Sie trug ein schwarz gerändertes Plakat mit der unheilvollen Losung TOD DEN RENNBAHNBESUCHERN und erhielt Verstärkung durch eine fröhlicher gestimmte Frau, deren Botschaft-am-Stiel lautete: LASST DIE PFERDE FREI.
Jemand klopfte energisch an das Fenster auf meiner Seite, und als ich mich umdrehte, blickte ich direkt in die blitzenden Augen eines fanatischen jungen Mannes, der den glühenden Eifer eines Apostels an den Tag legte.
«Mörder«, schrie er und wedelte mir mit dem vergrößerten Foto eines Pferdes, das tot neben weißen Rails lag, vor dem Gesicht herum.»Mörder«, schrie er noch einmal.
«Die spinnen doch«, meinte Dart unbekümmert.
«Sie amüsieren sich.«
«Arme Tröpfe.«
Die ganze Empörertruppe hatte sich jetzt um den Wagen geschart, begnügte sich aber mit bösen Blicken und verzichtete auf Tätlichkeiten. Ihr Engagement ging nicht so weit, daß sie uns das Fell gerben wollten. Auf jeden Fall konnten sie sich nachher in dem Gefühl sonnen, ihre Fürsorglichkeit bewiesen zu haben. Ihnen allein würde es nicht gelingen, eine Industrie stillzulegen, die über das sechstgrößte Arbeitskräftepotential im Land gebot, doch um so ungefährlicher fanden sie es wahrscheinlich, dagegen anzugehen.
Bis jetzt, dachte ich beim Anblick ihrer zornig engagierten Gesichter, waren sie noch nicht in die Fänge professioneller Aufwiegler geraten. Vielleicht eine Frage der Zeit.
Dart hatte die Nase voll und ließ sein Auto zentimeterweise vorwärtsrollen. Der bärtige Bremsklotz stemmte sich gegen die Haube. Dart bedeutete ihm, sich zu entfernen. Der Bremser schüttelte die Faust und blieb, wo er war. Dart legte gereizt die Hand auf die Hupe, und der Bremser sprang wie elektrisiert zur Seite. Dart rollte langsam weiter. Die Plakatträgerin stelzte ein paar Schritte neben uns her, blieb jedoch abrupt stehen, als wir das Tor durchquerten. Offenbar hatte sie jemand über unbefugtes Betreten belehrt.
«Wie lästig«, sagte Dart und beschleunigte.»Was glauben Sie, wie lange die das durchziehen?«
«Für Ihre Rennveranstaltung hier am nächsten Montag«, meinte ich,»würde ich Polizei anfordern.«
Kapitel 5
Wo steht Ihr Wagen?«fragte Dart.»Ich fahre hinten raus. Von den Hetzbrüdern habe ich genug. Wo stehen Sie?«
«Ich bin hinten reingekommen«, sagte ich.»Setzen Sie mich da irgendwo ab.«
Er zog die Brauen hoch, sagte aber nur:»In Ordnung «und bog, als wir an der Tribüne vorbei waren, auf den unauffälligen Privatweg zum Haus des Verwalters.
«Wo kommt denn der riesige Bus her?«fragte er rhetorisch, als er ihn erblickte.
«Das ist meiner«, sagte ich, aber die Worte gingen in einem heftigen, entsetzten Ausruf Darts unter, der hinter dem Bus die unbewegte schwarze Silhouette des chauffeurgesteuerten Daimlers seiner Großtante gesichtet hatte.
«Tante Marjorie! Was zum Teufel tut sie hier?«
Er parkte seine Rostlaube neben dem blitzenden Prachtstück und entschloß sich wenig begeistert, der Sache nachzugehen. Der Anblick, der sich uns bot, als wir an dem modernen, gepflegten Verwalterhaus um die Ecke bogen, ließ mich in hilfloses Gelächter ausbrechen, auch wenn sonst niemand lachte.
Das zweiflügelige Garagentor stand offen. Die Garage war ausgefegt und leer. Ihr einstiger Inhalt lag in unordentlichen Haufen auf der Zufahrt — Gartengeräte, Pappkartons, ein Vorrat an Dachziegeln und etliche Rollen Nylonnetz zum Abdecken von Erdbeerbeeten. Als Schrott beiseitegestellt waren ein ausgeschlachteter Kühlschrank, ein vergammelter Kinderwagen, eine verbeulte Metalltruhe, ein von Mäusen zerfressenes Sofa und ein Wust von rostigem Draht.
