»Was ist?«
»Willst du die Raumstation nicht anrufen?«
Einen Augenblick lang starrte Lucky seinen kleinen Partner verständnislos an. Dann glätteten sich die Falten zwischen seinen Augen langsam und er flüsterte: »Heilige Milchstraße! Ich habe es vergessen, Bigman, ich hatte es völlig vergessen! Ich habe nicht ein einziges Mal daran gedacht.«
Bigman deutete mit dem Daumen über die Schulter, er zeigte auf das Bullauge, durch das der V-Frosch immer noch wie eine Eule hineinsah. »Willst du damit sagen, der da...?« »Ich meine sie alle. Beim All, da draußen sind vielleicht Tausende!«
Bigman schämte sich etwas für seine Gefühle. Er war nämlich beinahe froh darüber, daß Lucky den Wesen genauso wie er auf den Leim gegangen war.
Das nahm ihm einiges von der Schuld, die sonst an ihm hängengeblieben wäre. Wenn man es recht betrachtete, dann hatte Lucky keinen Grund, Bestürzt gebot Bigman seinen Gedanken Einhalt. Er steigerte sich selbst in eine Aversion gegen Lucky. Das war nicht er. Sie waren das!
Brutal verbannte er alle Gedanken aus seinem Kopf und konzentrierte sich auf Lucky, dessen Finger jetzt mit der Wählscheibe des Sendegerätes beschäftigt waren. Er stellte sie mit der Sorgfalt ein, die nötig war, um den Weltraum trennscharf zu erreichen.
Und dann flog Bigmans Kopf unter dem Eindruck des plötzlich einsetzenden neuen Klangs zurück. Es war eine tonlose Stimme, ohne Ausdruck. Sie sagte: »Spiele nicht mit deiner Maschine des weitreichenden Klangs. Wir wünschen es nicht.«
Bigman drehte sich um. Die Kinnlade sackte ihm herunter und sein Mund blieb eine Weile offen stehen. »Wer hat das gesagt? Wo kommt das her?«
»Ganz ruhig, Bigman. Das ist in deinem Kopf.«
»Nicht der V-Frosch!« sagte Bigman verzweifelt.
»Heilige Milchstraße, was soll es sonst sein?«
Bigman wandte sich wieder um, und starrte erneut aus dem Bullauge die Wolken, den Regen und den sich wiegenden V-Frosch an.
*
Schon einmal in seinem Leben hatte Lucky gefühlt, wie der Wille fremder Wesen sich seinen Gedanken aufzwangen. Das war damals gewesen, als er die körperlosen Energiewesen, die in den Tiefen unter der Marsoberfläche lebten, getroffen hatte. Dort hatte seine Gedankenwelt offen wie auf einem Präsentierteller gelegen, aber der Gedankeneinbruch war schmerzlos, ja sogar angenehm gewesen. Ihm war seine eigene Hilflosigkeit bewußt gewesen, aber gleichzeitig war ihm alle Furcht genommen worden.
Womit er es nun zu tun hatte, war etwas anderes. Die geistigen Fühler in seinem Schädel hatten sich den Weg mit Gewalt gebahnt, und er empfand sie als schmerzhaft. Es erfüllte ihn mit Haß und Widerwillen.
Luckys Hand war vom Sender geglitten und er verspürte keinen Drang, sie wieder auf die Tastatur zu legen. Er hatte es wieder vergessen.
Die Stimme ließ sich ein zweites Mal vernehmen. »Vibriere mit dem Mund.«
»Du meinst, ich soll sprechen?« sagte Lucky. »Kannst du unsere Gedanken hören, wenn wir den Mund halten?«
»Nur sehr schwach und undeutlich. Es ist sehr schwierig, es sei denn, wir haben euren Geist sorgfältig erforscht. Wenn ihr sprecht, sind eure Gedanken deutlicher und wir können sie hören.«
»Wir verstehen euch ohne Schwierigkeiten.«
»Ja, wir können unsere Gedanken kräftig und mit Nachdruck übermitteln. Ihr könnt das nicht.«
»Habt ihr alles, was ich bisher gesagt habe, verstanden?«
»Ja.«
»Was wollt ihr von mir?«
»Wir haben in deinen Gedanken eine Organisation deiner Mitlebewesen entdeckt, sie ist weit weg von hier, auf der anderen Himmelseite. Du nennst es den Rat. Wir wollen mehr darüber wissen.«
Lucky fühlte innerlich einen kleinen Funken Befriedigung. Jetzt war wenigstens eine Frage beantwortet.
Solange er nur er selbst, also ein Individuum war, gab der Feind sich damit zufrieden, ihn zu töten. Aber während der letzten Stunden hatte der Feind entdeckt, daß er der Wahrheit schon viel zu nahe gekommen war, und das beunruhigte sie.
