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«Hör auf zu weinen«, sagte ich.

«Der Mann da«, sagte er,»das Pferd hat ihm in die Augen getreten.«

Ich drehte den rechten Unterarm in seine Richtung.»Nimm meine Hand«, sagte ich. Zögernd legte er die Finger in meine Handfläche, und ich umfaßte sie leicht.

«Schau mal«, sagte ich,»es passieren wirklich böse Sachen. Das Gesicht von dem Mann wirst du dein Leben lang nicht vergessen. Aber du wirst immer seltener daran denken und nicht, wie jetzt, die ganze Zeit. Du wirst auch nicht vergessen, wie die Tribüne hier über uns eingestürzt ist. Eine Menge Leute tragen wirklich schreckliche Erinnerungen mit sich herum. Wenn du über den Mann da reden willst, höre ich dir immer zu.«

Er drückte mir heftig die Hand und ließ sie dann los.

«Wir können hier nicht ewig herumhängen«, sagte er.

Trotz unserer reichlich ungünstigen Lage mußte ich lächeln.

«Es ist anzunehmen«, bemerkte ich,»daß deine Brüder und Colonel Gardner die Umgestaltung der Tribüne mitgekriegt haben. Also wird jemand kommen.«

«Ich kann ja mal aus dem kaputten Fenster winken, damit sie sehen, wo wir sind.«

«Bleib, wo du bist«, sagte ich scharf.»Jedes Stück Boden kann einstürzen.«

«Doch nicht hier, Papa. «Er blickte wild um sich.»Der Boden unter uns auch, Papa?«

«Der hält schon«, sagte ich und hoffte nur, daß es auch stimmte. Der ganze Flur fiel jetzt allerdings schräg nach dem Loch hin ab, wo die Treppe gewesen war, und ich hätte nicht ausgelassen darauf herumturnen mögen.

Der Druck der Trümmer von Decke, Dach und Presseturm auf meinem Rücken und meinen Beinen hielt unvermindert an und nagelte mich fest. Aber ich konnte die Zehen in den Schuhen bewegen, und ich spürte mehr als genug. Wenn der Bau nicht unter dem zunehmenden inneren Druck noch weiter nachgab, kam ich womöglich mit klarem Kopf, einer intakten Wirbelsäule, zwei Händen, zwei Füßen und einem unverletzten Sohn davon. Alles in allem gar nicht übel. Ich hoffte trotzdem, daß die Retter sich beeilten.

«Papa?«

«Mhm?«

«Mach nicht die Augen zu.«

Ich öffnete sie und ließ sie offen.

«Wann kommt denn jemand?«fragte er.

«Bald.«

«Ich kann nichts dafür, daß die Tribüne explodiert ist.«

«Natürlich nicht.«

Nach einer Pause sagte er:»Ich dachte, du machst nur Spaß.«

«Mhm.«

«Es ist nicht meine Schuld, daß du dich verletzt hast, oder?«

«Nein. «Ich sah ihm aber an, daß er noch nicht beruhigt war. Ich sagte:»Wenn du dich nicht ganz hier oben versteckt hättest, wäre ich vielleicht weiter unten an der Treppe gewesen, als die Explosion kam, und dann wäre ich jetzt wahrscheinlich tot.«

«Meinst du wirklich?«

«Ja.«

Es war sehr still. Fast als wäre nichts geschehen. Versuchte ich mich zu bewegen, sah das schon anders aus…

«Woher hast du gewußt, daß der Bau hochgeht?«sagte Toby.

Ich erklärte ihm, daß Neil die Sprengschnur gesehen hatte.

«Ihm verdanken wir«, sagte ich,»daß ihr nicht alle fünf ums Leben gekommen seid.«»Mir ist keine Schnur aufgefallen.«

«Aber du weißt ja, wie Neil ist.«

«Dem entgeht nichts.«

«Nein.«

In der Ferne hörten wir — endlich — Sirenen. Erst eine, dann mehrere, dann ein ganzes Heulkonzert.

Toby wollte aufstehen, aber ich sagte ihm noch einmal, er solle sich nicht rühren, und bald darauf ertönten Stimmen unter uns auf der Rennbahn, und mein Name wurde gerufen.

«Sag ihnen, daß wir hier sind«, sagte ich zu Toby, und er rief mit seiner hohen Stimme:»Hier sind wir. Wir sind hier oben.«

Es war kurz still, dann rief eine Männerstimme:»Wo?«

«Sag ihnen, neben dem Richternest«, sagte ich.

Toby gab die Information weiter und bekam als Antwort wieder eine Frage.

