Ich war ihnen keine große Hilfe. Ich hatte da so lange halb zerquetscht gelegen, daß meine Muskeln nicht auf Befehle ansprachen. Die meisten antworteten erst mit einem Kribbeln, dann mit einem pochenden Schmerz wie nach einer Aderpresse, aber das war auszuhalten. Die von den Holzsplittern verursachten Schnittwunden waren schlimmer.
Ein Mann in einer phosphorgrünen Jacke kam durch das Fenster, überquerte den Metallsteg und sagte mir, indem er auf die schwarze Schrift über seiner Brust zeigte, er sei Arzt.
Dr. Livingstone? Nein, Dr. Jones. Auch gut.
Er beugte sich zu meinem müden, schwer gewordenen Kopf herunter.
«Können Sie mir die Hand drücken?«fragte er.
Ich drückte sie entgegenkommend und sagte ihm, ich sei nicht weiter verletzt.
«Gut.«
Er ging fort.
Erst lange danach, als ich mir eines der Videobänder anschaute, begriff ich, daß er mir nicht ganz geglaubt hatte, weil mein weißes Hemd bis auf den Kragen und die Ärmel blutig und die Haut an mehreren Stellen aufgerissen war. Jedenfalls erwartete er, als er wiederkam, nicht, daß ich aufstand und wandelte, sondern brachte eine Bahre mit, die wie ein Schlitten aussah — keine flache, von der man leicht hätte herunterfallen können, sondern eine mit Haltestangen an den Seiten, die sich besser tragen ließ.
Da ein Feuerwehrmann das letzte Stück Balken von meinen Beinen weghebelte und die beiden anderen mich an den Gurten zogen, schaffte ich es, Hand über Hand vorwärtszukriechen und mich mit dem Gesicht nach unten auf das vorgesehene Transportmittel zu legen. Als mein Schwerpunkt mehr oder weniger auf dem Steg ruhte und ich von den Oberschenkeln aufwärts Halt hatte, setze das unheilvolle Knarren im Gebäude wieder ein, nur diesmal stärker, von Zittern begleitet.
Der Feuerwehrmann hinter meinen Füßen sagte:»Jesses«, sprang auf den Steg und zwängte sich mit ansteckender Eile an mir vorbei. Als hätten sie es geprobt, ließen er und die anderen das langsame Verfahren sausen, packten meine Bahre und zogen sie, während ich mich wie eine Klette daran klammerte, schleunigst über den schmalen Pfad zu den Fenstern.
Das Gebäude erschauerte und bebte. Der Rest des Presseturms — der bei weitem größte Teil — neigte sich vornüber, brach los und krachte mit tödlicher Gewalt durch die Überreste der Decke genau auf die Stelle nieder, wo ich gelegen hatte, riß durch sein Gewicht den ganzen Absatz aus den Wänden und sauste unter furchterregendem Gedonner und Gepolter in die Tiefe. Sand, Staub, Steine, Glassplitter und Brocken abgeplatzten Putzes erfüllten die Luft. Gebannt schaute ich über meine Schulter zurück und sah Tobys Versteck, das kleine Sideboard, nach vorn kippen und in den Abgrund rutschen. Der Boden des Richter-nests sackte weg, so daß der an der Fensterbank eingehängte Steg jetzt ins Leere ragte. Meine Beine hingen von den Knien abwärts in der Luft.
Unglaublicherweise filmte der Polizist von draußen vor dem Fenster weiter.
Ich ergriff die Haltestangen der Bahre, die Finger verkrampft in der elementaren Furcht zu fallen. Die Feuerwehrleute faßten mich am Schultergurt, hoben die Bahre, brachten sich und mich mit einem Ruck außer Gefahr, und plötzlich hatten wir alle wieder die Sonne im Gesicht, ein verlotterter Haufen, gebeutelt, Staub hustend, aber lebendig.
Einfach wurde es auch da noch nicht. Die betonierten Sitzreihen der Tribüne reichten nur bis zur Etage unter dem Richternest, und um das Rettungsgerät die letzten drei Meter heraufzubringen, hatte man ein kompliziertes Gerüst aufstellen müssen. Unten bei den Rails, wo das Publikum an Renntagen die Starter ins Ziel jubelte, waren die Zuschauerplätze auf dem Rasen und dem Asphalt mit Fahrzeugen vollgestellt: Löschzüge, Polizeiwagen, Krankenwagen — und zu allem Überfluß der Ü-Wagen eines Fernsehsenders.
