«Also gut. Jemand dagegen?«
Alle schüttelten die Köpfe, Marjorie eingeschlossen.
«Mr. Morris?«fragte Conrad steif.
«Ich stimme für ihn.«
«Einstimmig gewählt«, sagte Conrad überrascht.»Sonst noch Kandidaten?«
Rebecca sagte:»Vier ist eine ungünstige Zahl. Es sollten fünf sein. Noch jemand von der jüngeren Generation.«
Sie schlug sich wieder selber vor. Niemand, nicht einmal Dart, ging darauf ein. Rebeccas schmales Gesicht war auf seine Art so gemein wie das von Keith. Keiner von den vier Enkeln gedachte einem anderen Macht zu verleihen. Die drei älteren Brüder wollten nichts von ihrer Macht abgeben. In einer Atmosphäre unterschwelliger Gehässigkeit und Bosheit wurden die drei Söhne des alten Lords und ihre langlebige Tante als neuer Vorstand eingesetzt.
Sie einigten sich ohne Schwierigkeiten auf Conrad als Vorstandsvorsitzenden (»Steuerwann«, vermerkte Rebecca.»Sei nicht albern«, sagte Keith), aber Marjorie hatte noch einen Schuß in petto.
«In dem Anwaltsbrief steht auch«, verkündete sie,»daß die Anteilseigner ein Vorstandsmitglied, mit dem sie unzufrieden sind, auf einer dazu einberufenen Versammlung abwählen können. Sie brauchen dafür einundfünfzig Prozent der Stimmen. «Sie starrte Keith aus kleinen, runden Augen an.»Sollten wir uns einmal von jemand trennen müssen, der sich als für den Vorstand ungeeignet erweist, werde ich Sorge tragen, daß Mr. Morris mit seinen acht Stimmen ausdrücklich zu der betreffenden Versammlung eingeladen wird.«
Hannah war ebenso vor den Kopf gestoßen wie Keith, aber der wirkte nicht nur erbost, sondern geradezu baff, als hätte er die schroff ablehnende Haltung seiner Tante nie für möglich gehalten. Mir wiederum war es nicht in den Sinn gekommen, daß sie statt meiner Hinrichtung meine Anwesenheit fordern könnte. Ich gewann den Eindruck, als wäre Marjorie jedes Mittel recht, um ihre Ziele zu erreichen: eine durch und durch praktisch eingestellte Frau.
Dart sagte scheinheilig:»Steht in unserer Geschäftsordnung nicht irgendwo, daß die Vorstandssitzungen allen zugänglich sind? Ich meine, daß alle Anteilseigner teilnehmen dürfen?«
«Unsinn«, sagte Keith.
Forsyth sagte:»Teilnehmen, aber nicht mitreden. Nur, wenn man sie darum ersucht.«
Ivans Stimme übertönte die seines Sohnes:»Wir müssen uns die Bestimmungen wohl noch mal ansehen.«
«Hab ich schon«, sagte Forsyth. Niemand beachtete ihn.
«Bis jetzt hat das nie eine Rolle gespielt«, bemerkte Conrad.
«Die einzigen Anteilseigner außer Vater und Tante Marjorie waren Mr. Morris — und vor ihm natürlich Madeline — und, äh… Mrs. Perdita Faulds.«
«Und wer ist Mrs. Perdita Faulds?«fragte Rebecca scharf. Niemand antwortete. Wenn sie es wußten, wollten sie es nicht sagen.
«Wissen Sie, wer Mrs. Perdita Faulds ist?«wandte Dart sich an mich.
Ich schüttelte den Kopf.»Nein.«
«Im Notfall finden wir sie schon«, erklärte Marjorie und ließ es unheildrohend klingen.»Hoffen wir, daß es auch so geht. «Ihr böser Blick strich warnend über Keith hin.»Wenn wir ein Vorstandsmitglied entfernen müssen, finden wir sie.«
Auf der kurzen Liste der Anteilseigner, die Roger mir gezeigt hatte, war als Adresse von Mrs. Faulds nur eine Anwaltsfirma angegeben. Nachrichten für die Dame wurden sicher routinemäßig weitergeleitet, aber sie selbst ausfindig zu machen konnte schon kniffliger sein. Vielleicht ein Fall für einen professionellen Spürhund. Den Marjorie wohl ohne Zögern engagieren würde, wenn es ihr in den Kram paßte.
Und da Marjorie überzeugt war, daß die geheimnisvolle Mrs. Faulds in ihrem Sinn stimmen würde, mußte zumindest Marjorie auch wissen, wer Mrs. Faulds war. Mich ging es eigentlich nichts an, dachte ich.
