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Ich ließ aus Versehen eine Rolle Zeichnungen zusammenschnurren.»Wieso denn?«fragte ich und versuchte sie wieder auseinanderzudrehen.

«Ich habe so weiße Kabel gesehen, Papa, die durch die Wände laufen.«

«Was für Kabel?«

«Weißt du noch, wie sie den Schornstein hochgejagt haben?«

Ich überließ die Pläne sich selbst und konzentrierte mich ganz auf meinen aufmerksamen Sohn. Mein Herz übersprang einen Schlag. Ich erinnerte mich sehr gut an den hochgejagten Schornstein.

«Wo sind die Kabel?«fragte ich, um Ruhe bemüht.

Neil sagte:»In der Nähe der Bar, wo der Boden so riecht.«

«Wovon redet er bloß?«wollte Roger wissen.

«Wo sind deine Brüder?«sagte ich knapp.

«Auf der Tribüne. Sie haben sich versteckt. Ich weiß nicht, wo. «Neils Augen waren groß.»Sie dürfen nicht in die Luft gehen, Papa.«

«Nein. «Ich wandte mich an Roger.»Können Sie die Lautsprecheranlage für die Tribüne einschalten?«

«Was in aller — «

«Können Sie’s?«Ich merkte, wie die Panik in mir hochstieg; kämpfte sie nieder.

«Aber — «

«Herrgott noch mal«, und ich brüllte ihn ungerechterweise fast an.»Neil sagt, er hat Sprengschnur und Sprengladungen auf der Tribüne gesehen.«

Rogers Gesicht erstarrte.»Ist das Ihr Ernst?«

«So wie bei dem Fabrikschornstein?«fragte ich Neil, um sicherzugehen.

«Ja, Papa. Genauso. Nun komm doch.«

«Die Lautsprecher«, drängte ich Roger zutiefst beunruhigt.

«Ich muß die Kinder sofort da wegholen.«

Er warf mir einen verdatterten Blick zu, setzte sich aber endlich in Bewegung, und wir eilten aus seinem Büro und rannten fast durch den Führring zum Waageraum, während er seinen Schlüsselbund hervorholte. Wir standen an der Tür des Büros von Oliver Wells; vor der Höhle des Vereinssekretärs.

«Wir haben die Lautsprecher gestern getestet«, sagte Roger, etwas umständlich hantierend.»Sind Sie auch sicher? Er ist noch so klein. Er hat sich bestimmt geirrt.«

«Lassen Sie es nicht drauf ankommen«, sagte ich und hätte ihn am liebsten an den Schultern gerüttelt.

Er brachte die Tür endlich auf und ging zu einer mit Blech verkleideten Schaltanlage.

«So«, sagte er und drückte auf eine Taste.»Sie können direkt von hier aus sprechen. Muß nur das Mikrofon anschließen.«

Er holte ein altmodisches Mikro aus einer Schublade, schob den Stecker ein und gab es mir.»Sprechen Sie«, sagte er.

Ich holte Luft und bemühte mich um einen eindringlichen, möglichst aber nicht beunruhigendenTon, obwohl mir selbst die Angst im Nacken saß.

«Hier ist Papa«, sagte ich gedehnt, damit sie mich genau verstehen konnten,»Christopher, Toby, Edward, Alan, auf der Tribüne ist es gefährlich. Wo immer ihr euch versteckt haltet, jetzt verlaßt die Tribüne und kommt zu dem Tor an den Rails, da, wo wir vorigen Sonntag die Bahn runtergegangen sind. Kommt vorn heraus und versammelt euch an dem Tor. Das Tor ist der Treffpunkt. Kommt sofort. Das Bastillespiel ist erst mal aus. Ihr müßt unbedingt sofort zu dem Tor kommen, durch das wir auf die Bahn gegangen sind. Es ist nicht weit vom Ziel weg, und jetzt ab mit euch. Die Tribüne ist gefährlich. Sie kann jeden Augenblick in die Luft gehen.«

Ich schaltete kurz aus und sagte zu Neiclass="underline" »Weißt du, wie man zu dem Tor kommt?«

Er nickte und beschrieb mir genau den Weg.

«Dann geh du bitte auch hin, damit die anderen dich sehen, ja? Und sag ihnen, was du entdeckt hast.«

«Ja, Papa.«

Ich sagte zu Roger:»Haben Sie den Schlüssel für das Tor?«

«Ja, aber — «

«Es wäre mir lieber, sie könnten da raus und hinüber ans Ziel laufen. Selbst das ist vielleicht noch nicht weit genug.«

«Jetzt übertreiben Sie ja wohl«, wandte er ein.

