Niemand merkte an, daß verletzte Pfleger gewöhnlich am Leben blieben.
«Nun zu Ihnen, Mr. Morris«, sie fixierte mich mit einem scharfen Blick,»ich möchte mit Ihnen reden. «Sie wies auf ihren Wagen.»Da drin.«
«In Ordnung.«
«Und ihr räumt jetzt sofort dieses Durcheinander auf, Kinder. Colonel, ich weiß nicht, was Sie sich dabei gedacht haben. Das ist ja ein Müllplatz hier.«
Sie rauschte zu ihrem Wagen hinüber, ohne sich zu überzeugen, ob ich mitkam, aber ich folgte ihr.
«Mark«, sagte sie zu ihrem Chauffeur, der hinter dem Steuer saß,»bitte machen Sie einen Spaziergang.«
Er tippte an seine Uniformmütze und gehorchte ihr, als sei er die Order gewohnt, und seine Chefin wartete an der hinteren Wagentür, bis ich sie ihr öffnete.
«Gut«, sagte sie und nahm auf der geräumigen Rückbank Platz.»Bitte setzen Sie sich zu mir.«
Ich setzte mich wie angewiesen und zog die Tür zu.
«In Stratton Hays«, kam sie gleich zur Sache,»hat Ihre Mutter mit Keith gewohnt.«
«Ja«, bestätigte ich erstaunt.
«Wollte sie, daß Sie es sich ansehen?«
«Dart hat es mir freundlicherweise angeboten. Ich war so frei.«
Sie musterte mich schweigend.
«Nach ihrem Weggang habe ich Madeline nie wiedergesehen«, sagte sie schließlich.»Ich war mit ihrem Schritt nicht einverstanden. Hat sie Ihnen das erzählt?«
«Ja, schon, aber nach all den Jahren war sie Ihnen nicht mehr böse. Sie sagte, Sie hätten Ihren Bruder gedrängt, mit der übrigen Familie gegen sie Front zu machen, aber sie war Ihrem Bruder zugetan.«
«Es hat lange gedauert«, sagte sie,»bis ich herausfand, was für ein Mensch Keith ist. Wußten Sie, daß seine zweite Frau sich umgebracht hat? Als ich meinem Bruder sagte, Keith hätte Pech bei der Wahl seiner Frauen, meinte er, das sei kein Pech, es liege an Keith selber. Er sagte, Ihre Mutter habe die kleine Hannah wegen der Umstände ihrer Empfängnis nicht lieben und nicht pflegen können. Sie hatte meinem Bruder gesagt, ihr werde übel, wenn sie das Kind nur anfasse.«
«Das hat sie mir nicht erzählt.«
Marjorie sagte:»Ich möchte Sie hiermit um Entschuldigung dafür bitten, wie ich Ihre Mutter behandelt habe.«
Ich überlegte nur kurz, was wohl im Sinne meiner Mutter gewesen wäre.»Einverstanden«, sagte ich.
«Danke.«
Ich dachte, damit sei die Unterredung beendet, doch schien es nicht so.»Keiths dritte Frau ist ihm weggelaufen und hat sich wegen unheilbarer Zerrüttung der Ehe scheiden lassen. Jetzt hat er eine vierte Frau, Imogen, die ist die halbe Zeit betrunken.«
«Warum läuft sie ihm nicht auch weg?«fragte ich.
«Sie will oder kann nicht zugeben, daß sie einen Fehler gemacht hat.«
Das kam meiner eigenen Gefühlssituation nah genug, um mir die Sprache zu verschlagen.
«Keith«, sagte seine Tante,»ist der einzige Stratton, der knapp bei Kasse ist. Das weiß ich von Imogen. Sie kann nach dem sechsten Glas Wodka den Mund nicht halten. Keith hat Schulden. Deshalb drängt er auf den Verkauf der Rennbahn. Er braucht das Geld.«
Ich betrachtete das Bild, das Marjorie nach außen bot: die kleine alte Dame hoch in den Achtzigern, mit welligem weißem Haar, zartrosa Lippen, blasser Haut und dunklen Falkenaugen.
Der scharfe, energische Verstand und die bündige Sprache kamen vielleicht den Eigenschaften des Finanzgenies am nächsten, das die Familie Stratton gegründet hatte.
