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Seine Hände versanken im Schlamm. Er streckte sie aus, klatschte ins Wasser. Sein Mund war ausgedörrt. Mit beiden Händen schöpfte er, trank und hätte sich beinahe übergeben. Was war mit dem Wasser los?

Ein Blitz erhellte treibende Körper. Rote Flüssigkeit tropfte aus seinen Handschalen. Er krümmte sich zusammen und würgte. Nichts kam hoch. Er war verwirrt, hatte die Orientierung verloren. Ich bin in Mexiko. Das ist Mexiko.

Er durchquerte den Bach, taumelte gegen Bäume, stolperte über einen Felsen, stürzte keuchend zu Boden. Seine Hand berührte etwas, tastete den Gegenstand ab. Ein Bajonett. Ein grellweißer Blitz tauchte alles in blendende Helligkeit. Das Bajonett steckte im Genick eines weiteren Trommlers, hatte ihn am Boden festgespießt. Bent schrie, bis er keine Kraft mehr hatte.

Er taumelte weiter. Die rasch aufeinanderfolgenden Schocks begannen eine unerwünschte Wirkung auszuüben: Sein Verstand wurde klar, begann wieder zu funktionieren. Er wehrte sich dagegen, aber es half ihm nichts; er war gezwungen, die Realitäten zur Kenntnis zu nehmen.

Obwohl er sich genau so wie die anderen benommen hatte, war sein Verbrechen schlimmer, weil er das Kommando gehabt hatte. Außerdem war er als einer der ersten geflohen. Er wußte, die Männer aus Ohio würden die Geschichte verbreiten. Dieses Schandmal würde ihn ruinieren. Das durfte nicht geschehen.

Schluchzend kehrte er um, tränkte seine Hosen mit seinem eigenen Urin; es war ihm egal. Er suchte so lange, bis er den kleinen Trommler gefunden hatte.

Ich kann es nicht, dachte er.

Nur so kannst du dich retten.

Schwitzend und keuchend packte er das Bajonett und zog sanft, drehte sanft, befreite es sanft vom Fleisch des Jungen. Dann stemmte er sich mit dem Rücken gegen einen Baumstamm und sammelte Mut.

Noch einmal drehte er den Kopf zur Seite und schloß die Augen. Rein nach Gefühl richtete er die Spitze des Bajonetts gegen seinen linken Oberschenkel.

Dann stieß er zu.

Beide Seiten beanspruchten den Sieg bei Shiloh für sich. Doch Grant hatte am zweiten Tag die Offensive geführt, und die konföderierte Armee hatte sich nach Corinth zurückgezogen; einer ihrer großen Helden, Albert Sidney Johnston, war in der Schlacht gefallen. Diese Tatsachen drückten mehr aus als die von beiden Seiten abgegebenen Erklärungen.

Im Hospital erfuhr Elkanah Bent, daß die Ohio-Männer kein Einzelfall gewesen waren. Tausende waren geflohen. Versprengte Regimenter waren überall am Ufer des Tennessee gefunden worden, wo sie in Sicherheit dem Schlachtgetöse am Sonntag lauschten; diese Schlacht ging verloren, bis die Union am Montag den Spieß umdrehte und einen Sieg an ihre Fahnen heften konnte.

Damit war die Bedrohung, der sich Bent gegenübersah, jedoch nicht aus der Welt geschafft. Sein Verhalten war bald schon Gegenstand einer Untersuchung. Er wurde ein Experte darin, seine Geschichte wieder und wieder zu erzählen. »Ich bin tatsächlich gerannt, Sir. Um meine Männer aufzuhalten. Um die Flucht zu stoppen.«

Auf die Frage nach dem Ort, wo er bewußtlos aufgefunden worden war – am Owl Creek, fast eine Meile von der Stellung seines Regiments entfernt –, erwiderte er: »Der Reb, gegen den ich kämpfte – der mir den Bajonettstich zufügte –, erwischte mich in der Nähe unserer ursprünglichen Front. Die Lage meiner Wunde beweist das. Meine Erinnerung an das, was nach dem Stich geschah, ist sehr lückenhaft; ich weiß nur noch, daß ich den Reb niedermachte und dann losrannte, um die allgemeine Flucht zu stoppen.«

Die Untersuchung landete schließlich bei Sherman, zu dem er sagte: »Ich rannte, um meine Männer aufzuhalten. Um die Flucht zu stoppen.«

»Laut einigen Zeugen«, sagte der General kalt, »gehörten Sie zu den ersten, die flüchteten.«

»Ich bin nicht geflüchtet, Sir. Ich versuchte die Flüchtenden aufzuhalten. Das werde ich vor jedem Kriegsgericht wiederholen – und vor jedem Zeugen, der mich zu beschuldigen versucht. Das Regiment, das Sie mir zuteilten, bestand aus Männern, die noch nie in einer Schlacht gewesen waren. Wie so viele andere bei Shiloh rannten sie. Ich rannte ihnen nach, um sie zu stoppen. Um die Flucht zu stoppen.«

»Herr im Himmel, könnten Sie mir das vielleicht ersparen?« sagte Sherman und spuckte auf den Boden neben seinem Feldschreibtisch. »Ich will Sie nicht länger unter meinem Kommando haben.«

»Bedeutet das, Sie beabsichtigen – «

»Sie werden herausfinden, was es bedeutet, wenn ich es für richtig halte. Abtreten!«

Bent salutierte und hoppelte mit seiner Krücke hinaus.