«Ist dein Vater bei dir?«

«Ja.«

«Kann er reden?«

«Ja. «Toby sah mich an und gab ihnen von sich aus näher Auskunft.»Er kann sich nicht bewegen. Ein Teil vom Dach ist eingestürzt.«

«Wartet.«

«Okay?«fragte ich Toby.»Ich hab dir ja gesagt, daß sie kommen.«

Wir hörten Geklirr und Geklapper und geschäftsmäßiges Rufen von draußen, weit weg. Toby zitterte, aber nicht vor Kälte, denn die Mittagssonne wärmte uns noch, sondern vor anhaltendem Schock.»Sie kommen jetzt bald«, sagte ich.

«Was machen die denn?«»Sie bringen wahrscheinlich ein Gerüst an.«

Sie kamen von der Rennbahnseite herauf, wo die Sitzreihen aus Stahlbeton und die Stahlträger, wie sich zeigte, die Explosion nahezu unbeschädigt überstanden hatten. Ein Feuerwehrmann mit einem großen Helm und leuchtend gelber Jacke tauchte plötzlich vor den zerbrochenen Fenstern des Richternests auf und spähte herein.

«Jemand zu Hause?«rief er aufgeräumt.

«Ja. «Toby stand fröhlich auf, und ich befahl ihm sofort, sich nicht zu rühren.

«Aber Papa — «

«Rühr dich nicht.«

«Bleib schön da, junger Mann. Wir holen dich im Nu da raus«, sagte ihm der Feuerwehrmann und verschwand so schnell, wie er gekommen war. Er kam mit einem Kollegen und einem stabilen Metallsteg wieder, über den Toby zum Fenster laufen konnte, und wie versprochen hatte er den Jungen fast im Handumdrehen durchs Fenster gehoben und in Sicherheit gebracht. Als Toby aus meinem Blickfeld verschwand, wurde mir flau. Ich zitterte vor Erleichterung. Eine Menge Kraft schien mich zu verlassen.

Der Kollege stieg jetzt zum Fenster herein, überquerte den Steg in der Gegenrichtung und blieb an seinem Fußende stehen, ein, zwei Schritte von dort, wo ich lag.

«Lee Morris?«fragte er. Dr. Livingstone, nehme ich an.

«Ja«, sagte ich.

«Es dauert nicht mehr lange.«

Sie kamen mit Klettergurten, mit Stützspindeln und Hebestangen, mit Schlingen, Schneidwerkzeug und einem Minikran; und sie verstanden ihr Geschäft, doch der ganze Bereich, in dem ich lag, erwies sich als äußerst unsicher, und mittendrin kam noch ein Stück vom Presseturm durch das Dach gedonnert, verfehlte meine Füße um Millimeter, prallte ab und plumpste in das 5-Etagen-Loch, in dem einmal die Treppe war. Man hörte es auf seiner Niederfahrt mit etlichen zerstörten Wänden kollidieren, bis es schließlich unten mit einem letzten, dumpf widerhallenden Schlag auseinanderbrach.

Die Feuerwehrleute schwitzten und errichteten Stützen vom Boden bis zur Decke, wo immer es ging.

Sie arbeiteten sich zu dritt heran, vorsichtig, ohne irgendeinen unbedachten Schritt zu tun. Dann bekam ich mit, daß einer von ihnen wahrhaftig eine Videokamera bediente. Das Surren kam und ging. Ich drehte den Kopf, um dem Laut nachzugehen, und das Objektiv der laufenden Kamera war direkt auf mein Gesicht gerichtet, was ich zwar sehr peinlich fand, aber nicht ändern konnte. Ein vierter Mann tauchte auf, ebenfalls in Gelb, mit einem Seil um die Taille, und auch er hatte eine Kamera dabei. Das gibt’s doch nicht, dachte ich. Er fragte die drei anderen, wie es vorangehe, und ich entnahm seine Funktion —»Polizei«- den schwarzen Lettern auf der gelben Jacke.

Das Gebäude knarrte.

Die Männer hielten still, warteten. Die Geräusche hörten auf, und mit äußerster Vorsicht bewegten die Feuerwehrleute sich weiter, fluchend, mutig, engagiert, an Risiken gewöhnt.

Ich lag reglos auf dem Bauch und dachte ergeben, daß ich kein schlechtes Leben gehabt hatte, falls es jetzt zu Ende ging. Die Feuerwehrleute waren entschlossen, mein Ende auf später zu verschieben. Sie holten Gurtwerk herauf, zogen es mir unter der Brust durch und befestigten es an Armen und Schultern, damit ich nicht abrutschen und in das gähnende Loch stürzen konnte. Stück für Stück stemmten sie die schweren Brocken Stein und Putz über mir weg und befreiten mich von zersplitterten Balken, bis sie mich an dem Gurtwerk ein, zwei Meter den abschüssigen Boden heraufziehen konnten, zur Tür des Richternests. Da hätte man mehr Halt unter den Füßen, meinten sie.