«Ich war wütend auf meinen Bruder, weil er Madeline damals die Anteile gegeben hat«, sagte sie.»Er konnte mitunter starrköpfig sein. Jetzt, nach all den Jahren, bin ich froh, daß er es getan hat. Ich bin froh«, schloß sie langsam,»daß jemand von außerhalb der Familie da ist, der ein wenig Objektivität und Augenmaß in das Stratton-Treibhaus bringen kann.«»Ob ich das kann, weiß ich nicht.«
«Entscheidend ist«, sagte sie,»ob Sie es wollen. Oder vielmehr, wie sehr Sie es wollen. Hätten Sie überhaupt kein Interesse, wären Sie heute hier nicht aufgetaucht.«
«Das stimmt.«
«Sie könnten mir einen Gefallen tun«, sagte sie,»wenn Sie herausfänden, wieviel Schulden Keith hat und bei wem. Und wenn Sie herausfinden würden, in welcher Beziehung Conrad zu dem von ihm beauftragten Architekten steht, der laut Colonel Gardner den Rennsport nicht kennt und im Begriff ist, ein Monstrum zu entwerfen. Der Colonel meint, wir brauchten eher einen Architekten wie den, der Ihr Haus gebaut hat, aber der entwerfe nur im kleineren Stil.«
«Der Colonel hat Ihnen gesagt, daß er bei mir war?«
«Das Vernünftigste, was er in diesem Jahr getan hat.«
«Sie erstaunen mich.«
«Ich möchte Sie als Verbündeten«, sagte sie.»Helfen Sie mir, die Rennbahn zum Erfolg zu führen.«
Ich bemühte mich, mir über meine gemischten Gefühle klarzuwerden, und noch aus diesem inneren Widerstreit, nicht aus wohl durchdachten Gründen, kam meine Antwort.
«Na schön, ich will es versuchen.«
Sie streckte eine kleine Hand aus, um die Übereinkunft zu besiegeln, und ich ergriff sie, eine bindende Verpflichtung.
Marjorie ließ sich davonfahren, ohne der entrümpelten Garage erst noch einen Besuch abzustatten, und das war auch ganz gut, denn ich fand das Durcheinander dort unverändert vor, und die Jungen, die Gardners und Dart saßen in der Gardnerschen Küche und räumten mit einem Kuchen auf. Heller Rosinenkuchen, warm und duftend, frisch aus dem Ofen. Christopher fragte nach dem Rezept,»damit Pa den im Bus backen kann«.
«Pa kann kochen?«fragte Dart ironisch.
«Pa kann alles«, sagte Neil schmatzend.
Pa, dachte ich bei mir, hatte sich wahrscheinlich gerade aus einem Impuls heraus auf den sichersten Weg zum Mißerfolg begeben.
«Colonel — «, setzte ich an.
Er unterbrach.»Sagen Sie Roger zu mir.«
«Roger«, sagte ich,»kann ich… ich meine, kann der Architekt, der mein Haus entworfen hat, morgen mal herkommen und die Tribünen so, wie sie jetzt sind, besichtigen? Sie werden ja bestimmt fachmännisch beraten, was die Bausubstanz und so weiter angeht, aber könnten wir mal noch ein unabhängiges Gutachten einholen, um festzustellen, ob neue Tribünen für eine rentable Zukunft unbedingt nötig sind oder nicht?«
Dart hörte mittendrin auf, sein Stück Kuchen zu kauen, und Roger Gardners Gesicht verlor etwas von seinem gewohnt düsteren Ausdruck.
«Mit Vergnügen«, sagte er,»aber nicht morgen. Ich habe die Rennbahnarbeiter bestellt, und die werden in voller Besetzung hier sein und alles für die Veranstaltung am Montag in Schuß bringen.«
«Am Freitag also?«
Er meinte zweifelnd:»Das wäre der Karfreitag. Wir haben ja Ostern. Vielleicht möchte Ihr Fachmann an Karfreitag nicht arbeiten.«
«Der tut, was ich ihm sage«, erwiderte ich.»Ich bin es selbst.«
Roger und auch Dart waren überrascht.
«Ich bin staatlich geprüfter Architekt«, sagte ich sanft.»Ich habe fünf anstrengende Jahre an der Bauschule der Architectural Association studiert, einer der anspruchsvollsten überhaupt. Es stimmt, daß ich mich mit Häusern lieber als mit Hochbauten befasse, und zwar, weil horizontale Linien, die sich in die Natur einfügen, mir mehr entsprechen. Ich bin ein Schüler von Frank Lloyd Wright, nicht von Le Corbusier, falls Ihnen das etwas sagt.«
«Die Namen kenne ich«, meinte Dart.»Aber wer kennt sie nicht?«
«Frank Lloyd Wright«, sagt ich,»hat das Auslegerdach entwickelt, das man weltweit auf neueren Tribünen sieht.«
«Wir haben kein Auslegerdach«, sagte Roger nachdenklich.
«Nein, aber schauen wir mal, was Sie haben und auf was Sie getrost verzichten können.«
Darts Einstellung zu mir hatte sich ein wenig geändert.
«Sie sagten, Sie seien Bauunternehmer«, hielt er mir vor.
«Das bin ich auch.«
Dart sah die Kinder an.»Was macht euer Vater?«fragte er.