist eine andere Sache.«
Jane dachte mit sichtbarem Trotz, den Madeline zwar bewunderte, aber nicht tolerieren konnte, darüber nach. Schließlich stieß Jane eine kleinen Seufzer aus. »Ich glaube nicht, daß wir bleiben können, Tante Belle.«
»Denk noch mal drüber nach. Diese Lady hier ist anständig. Sei du es auch. Benimm dich nicht wie ein Ziegenbock.«
Jane zögerte. Tante Belle funkelte sie an. Das junge Mädchen sagte: »Könnten wir uns so einigen, Mrs. Main? Ich arbeite für Sie, um unseren Unterhalt zu verdienen. Ich erzähle niemandem, wohin wir gehen. Sobald Tante Belle reisen kann, packen wir unsere Sachen.«
»Das ist fair«, sagte Madeline.
»Jane hält ihr Wort«, sagte Tante Belle.
»Ja, den Eindruck hab’ ich auch.« Madeline nickte, den Blick auf das Mädchen gerichtet. Keine der beiden Frauen lächelte, aber in diesem Augenblick begannen sie, einander sympathisch zu finden. »Unser neuer Verwalter wird vielleicht für diese Vereinbarung nicht viel übrig haben, aber ich glaube, er akzeptiert – «