Davor standen fünf unterschiedlich junge Helfer ziemlich desperat in mehr oder weniger soldatischer Haltung, während eine liebenswürdige, aber von höherer Gewalt bedrohte Mrs. Roger Gardner sie vergebens in Schutz zu nehmen suchte.
Marjories schneidende Stimme sagte soeben:»Es ist ja gut und schön, wenn ihr das ganze Zeug da rausholt, Jun-gens, aber so liegenlassen könnt ihr es nicht. Schafft sofort alles wieder rein.«
Die arme Mrs. Gardner sagte händeringend:»Aber Mrs. Binsham, ich wollte doch nur, daß sie die Garage ausräumen…«
«Dieses Durcheinander ist eine Zumutung. Tut, was ich sage, Jungens. Alles wieder zurück.«
Christopher, der sich verzweifelt umblickte und mich mit Dart kommen sah, klammerte sich an uns, als seien wir die rettenden Engel in einem Gruselschocker.
«Papa!«stieß er hervor.»Wir haben die Garage leergeräumt.«
«Ja, prima.«
Marjorie fuhr auf einem Absatz herum und lenkte ihren Unwillen auf Dart und mich, doch die Eröffnung, daß ich der Vater des Arbeitstrupps war, verschlug ihr erst einmal die Sprache.
«Mr. Morris«, sagte Roger Gardners Frau hastig,»Ihre Kinder waren großartig. Bitte glauben Sie mir.«
Ein mutiges Wort, wenn man bedachte, wie sehr ihr
Mann den Launen der Familie Stratton ausgeliefert war! Ich dankte ihr herzlich, daß sie so nett gewesen war, die Kinder zu beschäftigen, während ich an der Hauptversammlung teilgenommen hatte.
Marjorie Binsham sah mich durchdringend an, wandte sich aber an Dart, und ihr Mißvergnügen schwang in der Luft.
«Was tust du hier mit Mr. Morris?«
Dart sagte feige:»Er wollte Stratton Hays sehen.«
«Was du nicht sagst. Stratton Hays geht ihn nichts an. Aber diese Rennbahn, hätte ich gedacht, geht dich etwas an. Dich und deinen Vater. Und wie kümmert ihr euch darum? Ich muß hier rundfahren und nach dem Rechten sehen. Colonel Gardner und ich, nicht du und dein Vater, haben eine eingehende Besichtigung der Bahn vorgenommen.«
Ich konnte ebensogut wie sie sehen, daß Dart überhaupt noch nicht darauf gekommen war, er könne in irgendeiner Form für den Zustand der Bahn verantwortlich sein. Sie war bisher nicht in sein Aufgabengebiet gefallen. Er öffnete den Mund und schloß ihn wieder, verwahrte oder verteidigte sich aber nicht.
Ein erschöpft wirkender Colonel kam mit einem Jeep angebraust, sprang heraus und versicherte Marjorie Bins-ham, er habe ihre Anweisung, den Zuschauerabstand zu den Hindernissen zu vergrößern, damit es keine Verletzten mehr gab, bereits in die Tat umgesetzt.
«Das ist nicht meine Aufgabe«, hielt sie Dart vor.»Ein paar Pfosten, ein Seil, ein Schild >Bitte zurücktretenc, mehr braucht es nicht. Warum denkst du nicht daran? Die Rennbahn hat eine viel zu schlechte Presse. Noch ein Debakel wie vorigen Sonnabend können wir uns nicht leisten.«
Niemand wies darauf hin, daß die Pferde und nicht die Zuschauer das Unglück verursacht hatten.
«Außerdem«, fuhr Marjorie fort,»mußt du mit deinem Vater die Leute da am Haupteingang vertreiben. Die lok-ken sonst Chaoten aus der ganzen Gegend an, und die Rennbahnbesucher bleiben wegen der Belästigung zu Hause. Das macht der Bahn genauso schnell den Garaus wie die hirnverbrannten Pläne von Keith und deinem Vater. Und erst Rebecca! Falls es dich interessiert, bei der Gruppe am Tor ist eine Frau, die sehr viel Ähnlichkeit mit ihr hat. Bis jetzt ist es nur eine Gruppe. Sieh zu, daß kein Mob daraus wird.«
«Ja, Tante Marjorie«, sagte Dart. Es war ein bißchen viel verlangt. Da wäre wohl jeder überfordert gewesen.
«Demonstranten wollen keinen Erfolg haben«, hob Marjorie hervor.»Sie wollen demonstrieren. Sag ihnen mal, sie sollen für bessere Bedingungen in der Pferdepflege demonstrieren. Die Pferde werden genug gehätschelt. Die Pfleger nicht.«