Seine Nerven waren in schlimmerem Zustand als seine Wunde. Was würde dieser kleine Wahnsinnige tun, um ihn zu bestrafen?

Auf der Halbinsel südöstlich von Richmond führte McClellan ein paar folgenlose Scheingefechte mit Joe Johnston auf. Am Shenandoah schlug Stonewall Jackson die Yankees mit brillanten Manövern und tilgte damit einen Teil der Schmach von Shiloh. Unten am Mississippi dampfte Admiral Farragut an den Batterien der Konföderierten vorbei nach New Orleans. Die praktisch schutzlose Stadt ergab sich ihm am 25. April. Fast einen Monat nach seinem ungemütlichen Zusammentreffen mit Sherman bekam Bent einen neuen Posten zugewiesen.

»Stabsdienst bei der Golf-Armee?« sagte Elmsdale, als Bent ihm bei einer zufälligen Begegnung davon erzählte. »Das ist im Grunde eine Besatzungsarmee. Ein sicherer Posten, aber nicht gerade ein Gewinn für Ihre Karriere.«

»Das hier auch nicht«, grollte Bent und deutete auf sein Hosenbein. Der Stoff war von der Wundabsonderung durch den Verband hindurch feucht geworden.

Elmsdale schüttelte ihm die Hand und wünschte ihm alles Gute, aber Bent entdeckte eine gewisse Selbstzufriedenheit in den Augen des Colonels. In einem Schlachtfeldabschnitt, der auf den Namen Hornet’s Nest getauft worden war, hatte Elmsdale eine Schulterwunde empfangen; er war dafür öffentlich geehrt worden. Bent hatte sich mit Schimpf und Schande bedeckt, wofür er andere verantwortlich machte, angefangen von Sherman bis zu dem betrunkenen Baumeister des Shiloh-Sieges, Grant.

Elkanah Bent spürte, daß sein Stern im Sinken war, und er konnte wenig dagegen tun.

54

»Bringt die Wagen hoch«, brüllte Billy. »Wir brauchen Boote!«

Bis zur halben Stiefelhöhe im Schlamm stehend, stieß Lije Farmer den jüngeren Mann am Arm an. »Nicht so laut, mein Junge. Auf der anderen Seite könnten feindliche Posten stehen.«

»Die können mich nicht besser sehen, als ich sie sehen kann. Wie breit ist dieser verdammte dunkle Fluß überhaupt?«

»Das Oberkommando läßt uns derartige Informationen nicht zukommen und gibt keine topographischen Karten aus. Lediglich Befehle. Wir sollen den Black Creek überbrücken.«

»Verdammt passender Name«, sagte Billy finster.

Der Brückenzug – Pontonwagen, Balken- und Schienenwagen, Werkzeugwagen und die fahrbare Schmiede – hatte sich über schmierige Straßen gequält, nachdem es nachts zu regnen begonnen hatte. Für eine Weile hatte der Regen nachgelassen, aber jetzt goß es wieder in Strömen, und der Wind hatte aufgefrischt. Im Schein von drei Laternen, die an in den Schlamm gesteckten Stangen schwankten, betrachtete Billy die unvollendete Brücke. Es war riskant, auf diese Weise ihre Position zu verraten, aber sie brauchten unbedingt Licht; der Fluß war tief, das Wasser ging hoch, und die Strömung war schnell.

Niemand antwortete auf Billys Ruf, und er konnte keine weiteren Bootswagen in der Dunkelheit erkennen.

»Ich vermute, die sind im Schlamm steckengeblieben«, sagte Farmer. »Vielleicht schau’n Sie mal nach. Ich erledige das hier schon.« Er ließ seine alte Flinte in die Beuge seines linken Ellbogens gleiten. Die für diesen Dienst abgestellten Infanteristen hatten zwar die Aufgabe, das Baugelände abzuschirmen und zu bewachen, aber die Pioniere der Potomac-Armee hatten zu sich selbst größeres Vertrauen als zu diesen Greenhorns und arbeiteten selten ohne Waffen. Auch an Billys Hüfte lag ein Revolver.