«Das hoffe ich zu Gott.«

Neil hatte nicht gewartet. Ich sah die kleine Gestalt davonrennen.»Wir haben uns mal angesehen, wie ein alter Fabrikschlot gesprengt wurde«, erklärte ich Roger.»Die Jungen waren fasziniert. Sie haben auch gesehen, wie die Ladungen angebracht wurden. Das ist erst drei Monate her. «Ich sprach wieder in das Mikrofon.»Kommt runter an das Tor, Jungs. Es ist sehr, sehr dringend. Die Tribünen sind gefährlich. Sie können in die Luft gehen. Lauft schnell. «Ich wandte mich an Roger.»Würden Sie ihnen das Tor aufschließen?«

Er sagte:»Warum gehen Sie nicht selbst?«

«Wäre es nicht besser, ich sehe mal nach der Schnur?«

«Aber — «

«Also ich muß doch klären, ob Neil recht hat, oder? Und wir wissen ja auch nicht, wann die Ladungen gezündet werden sollen. Das kann in fünf Minuten, in fünf Stunden oder heute abend im Dunkeln sein. Die Jungen darf ich aber nicht gefährden. Die müssen sofort raus.«

Roger schluckte und erhob keine Einwände mehr. Beide liefen wir aus dem Büro und zur Tribünenvorderseite, er, um das Tor aufzuschließen, ich, um festzustellen, ob sie alle in Sicherheit waren.

Das Grüppchen am Tor wuchs auf vier an, als Neil dazustieß. Vier, nicht fünf.

Vier. Nicht Toby.

Ich rannte in Olivers Büro zurück und ergriff das Mikrofon.

«Toby, das ist jetzt kein Spiel. Komm von der Tribüne runter, Toby. Es ist gefährlich auf der Tribüne. Toby, tu um Himmels willen, was ich sage. Das ist jetzt kein Spiel.«

Ich hörte meine Stimme überall im Gebäude und auf den Sattelplätzen widerhallen. Ich wiederholte den Aufruf und lief dann erneut um die Tribüne herum nach vorn, um zu sehen, ob Toby gehört und gehorcht hatte.

Vier Jungen. Vier Jungen und Roger gingen über die Bahn zur Ziellinie. Sie liefen nicht. Wenn Toby sie sah, würde er keinen Grund zur Eile erkennen.

«Du kleiner Mistkerl, komm«, sagte ich leise. »Hör einmal in deinem Leben auf mich.«

Ich lief wieder ans Mikrofon und sagte es unverblümt und laut.»Auf der Tribüne sind Sprengladungen, Toby, hörst du mich? Erinnerst du dich an den Fabrikschornstein? So kann auch die Tribüne hochgehen. Komm schnell da raus, Toby, und lauf zu den anderen.«

Wieder lief ich auf den Platz vor der Tribüne, und wieder tauchte Toby nicht auf.

Ich war kein Abbruchspezialist. Wenn ich ein Gebäude bis auf die Grundmauern abreißen wollte, machte ich das gewöhnlich Stein für Stein und rettete, was noch zu retten war. Im Augenblick wäre ich froh gewesen, ich hätte mehr gewußt. Das Wichtigste war auf alle Fälle, mich davon zu überzeugen, was Neil gesehen hatte, und dafür mußte ich die Haupttreppe hinaufgehen, an der auch die Bar mit dem scharf riechenden Fußboden lag; die Mitgliederbar, in der immer so beklagenswert wenig Betrieb war.

Ich hatte bemerkt, daß es die gleiche Treppe war, die auf einer Ebene durch eine Flügeltür zu den geheiligten, mit Teppich ausgelegten Räumen der Strattons führte. Den Plänen und auch meiner Erinnerung nach war diese Treppe die vertikale Schlagader zur Versorgung aller Etagen der Haupttribüne; das Kernstück des ganzen Hauptgebäudes.

Oben befand sich ein großer verglaster Raum wie ein Kontrollturm, von dem aus die Mitglieder der Rennleitung mit mächtigen Ferngläsern den Rennen zuschauten. Ein moderner Ableger der Treppe führte noch eins höher zu einem Presseraum mit Fernsehanlage, dem Horst für die Bahnsprecher und die schreibende Zunft.

Auf anderen Ebenen gelangte man über die Treppe nach innen zu einem Mitglieder-Speiseraum und nach draußen zu einer Abteilung luftiger, den Elementen ausgesetzter Stehplätze. Im ersten Stock führte ein Gang zu einer Reihe von Logen mit zierlichen, leichten weißen Holzstühlen zur Entlastung der müden Beine reicher Leute.

Ich lief von der Tribünenfront zur Treppe und hinauf zu der stinkenden Mitgliederbar. Die Tür der Gaststube war verschlossen, aber an der weiß gestrichenen Flurwand lief knapp einen halben Meter über dem Boden eine unscheinbare, dicke weiße Schnur entlang, die aussah wie die Wäscheleinen, auf denen man im Garten hinterm Haus die nassen Sachen trocknet.