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In Abständen war die Schnur in die Wand eingelassen und kam wieder zum Vorschein, um schließlich in einem durchgehenden Bohrloch zwischen Flur und Bar außer Sicht zu verschwinden.

Neil hatte sich nicht geirrt. Die weiße PseudoWäscheleine war tatsächlich eine sogenannte» Sprengschnur«, die mit einer Geschwindigkeit von rund achtzehntausend Metern pro Sekunde detonieren und alles, was an ihrem Weg lag, in die Luft jagen konnte. Überall da, wo die Schnur in die Wand eingelassen war, befand sich wahrscheinlich eine komprimierte Ladung Plastiksprengstoff. Kompression erhöht immer die Wirkung von Sprengmitteln.

Sprengschnur ist nicht zu vergleichen mit der herkömmlichen Zündschnur, die langsam einem Objekt mit der Aufschrift BOMBE entgegenzischelt wie in Comics und alten Wildweststreifen. Sprengschnur ist selbst ein Sprengmittel; und diese hier lief mindestens vom Stockwerk unter mir bis zum nächsthöheren an den Wänden des Treppenhauses entlang.

Ich brüllte aus vollem Hals, so laut ich konnte:»Toby!«Brüllte» Toby «nach oben und» Toby!«nach unten und bekam keinerlei Antwort.

«Toby, falls du hier bist, hier ist alles voll Sprengstoff. «Ich rief es die Treppe hinauf, die Treppe hinunter.

Nichts.

Er mußte woanders sein, dachte ich. Aber wo? Wo? Alle Gebäude hier konnten mit Sprengschnurgirlanden behan-gen sein, vom Club über den Tattersalls-Ring, wo an Renntagen die Buchmacher ihre Stände aufschlugen, bis zu dem billigsten der drei Ränge, wo es fast mehr Gaststuben als Sitzreihen gab.

«Toby!«rief ich, und die Antwort war Schweigen.

Es bestand keine Aussicht, daß ich auf wunderbare Weise einen offenbar sorgfältig geplanten Anschlag vereiteln konnte. Dazu wußte ich zu wenig — ich wußte nicht einmal, wo ich hätte anfangen sollen. Das Wichtigste für mich war auf alle Fälle die Sicherheit meines Sohnes, und so wandte ich mich wieder hinaus ins Freie, um den Riesenkomplex ein Stück hinunterzulaufen und es noch einmal zu versuchen.

Gerade wollte ich losrennen, da hörte ich einen winzigen Laut, und mir war, als käme er von weiter oben, von irgendwo über mir.

Ich stürzte zwei Etagen höher zum Richternest, dem Ausguck der Rennleitung, und rief noch einmal. Ich suchte die Tür des Raumes zu öffnen, und wie so viele war sie abgesperrt. Da konnte er nicht drin sein, doch ich rief trotzdem.

«Toby, falls du da bist, komm bitte raus. Hier kann alles jeden Moment in die Luft fliegen. Bitte, Toby. Bitte.«

Nichts. Falscher Alarm. Ich wollte wieder nach unten, um woanders weiterzusuchen.

Ein zittriges Stimmchen sagte:»Papa?«

Ich wirbelte herum. Er schälte sich gerade aus seinem maßgeschneiderten Versteck, einem spinnbeinigen kleinen Sideboard neben einer leeren Reihe Garderobenhaken für die Hüte und Mäntel der Rennleitungsmitglieder.

«Gott sei Dank«, sagte ich knapp.»Komm jetzt.«

«Ich war der entflohene Sträfling«, sagte er und richtete sich auf.»Wenn sie mich entdeckt hätten, wäre ich wieder in die Bastille gekommen.«

Ich hörte kaum hin. Ich wußte bei aller Erleichterung nur, daß wir keine Zeit verlieren durften.

«Geht die Tribüne wirklich hoch, Papa?«

«Hauen wir erst mal ab.«

Ich nahm ihn bei der Hand und zog ihn mit zur Treppe, da machte es Rrrums unter uns, dann kam ein Blitz, ein fürchterliches Krachen, und alles um uns her geriet ins Wanken — ungefähr so, wie ich mir ein Erdbeben vorstellte.

Kapitel 6

In dem Sekundenbruchteil, der ein Denken noch zuließ, schrien Verstand und Instinkt mir zu, daß die Treppe selbst, mit Sprengstoff bekränzt und umwickelt, eine Todesfalle war.

Ich schlang die Arme um Toby, drehte mich auf dem schwankenden Boden herum, wobei ich noch fast ausglitt, und warf mich mit aller durch die Arbeit antrainierten Kraft zurück in Richtung von Tobys Schrankversteck neben dem Richternest.