Conrad als Leiter der Versammlung nahm ostentativ die Zügel in die Hand und sagte:»So, da wir nun einen Vorstand haben, können wir vielleicht schon ein paar klare Entscheidungen treffen. Das müssen wir sogar. Kommenden Montag findet hier wieder eine Rennveranstaltung statt, und wir können nicht verlangen, daß Marjorie ewig für alles verantwortlich zeichnet. Vater hat viele Sachen gemacht, von denen wir keine Ahnung haben. Wir müssen einfach sehr schnell lernen.«
«Als erstes gehören der Colonel und der blöde Oliver an die Luft gesetzt«, sagte Rebecca.
Conrad warf seiner Tochter nur einen Blick zu und wandte sich an die anderen.»Der Colonel und Oliver sind zur Zeit die einzigen, die den Laden in Gang halten können. Wir sind auf ihre Erfahrung angewiesen, ja wären aufgeschmissen ohne sie, und ich gedenke sie weiterhin in allen Sachfragen zu Rate zu ziehen.«
Rebecca schmollte. Marjories Mißbilligung entwickelte kräftige Ausleger in ihre Richtung, wie eine wuchernde Erdbeere.
«Ich stelle den Antrag«, sagte Ivan überraschend,»daß wir den Rennbetrieb weiterführen wie bisher, mit Roger und Oliver in unveränderter Funktion.«
«Unterstützt«, sagte Marjorie knapp.
Keith blickte finster. Conrad ignorierte ihn und notierte etwas auf einem vor ihm liegenden Block.»Der erste Beschluß des Vorstands lautet, vorläufig unverändert weiterzumachen. «Er schürzte die Lippen.»Vielleicht wäre es gut, wenn wir eine protokollführende Schreibkraft hätten.«
«Sie könnten Rogers Sekretärin nehmen«, schlug ich vor.
«Nein!«Rebecca stürzte sich darauf.»Alles, was wir sagen, ginge sofort an den verdammten Roger weiter. Und Sie hat keiner nach Ihrer Meinung gefragt. Sie sind ein Außenstehender.«
Dart deklamierte feierlich:»O hätten wir die Gabe, uns mit den Augen anderer zu sehen, wir ließen ab von manchen Tölpeleien und verblasenen Ideen.«
«Was?« fragte Rebecca.
«Robert Burns«, sagte Dart.»>An eine Lause.«:
Ich unterdrückte jeden Ansatz eines Lachens. Sonst war offenbar niemand belustigt.
Ich sagte freundlich zu Rebecca:»Sie könnten den Umkleideraum für die Reiterinnen verlegen.«
«Ach ja?«Sie war sarkastisch.»Wohin denn?«
«Das zeige ich Ihnen. Und«, ich wandte mich an Conrad,»Sie könnten den Umsatz in den Bars verdoppeln.«
«Ei der Daus«, ulkte Dart,»was haben wir denn jetzt?«
Ich fragte Conrad:»Liegen schon Detailpläne für die neuen Tribünen vor?«
«Wir bauen keine neue Tribüne!«Marjorie war eisern.
«Wir müssen«, sagte Conrad.»Wir verkaufen das Land«, beharrte Keith.
Ivan zauderte.
«Neue Tribünen«, sagte Rebecca.»Neue Geschäftsleitung. Alles neu. Oder verkaufen.«
«Verkaufen, aber später«, wiederholte Hannah starrsinnig.
«Genau«, nickte Forsyth.
«Nicht solang ich lebe«, sagte Marjorie.
Kapitel 4
Als die Versammlung zu Ende war, wurde mir klar, weshalb sie in diesem unpersönlichen Rahmen auf der Rennbahn abgehalten worden war. Jeder von den Teilnehmern wohnte woanders.
Sie gingen einer nach dem andern hinaus, jeder für sich in einem Stacheldrahtverhau der Selbstgerechtigkeit, und daß ich noch da war, schien allen gleichgültig zu sein.
Nur Dart blickte sich in der Tür noch einmal um und sah, wie ich den Exodus beobachtete.
«Kommen Sie?«sagte er.»Der Spaß ist vorbei.«
Lächelnd trat ich zu ihm, während er mich nachdenklich musterte.
«Lust auf ein Bier?«fragte er und fügte, als ich zögerte, hinzu:»Direkt vor dem Haupteingang ist ein Pub, der den ganzen Tag aufhat. Und ich bin offen gestanden neugierig.«
«Die Neugier beruht auf Gegenseitigkeit.«
Er nickte.»Einverstanden. «Er führte mich auf einem anderen Weg nach unten, als ich heraufgekommen war, und wir kamen in einem Bereich bei den Sattel- und Absattelplätzen heraus, der an dem Renntag von Leuten überfüllt war, aber jetzt standen da nur ein paar Wagen. In jedes Auto stieg ein Stratton, niemand von den Brüdern, den Sprößlingen oder Cousins fand sich zu einem gemütlichen Familienplausch zusammen.