Cooper rannte den größten Teil des Weges zur Anlegestelle der Fähre, verpaßte sie aber um drei Minuten und mußte eine Stunde auf die nächste warten. Wieder lehnte Cooper an der Reling, ohne allerdings das Wasser oder die Stadt wahrzunehmen; er sah nur Augen und Schnurrbart und malmende Zähne von Marcellus Dorking vor sich.
Wir werden dich aufhalten.
In seinem Kopf formte sich eine Frage, die ihn noch vor einer Woche in schallendes Gelächter hätte ausbrechen lassen. Aber nun –
»Sir?«
»Was ist?« Er erschrak, wurde dann verlegen; der Mann, der sich von hinten angeschlichen hatte, gehörte zur Mannschaft der Fähre.
»Wir haben angelegt, Sir. Alle anderen sind schon von Bord.«
»Oh. Danke.«
Stirnrunzelnd ging er in die Abenddämmerung des Frühlingstages hinein; lautlos die Frage wiederholend, die nichts Lächerliches mehr an sich hatte: Soll ich mir eine Waffe besorgen?
53
»Übernehmen Sie das Regiment, Colonel Bent!«
Wieder und wieder hallte das Kommando in seinem Kopf nach. Er hörte es trotz des Krachens der Artillerie in der kühlen Sonntagsluft. Hörte es trotz des Knatterns der Gewehre, hörte es trotz der erschreckten Schreie der untrainierten Männer aus Ohio, mit denen er die Stellung halten sollte. Hörte es trotz des Höllenlärms dieses Aprilmorgens.
»Übernehmen Sie das Regiment, Colonel Bent!« Der Blick des Divisionskommandeurs war im Stabshauptquartier nahe des kleinen Shiloh-Versammlungshauses auf ihn gefallen, eine Stunde nach den ersten leichten Gefechten, nachdem die Spähtrupps düstere Gewißheit gebracht hatten. Da draußen im Südwesten lag Albert Sidney Johnstons Armee, und sie hatten sich von ihr überraschen lassen.
Bent war in dieser Klemme, weil ihn der Divisionskommandeur nicht leiden konnte. Der Kommandeur hätte einen Junior-Offizier mit der Führung des Ohio-Regiments beauftragen können, nachdem der Colonel, der Lieutenant Colonel und der Adjutant als gefallen gemeldet worden waren. Statt dessen schickte er einen Colonel vom Stab – einen, dem gegenüber er sich seit ihrer ersten Begegnung schroff und unfreundlich benommen hatte.
Hatte je ein Offizier unter schlimmeren Bedingungen dienen müssen? Der General war ein versoffener Narr, der Divisionskommandeur ein kleiner Leuteschinder, der aus lauter Angst vor Albert Sidney Johnston im letzten Herbst einen Nervenzusammenbruch erlitten hatte. Bent war überzeugt davon, daß es sich bei William Tecumseh Sherman um einen Irren handelte. Und rachsüchtig war er auch noch. »Übernehmen Sie das Regiment, Colonel Bent!«
Dann sagte Sherman etwas, wofür ihn Bent mehr haßte als je einen anderen Menschen zuvor, mit Ausnahme von Orry Main und George Hazard: »Und lassen Sie sich nicht von mir erwischen, daß Sie mit ausgestreckter Hand hinter einem Baum stehen und sich freiwillig für einen Urlaub melden. Ich kenne Sie und Ihre Washingtoner Verbindungen.«
Diese Verbindungen hatten Elkanah Bent gerettet; zumindest hatte er das bis zu diesem Morgen angenommen. An dem Tag, an dem er zusammen mit Elmsdale in den Zug nach Westen gestiegen war, hatte er einen höflichen, entschuldigenden Brief – einen letzten Bittappell – an Rechtsanwalt Dills geschrieben und abgesandt. Als er in Kentucky ankam, lagen neue Befehle vor; eine Versetzung vom Frontdienst zum Stabsdienst bei Anderson.
Dann wechselten die Kommandos, wie es ständig der Fall war. Anderson wurde durch Sherman ersetzt, dessen Bruder ein einflußreicher Ohio-Senator war. Hatte der kleine Irre irgendwie Wind davon bekommen, daß hinter den Kulissen an den Fäden gezogen worden war? Bent wußte es nicht; er wußte lediglich, daß der Kommandeur auf eine Gelegenheit gewartet hatte, ihn zu bestrafen.
Gegen den Rauch blinzelnd sah Bent jetzt seine schlimmsten Befürchtungen bestätigt: eine neue Angriffswelle formierte sich dort in den Wäldern. Hardees Männer, ein dreckiger Haufen in schäbigen Uniformen. Auf der Anhöhe des sanften Hanges, den die Rebellen erstürmen wollten, lagen Bents unerfahrene Ohio-Männer hinter Bäumen und Sträuchern. Die Bundestruppen waren an ihren Frühstücksfeuern überrascht worden; sie hatten nicht geschanzt, weil General Grant das nicht für nötig befunden hatte. Halleck hatte guten Grund, Grant zu mißtrauen.