Ich sagte, es wäre doch viel besser und angenehmer, wenn ich aufstehen und auf den eigenen Füßen hinunterklettern würde, aber niemand beachtete mich. Der Arzt erschien wieder und sprach von inneren Verletzungen und der Notwendigkeit, mich vor mir selbst zu schützen, und so erhielt ich gegen meinen Willen einen Schnellverband, wurde unter eine Decke gepackt, auf der Bahre festgezurrt und langsam, behutsam Schritt für Schritt nach unten und zu den Rettungswagen transportiert. Ich bedankte mich bei den Feuerwehrleuten. Sie grinsten.
Am Ende des Weges standen fünf Jungen nebeneinander, verängstigt und fürchterlich angespannt.
Ich sagte:»Mir geht’s prima, Jungs«, aber sie wirkten nicht überzeugt. Ich wandte mich an den Arzt:»Das sind meine Kinder. Sagen Sie ihnen, daß ich auf dem Damm bin.«
Er sah auf mich und auf ihre unglücklichen jungen Gesichter.
«Euer Vater«, sagte er mit Bedacht,»ist groß und kräf-tig, und es geht ihm soweit gut. Er hat ein paar Prellungen und Schnittwunden, auf die wir ihm ein Pflaster kleben werden. Ihr könnt ganz beruhigt sein.«
Sie lasen das Wort» Arzt «auf der Vorderseite seiner leuchtend grünen Jacke und beschlossen, ihm einstweilen zu glauben.
«Wir bringen ihn jetzt hier ins Krankenhaus«, sagte der Mann in Grün, auf eine wartende Ambulanz deutend,»aber er ist bald wieder bei euch.«
Roger erschien neben den Jungen und sagte, seine Frau und er würden sich um sie kümmern.»Seien Sie unbesorgt«, sagte er.
Die Sanitäter schoben mich mit den Füßen voran in ihr Fahrzeug.
Ich sagte zu Christopher:»Möchtet ihr, daß eure Mutter kommt und euch nach Hause holt?«
Er schüttelte den Kopf.»Wir wollen im Bus bleiben.«
Die anderen nickten stumm.
«Ich ruf sie mal an«, sagte ich.
Toby sagte eindringlich:»Nein, Pa. Wir wollen im Bus bleiben. «Ich merkte, daß er immer noch viel zu beunruhigt war. Alles, was dem abhalf, konnte nur gut sein.
«Also dann spielt Einsame Insel.«
Sie nickten alle, auch Toby, der erleichtert aussah.
Der Arzt fragte, während er mein Krankenblatt für den Transport ausfüllte:»Was heißt denn Einsame Insel?«
«Daß sie eine Zeitlang auf sich gestellt sind.«
Er lächelte beim Schreiben.»Herr der Fliegen?«
«So weit laß ich es nicht kommen.«
Er gab das Formular einem der Sanitäter und blickte noch einmal zu den Jungen.»Feine Kerle.«»Die sind bei mir gut aufgehoben«, versicherte Roger nochmals.»Kein Problem.«
«Ich rufe Sie an«, sagte ich.»Vielen Dank auch.«
Die fleißigen Sanitäter warfen hinter mir die Tür zu, und später erfuhr ich, daß Mrs. Gardner den Jungen Rosinenkuchen vorsetzte, bis sie kein Stück mehr herunterbrachten.
Von meinen Verletzungen her rangierte ich auf der Prioritätenliste der Unfallstation ziemlich weit unten, doch die Lokalmedien schenkten mir mehr Beachtung, als mir lieb war. Der Äther schwirrte förmlich vom» Bombenterror auf der Rennbahn«. Ich bat ein paar teils genervte, teils hingerissene Schwestern, das Telefon benutzen zu dürfen, und rief meine Frau an.
«Was zum Teufel ist bloß los?«wollte sie mit schriller Stimme wissen.»Gerade hat irgend so eine blöde Zeitung angerufen, ob ich wüßte, daß mein Mann und meine Söhne in die Luft gejagt worden sind. Ist das zu glauben?«
«Amanda…«
«Du bist doch offensichtlich nicht in die Luft gejagt worden.«
«Welche Zeitung?«
«Was liegt daran? Ich weiß es nicht mehr.«
«Ich werde mich beschweren. Aber hör mal zu. Irgendein Kampfhahn hat auf der Stratton-Rennbahn Sprengstoff ausgelegt, und so ist wirklich ein Teil der Tribüne hochgegangen — «
Sie unterbrach.»Die Jungen. Ist ihnen nichts passiert?«
«Gar nichts. Sie sind völlig in Ordnung. Nur Toby war noch in der Nähe, und ein Feuerwehrmann hat ihn rausgeholt. Ich versichere dir, daß keiner von ihnen verletzt ist.«
«Wo seid ihr jetzt?«»Die Jungen sind beim Rennbahnverwalter und seiner Frau — «