Das Herz von Stratton Park wurde eingedrückt. Die Treppe riß und barst und krachte, als die Wände ringsherum einstürzten und die anliegenden Räume zu offenen, ausgezackten Höhlen wurden. Die Tür zum Richternest flog auf, die Aussichtsfenster zersprangen zu scharfen Speerspitzen. Der entsetzliche Lärm betäubte die Ohren. Die Tribüne brach mit einem kreischenden Geräusch auseinander, Holz gegen Holz gegen Ziegel gegen Beton gegen Stein gegen Stahl.

Mit Toby unter mir fiel ich nach vorn und suchte hastig einen Halt für die Füße, um nicht auf die zerstörte Treppe zuzurutschen; und der alles überragende Turm, der Aussichtspunkt für Presse und Fernsehen, krachte durch Dek-kenbalken und Putz auf uns herunter und ging als scharfkantiger Schutt in unmöglichen Winkeln über meinem Rücken und meinen Beinen nieder. Mir war, als könnte ich nicht mehr atmen. Wellen stechenden Schmerzes nagelten mich am Boden fest. Jede Bewegung war unmöglich.

Schwarze Rauchschwaden, die von der Treppe heraufstiegen, füllten die Lungen, verstopften sie und lösten Hustenkrämpfe aus, aber da war kein Platz zum Husten.

Das Getöse legte sich allmählich. Von tief unten ein leises Knarren, hin und wieder ein Krachen. Überall schwarzer Qualm, grauer Staub. In mir, Schmerzen.

«Papa«, sagte Tobys Stimme,»du erdrückst mich. «Auch er hustete.»Ich kriege keine Luft, Papa.«

Ich sah verwirrt auf ihn herunter. Sein brauner Haarschopf ging mir bis ans Kinn. Unpassenderweise — aber die Gedanken kommen nun einmal, wie sie wollen — dachte ich daran, wie seine Mutter sich früher oft beklagt hatte:»Lee, du erdrückst mich«, und wie ich mich dann, um ihr nicht so schwer zu sein, auf die Ellbogen gestützt und in ihre schimmernden, lachenden Augen geschaut und sie geküßt hatte, worauf sie schließlich meinte, eines Tages würde ich ihr mit meiner Kraft noch die Lungen eindrük-ken und die Rippen brechen und sie vor Liebe ersticken.

Ihr die Lungen eindrücken, die Rippen brechen, sie ersticken… du lieber Gott.

Mit einiger Mühe brachte ich meine Ellbogen in die vertraute Stützlage und wandte mich Amandas zwölfjährigem Sohn zu.

«Rutsch raus«, sagte ich hustend.»Schieb dich nach oben raus, den Kopf voran.«

«Papa… du bist zu schwer.«

«Nun komm«, sagte ich,»du kannst hier nicht den ganzen Tag liegen. «Anders ausgedrückt, ich wußte nicht, wie lange ich mich von ihm wegstemmen konnte, um ihn nicht umzubringen.

Ich kam mir vor wie Atlas, nur daß die Welt nicht auf meinen Schultern lag, sondern unter ihnen.

Ungeachtet der Situation schien die Sonne zu uns herein. Oben blauer Himmel, zu sehen durch das Loch im Dach. Der schwarze Qualm zog da hindurch und löste sich allmählich auf. Toby zwängte sich in krampfhaften kleinen Rucken nach oben, bis sein Gesicht gleichauf mit meinem war. Seine braunen Augen sahen entsetzt aus, und entgegen seiner Gewohnheit weinte er.

Ich gab ihm einen Kuß auf die Wange, was er normalerweise nicht mochte. Diesmal schien es ihn nicht zu kümmern, und er wischte ihn auch nicht ab.

«Es ist schon gut«, sagte ich.»Es ist vorbei. Uns ist nichts passiert. Wir müssen nur sehen, daß wir hier rauskommen. Rutsch weiter. Du machst das prima.«

Er schob sich mühsam, Zentimeter für Zentimeter, heraus, indem er Mauerstücke aus dem Weg stieß. Ich hörte ihn noch schluchzen, aber er jammerte nicht. Schließlich kniete er ein wenig keuchend in Höhe meiner rechten Schulter und hustete ein paarmal.

«Gut gemacht«, sagte ich. Ich ließ meinen Brustkorb auf den Boden sinken. Keine übermäßige Erleichterung, außer für meine Ellbogen.

«Papa, du blutest.«

«Halb so schlimm.«

Neuerliches Schluchzen.