Zitternd sah Bent dem Ansturm der Rebellen entgegen. »Haltet die Stellung, Jungs«, rief er und zwang sich, hinter einer dicken Eiche hervorzutreten und sein Fernglas anzusetzen. Viel lieber hätte er sich hinter dem Baum zusammengeduckt und den Kopf eingezogen.
Die erste graue Welle begann zu feuern. Bent jaulte auf und sprang in den Schutz des Baumes zurück. Der Südstaatenabschaum stieß wilde Schreie aus, diese Schreie, die zu einem Markenzeichen bei Konföderiertenangriffen geworden waren. Für Bent hörte es sich wie das Geheul wahnsinniger Hunde an.
Überall hörte er die Kugeln pfeifen. Links von ihm zuckte ein Soldat plötzlich hoch, als wäre er angehoben worden. Ein Stück seines Gesichts flog davon, dann kippte er nach hinten weg, als die Kugel sein Gehirn traf.
Die Rebs waren bis auf fünfzig Yards herangekommen, zimtfarben und grau; Bärte und Lumpen; riesige brennende Augen und riesige aufgerissene Münder. Granateinschläge befleckten den blauen Himmel; Rauch wehte aus den Baumwipfeln; die Erde bebte, und Bent hörte einen noch viel lauteren Schrei.
»Oh nein, mein Gott – nein.«
Die ersten Rebs erreichten die Männer aus Ohio, die noch nie in einer Schlacht gestanden hatten. Ungeschickt versuchten sie die zustechenden Bajonette der Angreifer abzuwehren. Bent sah, wie Stahl in einen blauen Waffenrock drang und auf der anderen Seite rotgefärbt herauskam. Wieder ertönte der Schrei.
»Oh, Gott, nein!«
Mit seinem Säbel schlug er auf den Rücken eines Ohio-Soldaten ein. Wild rudernd stolperte er durch das hohe Gras, direkt auf den Fersen des Soldaten. Die Rebs stürmten den Hügel, die Männer aus Ohio flüchteten, gaben ihre Stellung auf. Bent schlug auf den blauen Rock vor sich ein, bis der Mann stolperte und hinfiel. Bent raste vorbei, schnell trotz seiner Massigkeit.
Er warf seinen Feldstecher und seinen Säbel fort. Hunderte rannten zwischen den Bäumen durch, auf Pittsburg Landing am Tennessee River zu. Ein Regiment nach dem anderen geriet ins Wanken und löste sich auf. Er mußte sich selbst retten, auch wenn dabei jeder andere Soldat unter seinem Kommando draufging; er war mehr wert als sie alle zusammen.
Die vor ihm Fliehenden hatten bereits einen Pfad getrampelt. Ein kleiner, hinkender Soldat, der den Rand einer Trommel umklammerte, blockierte seinen Weg. Bent packte die schmalen Schultern des Trommlers und schleuderte ihn zur Seite; der Blick des Jungen traf ihn, verängstigt und vernichtend zugleich. Dann verlor der Junge die Balance und fiel neben dem Pfad zu Boden. Bent rannte weiter.
Seine Panik wuchs noch, als er sich durch einen Bach kämpfen mußte. Er hörte das Jaulen einer Granate, warf seine Arme um einen Baum, schloß die Augen und verbarg sein Gesicht. Kurz vor dem Moment, in dem die ganze Welt in die Luft flog, erkannte er, wer »Oh Gott, nein« geschrien hatte.
Er selbst hatte geschrien.
Er erwachte im prasselnden Regen. In den ersten verständnislosen Augenblicken glaubte er, tot zu sein. Dann hörte er die Schreie in der Dunkelheit. Stöhnen. Plötzliches Aufbrüllen. Schnüffelnd tastete er sich von den Knöcheln über den Unterleib bis zur Kehle nach Verletzungen ab. Er war durchnäßt, steif, alles tat ihm fürchterlich weh. Aber er war unverletzt. Unverletzt. Herr im Himmel. Er hatte den Tag überlebt.
Ein Blitz zuckte über den Ästen auf. Als der Donner folgte, begann er zu kriechen. Er glaubte Wasser zu riechen, kroch schneller.
Wieder ein Blitz; Donner; und dazu der unaufhörliche Chor der Verwundeten. Tausende mußten in den Wiesen und Wäldern um das Shiloh-Versammlungshaus liegen. Wer hatte die Schlacht gewonnen? Er wußte es nicht und kümmerte sich auch nicht darum.