Wären andere Mitglieder des Rates ebenso leicht in der Lage, der Wahrheit auf die Spur zu kommen? Was war das für eine Organisation?
Lucky konnte die Neugier des Feindes gut verstehen, eine neue Vorsicht, ein plötzlich aufgeflammtes Verlangen, etwas mehr in Erfahrung zu bringen, bevor man ihn tötete. Kein Wunder, daß der Feind Evans daran gehindert hatte, ihn zu erschießen, selbst als er hilflos gewesen und der Blaster auf ihn gerichtet war, sie hatten einen Augenblick zu lange gewartet.
Aber Lucky begrub weitere Gedanken zu dem Thema. Sie könnten, so hatten sie jedenfalls gesagt, unausgesprochene Gedanken vielleicht nicht deutlich verstehen. Aber es war ebenso möglich, daß sie logen.
Plötzlich sagte er: »Was habt ihr gegen mein Volk?«
Die ton- und gefühllose Stimme antwortete: »Was nicht stimmt, können wir nicht beantworten.«
Lucky reagierte darauf, indem er die Zähne fester zusammenbiß. Hatten sie seinen letzten Gedanken über ihr Lügen mitbekommen? Er würde vorsichtig, sehr vorsichtig sein müssen.
»Wir haben keine gute Meinung von deinem Volk«, fuhr die Stimme fort. »Ihr beendet Leben. Ihr eßt Fleisch. Es ist schlecht, intelligent zu sein und Fleisch zu essen. Jemand, der Fleisch ißt, muß Leben beenden, und ein intelligenter Fleischfresser richtet mehr Schaden als ein dummer an, da ihm mehr Wege einfallen, um Leben zu beenden. Ihr habt kleine Röhren, die im Stande sind, das Leben von vielen auf ein Mal zu beenden.«
»Wir töten aber keine V-Frösche.«
»Ihr würdet es tun, wenn wir euch ließen. Ihr tötet euch sogar selbst in großer Anzahl, oder einzeln.«
Lucky vermied es, zu der letzten Bemerkung etwas zu sagen. Statt dessen sagte er: »Was wollt ihr eigentlich von meinem Volk?«
»Ihr werdet auf der Venus immer zahlreicher«, antwortete die Stimme. »Ihr breitet euch aus und nehmt Platz weg.«
»Das geht aber nur in begrenztem Umfang«, argumentierte Lucky. »Wir können Städte nur in Küstennähe bauen. Die Tiefe wird euch immer gehören, das sind neun Zehntel des Meeres. Außerdem könnten wir euch helfen. Wenn ihr das Wissen über den Geist habt, dann haben wir das Wissen über die Materie. Ihr habt doch unsere Städte und die Maschinen aus glänzendem Metall gesehen, die durch die Luft und durch das Wasser zu Welten auf der anderen Seite des Himmels gelangen können. Denkt doch mal, wie wir euch mit diesen Fähigkeiten helfen können.«
»Wir brauchen nichts. Wir leben und denken. Wir haben keine Angst und kennen keinen Haß. Was sollten wir sonst noch haben wollen? Was sollten wir mit euren Städten, eurem Metall und den Schiffen anfangen? Wie sollte sich unser Leben dadurch verbessern?«
»Dann habt ihr also vor, uns alle zu töten?«
»Wir haben kein Verlangen, Leben zu beenden. Es genügt uns völlig, wenn wir euren Willen beherrschen und wissen, daß ihr keinen Schaden anrichten könnt.«
Lucky hatte plötzlich die Vision (war es seine eigene, oder von draußen hervorgerufen?) einer auf der Venus lebenden Menschenrasse, die unter der Herrschaft der überlegenen Ureinwohner stand und allmählich von der Verbindung mit der Erde abgeschnitten wurde, deren Nachkommen mehr und mehr zu selbstzufriedenen geistigen Sklaven wurden.
Mit einer Zuversicht, von der er selbst nicht restlos überzeugt war, sagte er: »Menschen können es nicht zulassen, daß man sie geistig manipuliert.«
»Es ist die einzige Lösung, und du mußt uns dabei helfen.«
»Das werde ich nicht.«
»Dir bleibt keine Wahl. Du mußt uns von diesen Ländern jenseits des Himmels erzählen, von der Art und Weise, wie dein Volk organisiert ist, davon, was sie gegen uns unternehmen werden, und wie wir uns dagegen schützen können.«
»Es gibt keine Methode, mit der ihr mich dazu zwingen könnt.«
»Es gibt sie nicht?« fragte die Stimme. »Überlege einmal. Falls du uns die Informationen, die wir benötigen, nicht gibst, werden wir dich bitten, mit deiner Maschine aus glänzendem Metall wieder in die Tiefe hinabzutauchen, und dort auf dem Meeresboden wirst du deine Maschine dem Wasser öffnen.«